Was ein gutes Leben ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Darüber lässt sich nichts Verallgemeinerbares sagen. Wirklich nicht? Als meine Großmutter im Sterben lag und gefragt wurde, was sie in ihrem Leben anders machen würde, wenn sie es noch einmal leben könnte, meinte sie: Nicht viel. Aber sie hätte nicht mehr so viel Angst. Diese Aussage ist erstaunlich verallgemeinerbar: Sich weniger gesorgt und mehr um die Freunde gekümmert zu haben ist ein Wunsch, den viele Menschen rückblickend für ihr Leben haben. Angst haben aber ist eine Weise der Weltbeziehung. Welche Alternativen gibt es? Machen wir ein Gedankenexperiment:

7 Uhr. Anna sitzt am Frühstückstisch. Neben ihr sitzt ihr Mann, ihr halbwüchsiger Sohn und ihre fast schon erwachsene Tochter kommen hinzu. Die Kinder strahlen sie an – sie strahlt zurück. Mein Gott, wie lieb ich sie habe, denkt sie. Diese gemeinsamen Momente vor dem Aufbruch am Morgen gehen mir über alles.

8 Uhr. Auf dem Weg zur Arbeit lacht die Sonne. Anna genießt die Wärme, sie freut sich auf die Aufgaben, die vor ihr liegen, auf das Wiedersehen mit den Kollegen. Sie hat Lust, loszulegen.

18 Uhr. In der Turnhalle. Anna ist froh, sich endlich bewegen zu können, sie liebt das Spielerische, das manchmal Ästhetische, das oft Überraschende und auch das Kämpferische beim Volleyball mit ihrer Freizeitgruppe – die Leute, das Spiel, die Bewegung tun ihr gut, gleichgültig, ob sie gewinnt oder verliert.

Ganz anders ergeht es Hannah.

Weltbeziehung voll Misstrauen

7 Uhr. Hannah sitzt am Frühstückstisch. Neben ihr sitzt ihr Mann, ihr halbwüchsiger Sohn und ihre fast schon erwachsene Tochter kommen hinzu. Die schlechte Laune ist sicht-, spür- und greifbar. Mein Gott, wie ich das hasse, denkt Hannah. Was habe ich mit diesen Leuten zu schaffen? Was verbindet mich mit ihnen, außer dass ich für sie sorgen muss?

8 Uhr. Auf dem Weg zur Arbeit scheint die Sonne. Hannah hasst das grelle Licht, sie fürchtet sich vor Sonnenbrand. Missmutig denkt sie an die Arbeit, die vor ihr liegt. Mir reicht es schon, denkt sie, die immer gleich dumpfen Gesichter meiner Kollegen sehen zu müssen, ihre immer gleichen Sprüche zu ertragen.

18 Uhr. In der Turnhalle. Hannah fragt sich, was sie hier tut. Sicher, sie braucht Bewegung, aber muss sie sich wirklich nach der Arbeit noch abrackern? Ihr wird schon schlecht vom Geruch der Halle. Sie trifft die Bälle nicht richtig, sie ist genervt, weil die Mitspieler zu ehrgeizig sind. So ist sie froh, wenn es vorbei ist.

Es bedarf keiner waghalsigen Interpretationsleistungen, um hier zu urteilen, dass Anna einen gelungenen, Hannah dagegen einen misslungenen Tag erlebte, obwohl die Abläufe sich nicht unterschieden. Wenn sich die Differenz zwischen den beiden aber als ein regelmäßiges Muster erweist – haben wir dann nicht gute Gründe, zu sagen, Anna habe ein gutes Leben, Hannah dagegen ein eher bescheidenes? Vermutlich ist Annas Leben auf der Erscheinungsebene durch häufiges Lachen und Singen, vielleicht auch durch Tanzen charakterisierbar, während Hannah eher mit den Attributen des Verschlossenen, vielleicht des Verbitterten gekennzeichnet ist: Ihre Weltbeziehung ist von Misstrauen, Abwehr und einem Moment der Starrheit geprägt.

Hafenarbeiterin und Karrierefrau

Was nun hat die Soziologie zu einer solchen Differenz zu sagen? Was wissen wir über die Bedingungen, die das eine und das andere Weltverhältnis begleiten oder bestimmen? Vorderhand nichts, jedenfalls nicht viel. Soziologen operieren mit Konzepten wie Wohlstand, Bildung, Status und Ressourcenverteilung, um über Lebensqualität zu urteilen: Höheres Einkommen, mehr Bildung, bessere Sozialkontakte gelten als Indikatoren für Wohlergehen.

Dabei wird im Grunde stillschweigend unterstellt, dass Annas Tag eher repräsentativ für die "oberen", Hannahs Tag dagegen eher kennzeichnend für die "niederen" sozialen Schichten ist – was nicht ganz unplausibel ist, aber auch eine unverschämte und paternalistische Unterstellung. Denn genauso wenig, wie bei einem Maler eine gute Staffelei, teure Leinwand, hochwertige Pinsel und leuchtende Farben ein gelungenes Bild bedeuten, sichert eine gute Ressourcenausstattung ein gutes Leben. Im Gegenteil kann die einseitige Fixierung auf die stetige Verbesserung der Ressourcenausstattung das Gelingen von Kunst und Leben geradezu verhindern.

In jedem Fall können wir uns leicht vorstellen, dass Anna Hafenarbeiterin ist, während Hannah als erfolgreiche Karrierefrau tätig ist. Mithin lautet die Frage: Gibt es angebbare, soziologisch und politisch relevante Gründe dafür, dass das Leben eher die Gestalt von Annas oder aber von Hannahs Tagen annimmt? Und wenn ja: Welche sind das?