ZEITmagazin: Frau Kraus, Sie waren acht Jahre im Vorstand des Hamburger Sport-Vereins. Als Ihr Vertrag 2011 nicht verlängert wurde, änderte sich Ihr Leben. Sie haben dann für ein Buch mit vielen Leuten gesprochen, die einst in Top-Positionen waren – von Ron Sommer bis Ole von Beust. Was macht der Verlust von Macht mit einem Menschen?

Katja Kraus: Solange man die Macht hat, ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle oft sehr theoretisch. Dass die Macht nur auf Zeit verliehen ist, dass man nicht als Mensch gemeint ist, sondern nur die Funktion: Das sind Lehrsätze, die jeder verinnerlicht hat. Aber erst, wenn man Macht verloren hat, spürt man, was genau das meint.

ZEITmagazin: Haben Sie sich in dem, was Ihre Gesprächspartner erzählten, wiedererkannt?

Kraus: Ich wollte wissen, wie meine Gesprächspartner Erfolg und Misserfolg erlebt haben, wie sehr sie ihre Rolle reflektieren. Wie sie mit Zweifeln und Unsicherheiten umgehen und auch mit dem Lebensbruch, in den stillen Momenten. Dabei habe ich viele sehr individuelle Geschichten gehört, aber auch manches, was mir vertraut war. Und es gab überraschende Entdeckungsmomente.

ZEITmagazin: Welche waren das?

Kraus: Ich fand erstaunliche Übereinstimmungen: zum Beispiel, dass die Menschen, die einem nach dem Bruch begegnen, allesamt freundlich und unterstützend sind. Die Egalität nach dem Fall wirkt offenbar tröstlich. Ron Sommer beschreibt die neu entstandene Nahbarkeit, indem er bekennt: Ohne Macht ist man mehr Mensch.

ZEITmagazin: Wenn Sie zurückblicken: Was mögen Sie an der Managerin Kraus heute nicht mehr?

Kraus: Dass ich mich zu oft habe mitreißen lassen. Dass es mir in der Überhitzung nicht gelungen ist, zu relativieren, die Deutungshoheit zu behalten. Die Fußballbranche ist faszinierend und zugleich extrem überdreht. Das ist eine Verlockung und eine Gefahr für die handelnden Personen. Gerade für die Spieler, die noch sehr jung sind und ständig von allen Seiten ihrer Bedeutung versichert werden. Da ist es leicht, vom System korrumpiert zu werden und an die eigene Größe zu glauben, auch wenn es sich im Inneren anders anfühlt. Wenn man sich in diesem Gefüge bewegt, bekommt man tatsächlich das Gefühl, Fußball sei die bedeutendste Sache der Welt. Wobei ich zugebe: Wenn ich in einem ausverkauften Stadion stand, und das Spiel brachte eine ganze Stadt zum Pulsieren – für all die Emotionalität und diese verbindende Energie mitverantwortlich zu sein, das waren schon sehr berührende Momente.