Jetzt kommt er wieder nach Deutschland, nicht, wie beim letzten Mal, fast beiläufig auf der Durchreise, sondern als Staatsgast, am Dienstag und Mittwoch nächster Woche. Und prompt taucht auch das alte Gerücht von der unterkühlten Beziehung zwischen Barack Obama und Angela Merkel wieder auf. Immerhin fünf Jahre, so heißt es, habe der amerikanische Präsident die deutsche Kanzlerin auf seinen ersten offiziellen Besuch warten lassen. Eine Retourkutsche für ihre Weigerung, ihn im Sommer 2008 als Präsidentschaftskandidaten vor dem Brandenburger Tor auftreten zu lassen, sagen die einen. Ein Symbol für Amerikas Abwendung von Europa, für die Verlagerung seiner Interessen nach Asien, sagen andere.

Für zwei Regierungschefs, die angeblich wenig miteinander anfangen können, unterhalten sich die beiden allerdings erstaunlich viel. Auf Besuchen und Gipfeltreffen haben sich Obama und Merkel mehr als ein Dutzend Mal zu Vieraugengesprächen zurückgezogen. Alle paar Wochen telefonieren sie, oft per Videoschaltung. Ob Iransanktionen oder Afghanistankrieg, Arabischer Frühling oder Terrorbedrohung, ob globales Finanzchaos oder Euro-Debakel – über jede Krise haben der Präsident und die Kanzlerin ausführlich miteinander gesprochen. Auf die Frage des Time Magazine, mit wem in der Welt er am engsten zusammenarbeite, antwortete Obama im Februar 2012: Angela Merkel! Erst danach nannte er die Premiers und Präsidenten anderer westlicher Verbündeter wie Indien, Südkorea und Großbritannien.

Dass die beiden bei ihren Begegnungen immer noch etwas hölzern und distanziert wirken, sei halt so bei zwei abgeklärten "Vernunftmenschen", sagt Jim Steinberg, bis vor zwei Jahren Vize-Außenminister der USA und mehrfacher Augenzeuge der Kanzlerin-Präsidenten-Treffen. "In der Welt von heute geht es um Interessen und nicht um Freundschaften."

Er will sein Land erneuern, sie das ihre so wenig wie möglich verändern

Erklärt das schon alles? Wie gut können sie miteinander, der Präsident und die Kanzlerin? Und wie wirkt sich ihr Verhältnis auf die transatlantische Partnerschaft aus, jetzt, da in Fragen der Euro-Krise, der Krisen im Nahen Osten oder im jüngsten US-Datenskandal immer neuer Konfliktstoff auftaucht? Ist die Berlin-Visite mehr als ein nachgeholter Routinebesuch?

Obama redet mitreißend, Merkel langweilig. Er will sein Land von Grund auf erneuern, sie das ihre so wenig wie möglich verändern. Er polarisiert, sie umarmt den politischen Gegner. So unterschiedlich die beiden auf den ersten Blick sind – inzwischen trauen sie einander.

Es hatte gar nicht so lange gedauert, bis sie ihre gegenseitige Skepsis überwanden. Im Frühjahr 2009 – Merkel hatte auf dem G20-Gipfel in London Obamas Wunsch nach einem großen europäischen Konjunkturpaket zur Ankurbelung der Weltwirtschaft gerade eine brüske Abfuhr erteilt – platzierte der britische Premier die Deutsche beim Abendessen rechts neben den Amerikaner. Die Stimmung sei angespannt gewesen, berichten enge Mitarbeiter von Obama. Merkel tippte zwischendurch auf ihren Blackberry, aber irgendwann kamen sie dann doch ins Gespräch.

Merkel erzählte von ihrem Leben in der DDR und Obama von seinen Kindheitsstationen Hawaii und Indonesien. Der schwarze Präsident und die ostdeutsche Kanzlerin scherzten, wie sie es als Angehörige einer "Minderheit" an die Staatsspitze geschafft hätten. Obama erfuhr, dass Amerika schon früh Merkels "Sehnsuchtsort" gewesen sei, dass sie gleich nach dem Fall der Mauer mit ihrem Mann nach Kalifornien geflogen sei.