Kurz bevor in einem Berliner Hotel das Gespräch mit Michael Sandel beginnt, trifft, purer Zufall, die Mail einer jungen Philosophin ein. Sie schreibt aus den mazedonischen Bergen, aus dem Trainingszentrum einer Bank, die dort ihre Jungmanager aus den Balkanländern und aus Afrika schult. Dort werden die Ethik-Vorlesungen von Michael Sandel, dem Harvard-Philosophen, für Seminare über Ethik und Kapitalismus verwendet. Ich erzähle Michael Sandel zuallererst von dieser Mail: von den Sandel-Schülern in den mazedonischen Bergen. Er freut sich erkennbar und interessiert sich prompt für die Arbeit der jungen Philosophin. Aber ebenso zweifellos macht er nicht zum ersten Mal Bekanntschaft damit, dass seine Gedanken sich seit Jahren wie ein Lauffeuer bis in die entlegensten Ecken herumsprechen. Er äußert sich kurz freundlich über die Banker in den Bergen. Und dann überlegen wir, womit wir unser Gespräch über die großen alten Fragen beginnen wollen, die wir den Philosophen der Gegenwart für dieses ZEIT-Heft gestellt haben. Sandel ist einverstanden damit, auf jede dieser Fragen seine eigene Antwort zu geben, auch wenn er für eine einzelne nur wenige Minuten Zeit hat, während die anderen Autoren für nur eine Frage viel Zeit hatten. Doch wir kommen schnell überein, dass wir zunächst mal beim Fragen möglichst vorn anfangen sollten.

DIE ZEIT: Aber wo ist vorn?

Michael Sandel: Wo es einfach ist.

ZEIT: Fangen wir so an: Was ist eine gute Frage? Oder gibt es nur gute?

Sandel: Gute Fragen sind einfach. Sie stellen infrage, was offensichtlich erscheint. Die Fragen der Kinder sind aus dem Grund gut, dass sie in ihrer Einfachheit auf Grundlegendes zielen. Die ausgeklügelten Fragen der Philosophie halten oft Abstand zum Grundlegenden.

ZEIT: Warum sollte man überhaupt die Philosophen fragen? Was wissen sie mehr oder anders als jeder andere?

Sandel: Philosophen sollten sich nicht als Menschen verstehen, die Fragen beantworten, sondern als solche, die Fragen stellen. Sokrates hat Fragen gestellt. Bei ihm kann man in die Lehre gehen. Manche denken sich den Philosophen als jemanden, der von oben herab nach unten Weisheit verteilt. Aber das kehrt die eigentliche Rolle des Philosophen um.

ZEIT: Was unterscheidet die Fragen des Philosophen von denen des Wissenschaftlers?

Sandel: Forscher erkunden die empirische Welt. Philosophen lassen sich auf die Frage ein, wie wir leben, was ein gutes Leben wäre und was Ideen bedeuten.

ZEIT: Hat es die Philosophie immer mit Bedeutungen zu tun?

Sandel: Ja. Allen guten Fragen der Philosophie geht es um Bedeutungen. Sie finden sich ja nicht von allein, man muss sie suchen und um sie streiten.

ZEIT: Und was ist der Unterschied zwischen den Fragen von Philosophen und denen der Intellektuellen? Liegt er in der kritischen Haltung?

Sandel: Intellektuelle haben es im Allgemeinen mit Ideen, mit deren Geschichte und deren politischem Einfluss zu tun. Philosophen aber wollen vor allem mit ihren Bemühungen um Deutungen dem menschlichen Leben, ob dem individuellen oder dem kollektiven, einen Sinn abgewinnen. Philosophie ist immer kritisch, weil sie Werteentscheidungen trifft.

ZEIT: An wen wenden sich Philosophen mit ihren Gedanken? An die breite Öffentlichkeit? Nur an kleine Eliten?

Sandel: In der Philosophie ist viel Spielraum für Arbeitsteilung. Die meisten Philosophen sprechen zumeist nur miteinander, und dies in einer Spezialsprache, die niemand außer den Experten versteht. Ich respektiere diese spezialisierte Philosophie sehr, sie hat eine ganz eigene Integrität. Andere hingegen möchten von der breiten Öffentlichkeit verstanden werden, und zu denen zähle ich mich. Ich möchte als Philosoph nicht von der realen Welt und dem Leben der Bürger getrennt sein.

ZEIT: Ihre Studenten sind eine feine, kleine Elite.

Sandel: Ich sehe keine scharfe Unterscheidung zwischen den politischen oder akademischen Eliten, der Öffentlichkeit und dem Bürger. Meine Lehre an der Universität und mein Umgang mit der Öffentlichkeit außerhalb des Hörsaals verfahren gleichermaßen nach der Methode, dass ich gegenwärtige ethische Fragen mit den Vorschlägen der Moralphilosophie oder der politischen Philosophie zusammenbringe, um sie an Beispielen aus der realen Welt abzuwägen.