BordeauxProst, Brauner!

Bei einer Reitreise durch die Weinanbaugebiete rings um Bordeaux entdeckt unser Autor Bjørn Erik Sass edle Tropfen und den Herzog in sich. von Bjørn Erik Sass

Meilenweit reiten für einen Bordeaux: Die Gruppe unterwegs nahe der Zitadelle von Blaye

Meilenweit reiten für einen Bordeaux: Die Gruppe unterwegs nahe der Zitadelle von Blaye  |  © Stéphane Klein/Studio X

Am letzten Tag der Reise reite ich an der Spitze meiner Schar in die Festung von Blaye ein. Die wuchtigen Mauern in der Morgensonne, der Widerhall unserer Pferdehufe vom Kopfsteinpflaster der Brücke, die über den Außengraben der Zitadelle in ihr Inneres führt – da spüre ich einen besonderen Geist in mich hineinfahren. Ich bin nun ein spätmittelalterlicher englischer König, der hier im französischen Südwesten seine aquitanischen Ländereien besucht. Dass mich meine Wahrnehmung nicht täuschen kann, merke ich auch an der Begleitmusik: In meinem Kopf höre ich die hymnischen Trompeten aus der Eröffnung der Glagolithischen Messe von Leoš Janáček. In einem Fenster überprüfe ich unauffällig meine Haltung zu Pferde. Tief bewegt von diesem grandiosen Moment, halte ich, die Zügel in der linken Hand, die rechte in die Hüfte gestemmt, auf die Mauer der Festung zu, um von dort hinunterzuschauen auf die Gironde, den Zusammenfluss von Dordogne und Garonne, mir selbst ein Monument des wachsamen Reiterfürsten. Das geht in mir vor, da ruft es hinter mir: "Hast du nicht gehört? Wir sollen dicht zusammenbleiben!" Das ist die Schweizerin.

Mit einem Schlag bin ich wieder im Jetzt und lenke mein Pferd eilig zurück zur Gruppe, denn niemand soll warten, nur weil ich royale Gefühle bekomme. In den vergangenen Tagen konnte ich mich peu à peu an sie gewöhnen, ahne aber, dass meine Mitreisenden immer noch nicht so weit sind, mir zu huldigen. Die haben vor allem die Natur im Sinn. Wir, vier weitere Touristen und unsere beiden Führer, reiten seit einer Woche durch die wichtigsten Appellationen für Bordeaux-Wein, und mittags und abends besichtigen wir Güter und probieren.

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Als ich die Reisebeschreibung las, dachte ich gleich, das ist meine Chance, mir doch noch ein vernünftiges Verhältnis zum Wein zu erarbeiten. Ich komme nämlich aus einer Familie, die Wein, teurer als drei, höchstens vier Euro pro Tetrapak, mangels Ressourcen als unnötigen Luxus ablehnt. Diese Hemmungen werde ich mir nun wegtrinken. Darum finde ich die Idee mit dem Pferd auch grandios. Erstens ist das sowieso immer der beste Weg, in jeder Beziehung vorwärtszukommen im Leben, und zweitens kann ich mich so diese Woche richtig reinhängen in die Materie und muss mir keine Sorgen um meinen Führerschein machen.

Gleich am ersten Abend lege ich los mit dem Crashkurs. Wir sind in einem sensationell gemütlichen Bed & Breakfast untergebracht, in einer alten Riesenvilla. Vorm Abendessen serviert uns die Dame des Hauses im Salon einen natursüßen Sauternes. Ich habe mein Glas noch gar nicht in der Hand, da riecht und schmeckt Caroline schon einen ganzen Früchtekorb. Und Honig. Sie kaut nach. Findet hinten noch einen feinen Lakritzton, und ich bin vom Fleck weg begeistert von der Expertise der Schweizerin. Der werde ich gut zuhören und eine Menge lernen.

Picknick vor dem Fort Médoc

Picknick vor dem Fort Médoc  |  © Stéphane Klein/Studio X

Caroline fragt, wie wir den Wein finden. Helen, eine Freundin von Caroline, nickt nur lächelnd. Sandra, die etwa 70-jährige Engländerin aus Manchester, die seit vielen Jahren in Frankreich lebt und konsequent nicht mehr Französisch spricht als "café au lait, please", sagt, sie könne süße Weine nicht ausstehen. Keith, 68, aus der Shakespeare-Stadt Stratford-upon-Avon, hat die Frage vielleicht nicht verstanden, weil er nicht nur herzergreifend schlecht sieht. "Vor drei Wochen musste ich meine Katze einschläfern lassen", sagt er, "ich bin immer noch recht betroffen." Außerdem sitzen noch Pierre, den alle Pierrot nennen, und Sarah mit in der Runde, unsere Reitchefs, aber die trinken beide nichts, und noch während des Aperitifs verschwindet Pierrot und verbringt die Nacht bei den Pferden, die ein paar Kilometer weiter auf einer Koppel grasen. Bin ich wohl dran. "Dieser Wein ist die Sonne in der Flasche, ein herrlicher Genuss", sage ich und trinke aus. Madame und Monsieur Wirtsleute nicken mir wohlwollend zu. "Wenn man aus Nordeuropa kommt, muss man die Sonne nehmen, wo man sie erwischt, es war ein langer, dunkler Winter", erkläre ich, schenke mir nach und leere in wenigen Zügen. Monsieur guckt ein bisschen irritiert. "Sauternes ist sehr teuer, den musst du genießen", sagt Caroline. Ein fabelhafter Tipp, den ich gern befolgen würde, aber leider ist die Flasche leer. Dafür spüre ich im Nachgang dieses Genusses eine herrliche Weichheit und Leichtigkeit keimen. Bin ich schon dabei, meinen begrenzten Horizont zu verlassen und die Scheu vor Höherem zu verlieren?

Ross und Autor Bjørn Erik Sass
Ross und Autor Bjørn Erik Sass

Ross und Autor Bjørn Erik Sass  |  © Stéphane Klein/Studio X

Am nächsten Morgen fahren wir mit einem Minibus zu unseren Transportmitteln der nächsten Tage. Sarah und Pierrot teilen uns die Pferde zu. "Du brauchst eins für schwere Menschen", sagt Sarah zu mir und verweist mich an einen dunkelbraunen Hengst namens Neptune. Schwer vielleicht, dabei aber zumindest proportional groß, will ich richtigstellen. Ich überlege, ob ich auf Keith aufmerksam machen sollte, der ist garantiert kein Pfund leichter als ich, aber ich ahne: BMI-Vergleiche führen hier zu nichts. Sarah ist nicht sehr groß, sie ist jung, aber sie hat diese extrem bestimmte Pferdefrauenart, die diskutiert auch nicht mit 600-Kilo-Gäulen.

Pierrot kennt alles, sieht alles, riecht alles, erklärt alles

Wir tüdeln unsere Pferde zurecht. Offiziell binden wir Regenjacken hinter die Sättel und stellen die Steigbügelhalter passend, aber vor allem wollen wir sehen: Wer trägt mich da ab jetzt eine Woche lang? Und wie machen wir uns am besten miteinander bekannt? Die Schweizerinnen sprechen mit ihren Pferden. Da ist viel von "Süße" und "Schöne" und "Kleine" die Rede. Das variiere ich, wir sind ja beides Kerle. Ich sage "Hallo" zu meinem Pferd, wir schauen uns gründlich in die Augen, und mein Pferd wackelt schnell hintereinander mit seinen Ohren: rechts, links, rechts, links. Ich werte das als zustimmendes Signal, Lkw-Fahrer bedanken sich ja auch blinkend auf diese Weise, wenn ihnen nach dem Überholen eine Wiedereinfädellücke in die rechte Spur angezeigt wird. Mehr zu reden fällt mir nicht ein. Sandra und Keith haben statt vieler Worte Obst mitgebracht. Keith streckt seinem Pferd einen Apfel hin und sagt nur: "Nimm ihn als Bestechungsversuch für eine gute Woche. Oder einfach als Apfel."

Unser Ritt beginnt beim Dorf Preignac etwa 40 Kilometer südöstlich der Stadt Bordeaux. Als Erstes fällt mir auf: Der Wein aus dieser Region hat zwar einen grandiosen Ruf, aber die Landschaft, in der er wächst, ist ziemlich unspektakulär. Das könnte man enttäuschend finden, mich beruhigt es. Ich bin ja hergekommen, um die Hemmungen vor dem Genuss guten Weins loszuwerden, da hilft ein unaufgeregtes Szenario. Das genau genommen sogar extrem abwechslungsreich ist, wenn man erst mal darauf achtet. Pierrot, der vorwegreitet, kennt hier alles, sieht alles, riecht alles, erklärt alles. Hier endet diese Appellation, dort beginnt die nächste, dieses Gut ist 200, jene Weinstöcke sind 40 Jahre alt. Meistens erzählt Pierrot auf Französisch, und Caroline übersetzt dem Rest der Gruppe ins Englische. Zwischendurch versucht sie sich mit ihrem Pferd auf eine Reitweise zu einigen.

Leserkommentare
  1. So ein unterhaltsamer Artikel, aber warum findet man ihn nur durch Zufall, er taucht nicht in der Übersicht auf. Schade auch, dass Fotos fehlen.

  2. Ja ich wohne da wer mehr wissen will hinterlasse eine Nachricht, das ist schon eine tolle Gegend und der Ocean ist auch nicht weit. Der Artikel ist einfach schoen, aber Bilder fehlen leider,,,

    • oz
    • 25. Juni 2013 12:47 Uhr

    werde ich wohl mein Französisch wieder aufpollieren und wenn ich das nächste mal meine Tochter zum Reiten fahre, nach einem Reitkurs für Erwachsene Ausschau halten... jetzt habe ich Bilder im Kopf! :-)

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