Offshore-WindparksWende ohne Anschluss

Vor der Küste erzeugter Windstrom ist günstig wie nie, aber die Politik bremst die Branche aus. Daran könnte die Energiewende scheitern. von 

Es sind herausragende Neubauten: In Sichtweite der ostfriesischen Insel Borkum erhebt sich ein Dutzend nagelneuer Windmühlen jeweils 150 Meter über dem Meer. Hightech vom Feinsten, dank größerer Erfahrung flott errichtet. Doch der Fortschritt läuft ins Leere. Die Rotoren stehen still – der Anschluss ans Stromnetz fehlt.

Leider hat solcher Stillstand System, nicht nur vor Borkum. Zwar gilt die Offshore-Windenergie offiziell als zentrales Element der Energiewende, als entscheidender Ersatz für die Kernkraft. Aber bisher wurde noch jedes der Projekte verzögert. Vor Borkum etwa haben diffuse Zuständigkeiten und Haftungsfragen, lange Genehmigungsprozesse und schließlich der Fund von Weltkriegsmunition den Netzanschluss stark verzögert. Zusätzlich zwingen unklare Rahmenbedingungen die Offshore-Branche in die Knie. Die Energiewende steht auf der Kippe.

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Eigentlich sollte der Strom vom Meer – neben Windkraft und Photovoltaik an Land – zur dritten tragenden Säule unserer künftigen Elektrizitätsversorgung werden. So hatte es die rot-grüne Bundesregierung 2002 mit ihrem Atomausstiegsplan verkündet. Und so hatte es die schwarz-gelbe Regierung nach Fukushima erneut beschlossen. Die Grafik mit entsprechenden Ausbauzielen war dafür aus dem Werbematerial der Windlobby eilig in die Kabinettsvorlage kopiert worden. 2.000 Offshore-Windräder mit zehn Gigawatt Gesamtleistung – das entspricht in etwa der Jahresstromproduktion von fünf Atomkraftwerken – sollten demnach bis 2020 ans Netz gehen, im folgenden Jahrzehnt mindestens noch einmal so viele.

Doch vom geplanten raschen Atomkraftersatz haben sich inzwischen selbst die Lobbyisten der Windenergie verabschiedet. Das wurde in der vergangenen Woche in Bremerhaven klar, als 800 Experten aus Industrie und Wissenschaft auf dem jährlichen Branchentreff, der Windforce-Konferenz, diskutierten.

"Das Ziel für 2020 ist sicherlich nicht mehr erreichbar", sagt Jörg Kuhbier, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Offshore-Windenergie, früher SPD-Umweltsenator in Hamburg. Dem stimmt auch der Offshore-Optimist Jens Eckhoff von der CDU zu, Konferenzorganisator und ehemaliger Bremer Umweltsenator. In Nord- und Ostsee sind bisher nur Windparks mit 0,3 Gigawatt Leistung am Netz, im Bau sind weitere 2,7 Gigawatt. Experten rechnen statt mit zehn nun mit weniger als sechs Gigawatt bis 2020. Viele Windparks sind zwar genehmigt. Aber alle Investitionsentscheidungen liegen auf Eis.

Die Strompreisbremse der Politik verunsichert die Investoren

Schuld an der Verzögerung ist der Streit um das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Dieses kurbelt die Ökostromproduktion zwar wunschgemäß an, belastet aber einseitig die Verbraucher. Vor allem die privaten Stromkunden müssen die wachsende Differenz zwischen dem niedrigen Preis von (zeitweise sogar überschüssigem) Strom an der Börse und dem hohen Garantiepreis bezahlen, den Ökostromerzeuger 20 Jahre lang gemäß EEG kassieren. So sank im vergangenen Monat der Börsenpreis für (Öko-)Strom auf das Rekordtief von 3,25 Cent pro Kilowattstunde, während seine Produzenten ein Vielfaches dafür erhalten. Sogar die EU-Kommission kritisiert das EEG-Umlagensystem als wettbewerbsverzerrend.

Entsprechend fabulieren die Politiker von einer "Strompreisbremse", um die Verbraucher zu schützen. Das allerdings verunsichert die Investoren: Wie ein Fanal wirkten im Februar die Vorschläge von Umweltminister Peter Altmaier und Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Sie wollten unter anderem die Einspeisevergütung für bereits gebaute Anlagen kürzen. Kanzlerin Merkel pfiff ihre Minister zwar öffentlich zurück, doch das Vertrauen war perdu. Jeder Investor wusste nun: Das EEG ist angezählt, die goldenen Zeiten sind vorbei. Umgehend erhöhten die Banken ihre Risikoaufschläge für Offshore-Finanzierungen. Schließlich fehlt jedem Wirtschaftsplan die Verlässlichkeit, wenn Vergütungen im Nachhinein geändert werden können.

Wie die Energiewende besser gesteuert werden könnte, darüber ist die Politik tief zerstritten. Da wird auch das Treffen mit den Ministerpräsidenten nicht helfen, zu dem Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Donnerstag geladen hat. "Bis zur Bundestagswahl wird sich an der großen Unsicherheit leider nichts mehr ändern", meint Windfreund Eckhoff, der das Ohr dicht an der CDU-Parteiführung hat. Politischer Hickhack wird die überfällige Grundsanierung des EEG blockieren – und damit auch die junge Offshore-Branche.

Selbst wenn die Regelungen des EEG zunächst unangetastet blieben – wie sie nach 2017 aussehen sollen, ist völlig unklar. Das ist Gift. Denn die Milliardeninvestitionen für Offshore-Windparks brauchen einen langen Vorlauf. Der Zitterstillstand hat bereits Folgen: 5.000 Arbeitsplätze sind bedroht, sagt die Arbeitsagentur. Hunderte Leiharbeiter wurden entlassen, es gab erste Insolvenzen.

Staatliche Fehlplanungen beruhen auf längst überholten Zielen

Und der nächste Schildbürgerstreich ist bereits in Arbeit. Um Stillstände wie vor Borkum zu vermeiden und neue Offshore-Windparks rechtzeitig anschließen zu können, soll der Netzausbau nun nach einem Zehnjahresplan der Bundesregierung verlaufen. Der erste Entwurf dazu liegt vor. Er geht weiterhin von den 2002 angepeilten Zielen aus – die längst überholt sind. Daher drohen erhebliche Überkapazitäten, die nach Berechnungen einer vom Netzbetreiber TenneT beauftragten Studie zu Leerlaufkosten von bis zu einer Milliarde Euro im Jahr 2021 führen könnten. Hingegen ist eine Vernetzung in- und ausländischer Windparks, die Hunderte Kabelkilometer sparen und die Ausfallsicherheit erhöhen würde, selbst langfristig nicht in Sicht.

Das Chaos verteuert Offshore-Windstrom unnötig. Dabei könnte er sogar billiger werden. Der durchschnittliche Ertrag aller Windräder auf dem Meer war 15 Prozent höher als erhofft. Wenn jedoch die notwendigen Investitionen für Jahrzehnte zum Spielball kurzatmiger Politik verkommen – dann wird die Energiewende scheitern.

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Leserkommentare
    • schego
    • 30. Juni 2013 16:41 Uhr

    Strom, an der Küste produziert, kann vor Ort, also in Küstennähe, zu Gas verarbeitet werden. Das Gas wird dabei in die bestehenden Netze eingeschleust. "Power to Gas" heißt das Verfahren. Mit dem Gas können dann Großkraftwerke und auch BHKW's landesweit betrieben werden. Leider entfallen bei dem Verfahren die enormen Leitungsstränge und Durchleitungsgebühren für Strom. Hier ist doch wieder eine Lobby am Werk und Politiker die nichts kapieren.

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  • Schlagworte Nordsee | Offshore-Windkraftanlagen | Windenergie
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