NSU-Mordserie : Es geschah an einem Montag

Hätte man die Taten des NSU-Terrortrios verhindern können? Diese Frage stellen sich zwei Polizisten, die wissen, dass eine Chance vertan wurde

Nur eine schmale Straße trennt Thomas Matczak am 26. Januar 1998 in Jena von Uwe Böhnhardt. Er könnte hinübergehen und ihn festnehmen. Aber Matczak geht nicht hinüber, keiner seiner Kollegen geht hinüber an jenem Montagmorgen. Es ist kalt. Die Polizisten durchsuchen zwei Garagen nach Sprengstoff. Böhnhardt wird verdächtigt, Bomben zu bauen, als er gegenüber seinem Elternhaus eine Sporttasche in den Kofferraum seines Wagens legt und davonfährt. Thomas Matczak ist einer der letzten Polizisten, die ihn sehen, bevor Böhnhardt gemeinsam mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe verschwindet. Erst 13 Jahre darauf werden sie wieder auftauchen. Als NSU-Terrortrio. Da ist Böhnhardt tot, und Matczak hat ein Problem. Sein Gewissen. Er erinnert sich an jenen Morgen im Januar, aber er erinnert sich anders daran als seine Kollegen.

Im Mai 2013 steht Thomas Matczak noch einmal in derselben Straße, die Garagen gibt es noch immer, nur die Plattenbauten rundherum wurden renoviert und schimmern pastellfarben. Seit damals war er nie wieder an diesem Ort. Matczak läuft zum Haus Nummer 11, steigt die Treppen zum Eingang hinauf, sieht auf die Klingelschilder. Böhnhardt steht da. Die Eltern wohnen noch immer dort. Matczak weicht zurück, das hat er nicht gedacht. "Komisches Gefühl, oder?", sagt er leise. Er hat vermutet, dass sie weg sind, umgezogen, in der Vergangenheit versunken. Das ist einer dieser Augenblicke, in denen Matczak die damaligen Ereignisse sehr nah erscheinen, allzu gegenwärtig. Er schaut zu den Fenstern hinauf, überlegt, wo die Wohnung liegt, in der er vor 15 Jahren war. Sein Brustkorb bebt. Matczak ist 47, Kriminalhauptkommissar beim Staatsschutz der Kriminalpolizeiinspektion Jena, und er ist es nicht gewohnt, über seine Arbeit zu reden. Seine Antworten sind meist nach wenigen Sätzen zu Ende. Zwischendurch ist er lange still, muss durchatmen, bevor er weitersprechen kann. Er ringt um Atem und um Worte. "Ich bin zufrieden, dass endlich die Wahrheit herauskommt", sagt er. Er sagt "zufrieden".

Damals, nach der Garagendurchsuchung, beantragt Matczak seine Versetzung. Zwei Gründe dafür sind sein Frust und sein Unverständnis über ihren Verlauf, über die Flucht Böhnhardts. Der Einsatz, der so anders ist als alle davor und danach, wirkt heute wie ein Mahnmal in seiner Polizeilaufbahn.

Matczaks Kollegen Mario Melzer vom Landeskriminalamt Thüringen geht es ähnlich. Wenn er jetzt Beate Zschäpe im Fernsehen sieht, wie sie im Prozess auftritt, erinnert er sich an ihre Begegenungen, er kennt ihre Mimik und Gestik. Sie hat sich kaum verändert, seit er sie in den neunziger Jahren zweimal vernahm. "Genau mit diesem Blick hat sie mich angeschaut", sagt Melzer. Auch Uwe Böhnhardt saß einmal vor Melzer. Bevor es den NSU gab und das Trio untertauchte. Mario Melzer, 43, ist Kriminalhauptmeister beim LKA in Erfurt. Damals gehört er zur Sonderkommission Rechtsextremismus (Soko Rex), später zur Ermittlungsgruppe Terrorismus/Extremismus (EG Tex). Melzer jagt Rechtsextreme, er jagt auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe – das Trio, das noch nicht als Trio bekannt ist. Aber an jenem Januarmorgen 1998 ist Melzer bei einem anderen Einsatz. Zur Durchsuchung ist der Ermittler, der damals wahrscheinlich am meisten über das Trio weiß, nicht eingeteilt.

Thomas Matczak und Mario Melzer haben einander nie getroffen, sie kennen voneinander nur die Namen. Melzer erzählt rastlos, Matczak zaghaft. Melzer ist laut, Matczak leise. Melzer ist sich sicher, Matczak zweifelt. Vereint sind sie in ihrem Entsetzen über den Einsatz am 26. Januar 1998. Die Durchsuchung ist das Trauma der Polizisten Matczak und Melzer, ihre Auswirkungen spüren sie bis heute. Sie sind mit den Ermittlungen damals nicht einverstanden. Bis heute haben sie es schwer, ihrer Version der Ereignisse Gehör zu verschaffen. Bis heute denken sie darüber nach, warum es damals schiefging. Und bis heute treibt sie ein Gedanke um: Wäre der 26. Januar 1998 anders verlaufen, vielleicht hätte es den NSU nie gegeben. Vielleicht wären zehn Menschen noch am Leben.

Am Freitag vor dem 26. Januar erfährt Thomas Matczak, dass er am Montag das LKA bei einer Durchsuchung unterstützen soll. Worum es geht, weiß er nicht. Montagfrüh um sechs trifft er sich mit seinen Kollegen in Raum 202, im früheren Parteikabinett, der Kriminalpolizeiinspektion Jena. Matczak kann sich nicht mehr daran erinnern, wer die Besprechung damals führte. Der damalige Leiter der EG Tex vom LKA Thüringen, Jürgen Dressler, ist an jenem Morgen jedenfalls nicht dabei. Sein Vertreter Dieter Fahner ist somit der zuständige Einsatzleiter. Dressler sagt am 11. April 2013 vor dem Thüringer Untersuchungsausschuss, er sei seinerzeit bei einer Fortbildung gewesen. Sein Verhalten in dieser Geschichte ist nicht ganz eindeutig. Der Ermittlungsführer lernt am Tag der wichtigsten Durchsuchung von Rechtsextremen den Umgang mit Computerprogrammen? Das ist nur eine der vielen Merkwürdigkeiten jenes Tages. Matczak wundert sich noch immer darüber, gewöhnlich würde ein Ermittlungsführer die Fortbildung absagen oder die Durchsuchung verschieben.

Thomas Matczak weiß 1998 wenig über den Fall. Uwe Böhnhardt, den Namen, der auf dem Durchsuchungsbeschluss steht, hat er schon einmal gehört, in Zusammenhang mit mehreren Bombenattrappen und einer Bombe in Jena. Matczak wird erklärt, dass es auch diesmal um Sprengstoff geht. Zwei Teams werden gebildet. Er soll mit mehreren Kollegen zwei nebeneinanderliegende Garagen in Jena-Lobeda durchsuchen. Wie viele Beamte es genau sind, daran entsinnt er sich nicht mehr. Das zweite Team fährt zu einer weiteren Garage an einer Kläranlage. Gegen halb sieben morgens bricht Matczaks Team auf. Matczak denkt nicht weiter über den Einsatz nach, für ihn ist es Routine. Er kennt keine Hintergründe oder Absprachen mit der Staatsanwaltschaft. Vom Polizeipräsidium bis ins Neubaugebiet Jena-Lobeda brauchen Matczak und seine Kollegen vielleicht eine Viertelstunde. Gegen sieben, halb acht treffen sie dort ein und klingeln an der Tür der Familie Böhnhardt.

Vor dieser Tür hätte auch Melzer gern gestanden, diese Durchsuchung hätte seine Ermittlungen krönen können. Vielleicht wäre sie dann anders ausgegangen. Melzer hat an fast allen Fällen und entscheidenden Verfahren mitgewirkt, die schließlich zu den Durchsuchungen am 26. Januar 1998 führen.

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