Roberto SavianoFangt die Schmäher ein

Reguliert Twitter und Co.! Sie dürfen nicht weiterhin Lügen und Rufmorden dienen von Roberto Saviano

Roberto Saviano

Roberto Saviano (Archivbild)  |  © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images News

Es gibt ein neues Recht: das Recht, Teil einer Netzgemeinschaft zu sein. Einen Account zu haben, zu posten, zu lesen und zu kommentieren. In Ländern wie China, Kuba, Nordkorea oder dem Iran ist der Zugang zu Sozialen Netzwerken eingeschränkt oder gesperrt. Unter den Regimen, die den Arabischen Frühling zu unterdrücken versuchten, wurden die Sozialen Netzwerke trotz oder gerade wegen des Verbots zu unverzichtbaren Protestplattformen.

Doch jedes Recht hat seine Regeln, und niemand sollte ein schlechtes Gewissen dabei haben, davon Gebrauch zu machen. Niemand sollte zu einem Verunglimpfungsslalom gezwungen sein. Aber genau das ist immer häufiger der Fall. Der bekannte italienische Fernsehmoderator Enrico Mentana hat angekündigt, wegen der häufigen Beleidigungen gegen ihn werde er sich von Twitter verabschieden. Er vergleicht Twitter mit einer Bar. Was macht man, wenn in der Lieblingsbar immer öfter Leute auftauchen, die einem nicht passen? Bleibt man, oder sucht man sich ein neues Stammlokal? Es ist ein kurioses Phänomen, dass zahlreiche Twitterer ihre Follower nicht mehr auf das aufmerksam machen, was sie interessant, sondern auf das, was sie verächtlich finden, und das mit möglichst hämischen Tweets.

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Man setzt alles daran, den geistreichsten Tweet abzusetzen, bitte schön möglichst bissig. Alles, was nicht knallhart und gnadenlos ist, wird kollektiv ausgebuht. Das politisch Unkorrekte gibt die Regeln vor, was daneben ist, wird Kult, selbst die platteste Provokation ist cool, weil sie die Normen bricht. Eine Art neozynisches Selbstverständnis hat die Oberhand gewonnen.

Es ist die Selbstzerstörung des Mediums, ist Twitter doch entstanden, um zu kommunizieren, als Plattform, die jeden mit jedem vernetzt. Alles ist öffentlich. Man kann lesen, was Obama, Lady Gaga oder der eigene Kollege schreiben. Man kann in Echtzeit mitbekommen, was um uns herum passiert, auf die Perspektiven und Erfahrungen der anderen zugreifen und sie teilen. Findet man eine Nachricht interessant und möchte sie mit seiner Community teilen, retweetet man. Wer will, kann Topics kreieren, und dann kann es passieren, dass einen jemand mit Hunderten Followern retweetet und der eigene Gedanke zu reisen beginnt.

Doch es kann auch passieren, dass einem auf diesem überfüllten Tummelplatz die Inhalte ausgehen oder man sich nicht kurz genug fassen kann (ein Beitrag hat die Länge einer SMS) und anfängt zu grölen, um sich Gehör zu verschaffen. Wenn der Gedanke auf ein geistiges Nullniveau sinkt, bleibt oft nur noch der verbale Schlag unter die Gürtellinie. Seriosität ist öde, Reflektiertheit überholt. Es lebe die Beleidigung. Wer jemanden auf Facebook diffamiert, würde es von Angesicht zu Angesicht nicht fertigbringen, einen Vorwurf zu machen, der sich aus Gemeinplätzen und Lügenmärchen speist. Angeblich wird ein Post mit einer bestimmten Anzahl negativer Kommentare zwangsläufig im Licht dieser Kommentare gelesen. Kritik ist stets willkommen, Verunglimpfung nicht. Es ist an uns, sie zu legitimieren oder nicht.

Roberto Saviano

33, wird wegen seiner Bücher von der Mafia gejagt.

Facebook und Twitter bieten die Möglichkeit, Schmähungen zu bannen, das heißt, man kann sie sperren. Das ist Teil der Spielregeln. Es ist falsch, User auszuschließen, die anderer Meinung sind; differenzierte Kritik ist eine Bereicherung. Aber es ist richtig, zu bannen, wer so hartnäckig basht, dass es an Stalking grenzt, wer – beispielsweise – behauptet, er habe noch eine Flasche Champagner im Eisfach, die er sich für den Tag meines Todes aufspart, oder er habe mich in einem roten Twingo oder in einem grünen Panda in Caivano oder in Maddaloni gesehen, und damit behauptet, mein Leben unter ständigem Polizeischutz sei eine Lüge. Netzwerk-Radikalisten, die mir Zensur vorwerfen, können getrost ihre eigene Seite aufmachen, um mich mit Dreck zu bewerfen, das ganze grenzenlose Netz steht ihnen zur Verfügung. Aber der Schmäher will sich nun einmal im Widerschein des Geschmähten sonnen. Doch nichts ist im weitesten Sinne machtvoller als zu übler Nachrede verkommene Kritik.

Mir ist klar, dass die Freiheit des Netzes nicht durch Einschränkungen erstickt werden darf, das ist riskant, denn es bedingt Selektierung: Was ist legitime Kritik, was Diffamie? Doch sich an Regeln zu halten ist keine Einschränkung, es dient dem Fortbestand des Mediums, dem Interesse, das die User behalten oder verlieren. Deshalb hat Enrico Mentana unrecht, wenn er sagt, bannen gilt nicht, man ist entweder drin oder draußen. Zu bannen bedeutet, die eigenen Grenzen zu markieren, sein Recht auszuüben.

Der Umgang im Netz, oder besser: der Umgang mit dem Netz, steht noch immer ganz am Anfang. Entscheidend dabei ist die Wahl der sprachlichen Mittel. Jeder Kontext hat seine eigene Sprache, und so unmittelbar die Kommunikation in der Netzgemeinschaft sein mag, vertraulich ist sie deshalb noch lange nicht. Man wiegt sich in dem Glauben, mit ein paar Freunden zu plaudern – da ist jede Lästerei und jede Gemeinheit erlaubt –, doch alles, was man sagt, wird sofort ins Unendliche multipliziert und somit zum öffentlichsten aller Diskurse. Es geht nicht um Scheinheiligkeit oder politische Korrektheit (eine grauenvolle Bezeichnung für einen hehren Gedanken), sondern um die Einsicht, dass nur eine gemäßigte, zivile Ausdrucksweise uns die Welt erfahrbar macht. Die Linguisten Edward Sapir und Benjamin Whorf haben eine Theorie der sprachlichen Relativität aufgestellt, der zufolge sich die Art, sich auszudrücken, in der Denkweise niederschlägt. Die Welt, in der ich lebe, wird sich meiner Ausdrucksweise angleichen. Wenn ich mich auf hundert Wörter beschränke, wird meine Welt auf diese hundert Wörter schrumpfen. Wir sind, was wir sagen. Und so machen üble Nachrede, Diffamierung und verbale Gewalt unsere Gesellschaft schlechter. Und brutaler. Die galligen Kommentare der Facebook- und Twitter-User vergällen die Leben derer, die sie schreiben und lesen. Bedauerlicherweise schlägt sich die sprachliche Entropie auch im politischen Diskurs nieder, der getrieben ist von der ständigen Suche nach der größtmöglichen Vereinfachung, der seichten Plänkelei, der ultimativen Schlagfertigkeit; vollkommen willkürliches, unreflektiertes und peinliches Gerede, das aus der Welt geschafft gehört. Wenn ich privat geäußerten Schwachsinn öffentlich wiederhole, bin ich nicht aufrichtig, sondern allenfalls schlecht erzogen und häufig schlicht verantwortungslos.

Zu beleidigen ist keine Freiheit – erst recht keine Pressefreiheit. Es ist Rufmord. Einige Talmud-Auslegungen setzen ihn mit Mord gleich. Demokratie bedeutet Verantwortung, und ich bin überzeugt, dass die Regulierung – nicht die Repression – von Gewalt und Vulgarität die Kommunikation in Sozialen Netzwerken retten kann. Wer Netzgemeinschaften nur nutzen will, um sich medienwirksam aufzuplustern, soll seinen persönlichen Fight Club aufmachen und nicht am Ruf anderer schmarotzen.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull 
© 2013, Roberto Saviano

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Leserkommentare
  1. In Demokratien gibt es so etwas wie einen Rechtsweg. Mag aufwendig sein, ist aber legal. Zensur und Ausschluss missliebiger Meinungen (und nichts anderes wird ja durch den schwammigen Begriff "Regulierung" verdeckt) ist einer Demokratie unwuerdig, das sollten wir wirklich China, dem Iran und anderen ueberlassen.

    Und - nur mal nebenbei, weil das Beispiel so wunderbar daneben ist - wenn "in der Lieblingsbar immer öfter Leute auftauchen, die einem nicht passen"? Dann muss man eben gehen - oder seine eigene Bar aufmachen.
    Niemand hat ein Recht darauf, im oeffentlichen Raum von fremden Meinungen verschont zu bleiben. Und niemand hat das Recht darauf, auf Privatveranstaltungen anderer Leute (ob Bar oder Twitter) die Regeln dieser anderen Leute zu bestimmen.
    Das Internet ist gross genug fuer alle - und wenn die Regeln in Deiner Bar den Leuten nicht gefallen, dann gehen sie eben in eine andere Bar.

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    Vielen Dank für diesen wichtigen Aufruf, sich endlich mit den Netzwerken auseinanderzusetzen, die zunehmend asozial werden, statt sozial zu sein. Die Portale werden als öffentlicher Pranger genutzt, manche ergießen ihren verbalen Schmutz sogar unter Klarnamen, was völlig unverständlich ist. Warum fühlen sich diese Menschen mit ihren vulgären Hasstiraden eigentlich so sicher, dass sie anscheinend keine Sanktionen zu fürchten haben? Diese hate speech allerorten ist unerträglich. Gruppendynamik verstärkt dann die Grenzüberschreitungen. Die Zivilisation ist am Ende und manche halten das für Freiheit.

  2. in seiner Menschlichkeit verletzt fühlt steht ihm frei, dagegen juristisch vorzugehen.

    Einfach mal Zensur einführen hilft niemandem.

    7 Leserempfehlungen
    • Lefty
    • 15. Juni 2013 19:18 Uhr

    Nicht zuletzt in Ihrem Forum,gut,dass ich hier dabei bin und nicht bei Twitter&Co.

    5 Leserempfehlungen
    • vyras
    • 15. Juni 2013 19:57 Uhr

    "(ein Beitrag hat die Länge einer SMS)"

    Das reicht mir, um zu wissen, dass das nicht mein Medium ist, argumentieren, differenzieren, das ist damit nicht möglich. Das reicht nur, um Kommunikationsfetzen abzusetzen.

    Beileidsbekundungen über über ein Ex- und Hopp-Medium wie Twitter, von denen neuerdings immer öfter zu lesen ist, finde ich übrigens würdelos.

    3 Leserempfehlungen
  3. Ihr wollt in die Welt wirken, dann nehmt bitte hin, dass die Welt zurückwirkt.

    "Aber der Schmäher will sich nun einmal im Widerschein des Geschmähten sonnen."

    Wer sich als Sonne fühlt, gehört einfach von Zeit zu Zeit auch mal geerdet.

    "Wer Netzgemeinschaften nur nutzen will, um sich medienwirksam aufzuplustern, soll seinen persönlichen Fight Club aufmachen und nicht am Ruf anderer schmarotzen."

    Wer plustert sich auf? Der, der sich anonym irgendwo auskotzt? Für den ist das doch einfach nur Katharsis, da gibt's nun wirklich keine Kekse für - weiß ich aus eigener Erfahrung ;-)

    Hm, 'Am Ruf anderer schmarotzen' - ist das nicht gerade die Grundlage des Journalismus?

    Aber Schmäkritik ist doch nun wirklich nichts Neues, Goethe und Schiller konnten das doch auch ganz gut, auch wenn die mit dem Filetiermesser an den Truthahn gingen, statt mit dem Fleischklopfer. Sag mir keiner, dass Intellektuelle nicht hämisch sein können.

    Und Twitter ist doch keine öffentliche Bar. Man kann Leute ausschließen, niemand zwingt einen dort, die Hosen vor der ganzen Welt runterzulassen. Das will man aber nicht, man will ja gerade, dass möglichst viele Menschen die eigene Federpracht bewundern.

    Aber Savianos Kritik hat schon auch seine Berechtigung - von allem gibt's ein Zuviel, so auch von dummen Kommentaren.

  4. Es gilt immer noch: „Free Speech MUST include the license to offend!“

    Frei nach Christopher Hitchens: Kann Herr Saviano jemanden benennen, der entscheiden soll, was er selbst lesen darf und was nicht? Wovor er geschützt werden soll? Der ihm die Verantwortung abnimmt, sich eine Meinung zu einer Wortmeldung zu bilden? Hat er einen Kandidaten hierfür?

    2 Leserempfehlungen
    • Vibert
    • 15. Juni 2013 20:59 Uhr

    lässt halt keine Gelegenheit aus, sich von seiner hässlichsten Seite zu zeigen.
    Gebt den Menschen unlimitierten Freiraum und sie werden zum Biest und finden es "geil".

    Eine Leserempfehlung
  5. Selbstzensur. Nicht jene der NS oder Stasi-Zeit. Sondern eine Selbstzensur, wie sie jeder höfliche Mensch nutzt, wenn er mit anderen kommuniziert. Die wenigsten pöbeln und beleidigen, wenn sie ihren Gesprächspartner sehen. Aber in der Anonymität des Netzes fällt bei einigen die Höflichkeit ab.
    Man kann höflich und korrekt bloggen, wie dämlich man den letzten Kommentar von Bela Rethy fand - aber ihn dumm beleidigen sollten man nicht - wenn man eine gute Elternstube hatte. Wenn die Leute man 10 sec nachdenken würden, ob sie diesen Müll auch in Realität sagen würden, dann wären die Kommentarbereiche friedlicher und humaner.

    Aber letzen Endes wird Herr Saviano wissen, das er wesentlich mehr Niveau dort hat, wo sich andere Nivea hinschmieren.

    5 Leserempfehlungen
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    Vi ringrazio. Die Fähigkeit zur "Selbstzensur", die hier gefordert wird steht und fällt mit dem Bedürfnis, auch einmal zurückzustecken. Wo Schlagfertigkeit aber mit der Taktfolge der Schlagzahl verwechselt wird und so alle Inhalte immer mehr verwässern und nur einer der Superstar sein kann da muss man eben schnell seine Plattitüden loswerden und im Netz verbreiten.
    "Si tacuisses" also - hättest Du geschwiegen - das gilt für die meisten da nicht mehr. Und - sogenannte "Eliten" machen's ja vor mit ihren platten Schnellschüssen - "Ad hoc-Lösungen" - Vorschläge in den Wüsten der "Alternativlosigkeit", die morgen schon ihre Halbwertzeit überschritten haben.
    Insofern wird da auch von den Netzgemeinschaften und sozialen Netzwerken manche "Alternative" schnell niedergebrüllt. Schnelllebige Zeiten der Selbstüberholung, in denen Visionäre und Analytiker - und so einer ist ja auch Signor Saviano keinen leichten Stand haben - weder in der italienischen Sportsbar, noch im deutschen Äquivalent - im Stammtischmilieu der 80 Mio. Bundestrainer.
    Aber - wie sagt doch Brecht im "Lob des Lernens": Für die, deren Zeit gekommen ist, ist es nie zu spät.

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  • Schlagworte Roberto Saviano | Facebook | Stalking | China | Iran | Kuba
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