ZEIT: Die Hauptkritik am Drittmitteldruck kommt aus den Geisteswissenschaften. Für die spielen externe Forschungsgelder keine große Rolle.

Strohschneider: In der Medizin oder bei den Ingenieuren, die auf Mitarbeiter, Labore oder teure Apparaturen angewiesen sind, geht ohne Drittmittel nur noch wenig. Viele Geisteswissenschaftler dagegen treibt eher die symbolische Dimension der Drittmittel und die mit ihnen verbundene universitäre Strukturmacht um.

ZEIT: Am Ende der Diskussion entscheidet der Drittmittelkönig?

Strohschneider: So simpel ist es selten. Aber bei Diskussionen über zukünftige Schwerpunkte einer Universität spielt die Frage, wo sie externe Forschungsgelder akquirieren kann, schon aus Gründen der Finanznot eine wichtige Rolle.

ZEIT: Plädiert der Präsident der DFG jetzt gegen Drittmittel?

Strohschneider: Das wäre ja bizarr! Die Konkurrenz um Drittmittel muss aber in einem vernünftigen Ordnungsrahmen stattfinden, und der wird zurzeit überdehnt. Eigentlich sollten Wissenschaftler eine Forschungsfrage haben und dann schauen, woher sie das Geld bekommt, um die Frage zu beantworten. Es steigt aber die Versuchung, dass im Gegenteil nach den Fördertöpfen geschielt und dann überlegt wird, welche Forschungsidee dazu passt.

ZEIT: Noch mal: Inwiefern ist die DFG für den Drittmitteldruck mitverantwortlich? Sie selbst hat in den vergangenen Jahren stark auf Forschungsverbünde gesetzt.

Strohschneider: Wenn Sie die Struktur der Materie erforschen wollen oder eine neues Forschungsschiff brauchen, haben große Förderformate ihren Sinn. Es gibt aber einen Trend zur wachsenden Projektgröße, der sich verselbstständigt hat und nicht wissenschaftlich zu begründen ist. Viele Kollegen, gerade auch aus den Naturwissenschaften, haben mich vor meinem Amtsantritt gebeten, die Förderung der einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu stärken.

ZEIT: Was treibt diesen Trend an?

Strohschneider: Vor allem eben Finanznot. Einem Universitätsrektor erleichtern viele erfolgreiche Einzelanträge die Arbeit weit weniger als ein großer Sonderforschungsbereich. Aber auch die Politik fördert den Trend.

ZEIT: Inwiefern?

Strohschneider: Ganz simpel: Wenn ein Philosoph ein Buch schreibt, kann niemand bunte Bänder durchtrennen wie bei der Einweihung eines neuen Forschungsgebäudes. Ich will indes betonen: Auch wenn die DFG heute mehr Cluster, Forschergruppen oder Sonderforschungsbereiche finanziert als vor zwanzig Jahren – sie fördert darum nicht weniger einzelne Wissenschaftler.

ZEIT: Fördert die DFG vielleicht zu viele Forschungsvorhaben? Die Klage darüber, dass niemand die unzähligen Aufsätze, Kongressbeiträge oder Bücher, die veröffentlicht werden, mehr lesen kann, ist allgegenwärtig.

Strohschneider: Richtig ist, dass niemand mehr den Forschungsfortschritt seiner Gesamtdisziplin überblicken kann. Deshalb werden die Spezialisierungen immer enger. Man begreift tendenziell nicht mehr die Soziologie überhaupt als sein Fachgebiet, sondern vielleicht die Soziologie schwarzer Familien im Süden der USA.

ZEIT: Wird also zu viel geforscht?

Strohschneider: Es wird jedenfalls zu viel publiziert. Daher darf kein Forscher seinem Förderantrag bei der DFG mehr eine lange Publikationsliste beilegen. Eine kleine Auswahl der wichtigsten Veröffentlichungen muss reichen.

ZEIT: Wird auch zu viel promoviert?

Strohschneider: Es täte der Qualität der Dissertationen gut, wenn in Deutschland deutlich weniger promoviert würde als heute. Nicht jedes Promotionsvorhaben führt ja zu einer Karriere in der Wissenschaft. Für die Qualität von Promotionen ist es oft sehr vorteilhaft, wenn sie in strukturierten Programmen wie den DFG-Graduiertenkollegs stattfinden. Deshalb schlagen wir vor, dass die Mittel aus der Exzellenzinitiative für die Graduiertenschulen dauerhaft in das Portfolio der DFG übergehen.

ZEIT: Wie stellt sich die DFG die Zukunft der Exzellenzcluster vor?

Strohschneider: Sie sollten mit den DFG-Forschungszentren zusammengeführt und ebenfalls in das Programm der DFG integriert werden. Die 2012 neu eingerichteten Exzellenzcluster könnten so im Rahmen eines Qualitätswettbewerbs weiter finanziert werden. Zugleich könnte die DFG das Förderinstrument zur strategischen Entwicklung bestimmter Forschungsfelder einsetzen.

ZEIT: Ihnen schwebt eine Art DFG-Institut vor?

Strohschneider: Nein, eine institutionelle Förderung schließe ich aus. Man könnte sich aber vorstellen, die Zeiträume der Förderung zu verlängern, wenn wissenschaftliche Gründe dafür sprechen.

ZEIT: Aber die Idee zum Schwerpunkt käme von der DFG?

Strohschneider: Der inhaltliche Impuls muss immer aus der Wissenschaft kommen, die sich ja in der DFG organisiert, und nicht von der Politik. Das ist für uns konstitutiv.

ZEIT: Betonen Sie das, um sich von der Helmholtz-Gemeinschaft abzugrenzen, die ja stärker von der Politik abhängig ist? Diese will neuerdings nicht nur die Großforschung organisieren, sondern wie die DFG Drittmittel verteilen. Fürchten Sie neue Konkurrenten?

Strohschneider: Nein, unsere Kritik am Vorstoß der Helmholtz-Gemeinschaft hat systematische Gründe: Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, auch die Helmholtz-Zentren, kooperieren und konkurrieren miteinander. Dieses wissenschaftlich produktive Verhältnis wäre gefährdet, wenn einer der Partner beim anderen Drittmittel einwerben müsste. Deshalb plädieren wir mit Nachdruck dafür, dass die Trennung von Forschungs- und Förderorganisationen beibehalten wird.