Volksaufstand in der DDRWas blieb vom Aufstand am 17. Juni?

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk über Anpassung und Auflehnung in der DDR nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 von 

DIE ZEIT: Herr Kowalczuk, am 17. Juni 1953 begehrte die DDR-Bevölkerung gegen ihre Regierung auf. Hatte der Aufstand eine Chance?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Er war zum Scheitern verurteilt. Moskau hätte die DDR unter keinen Umständen aufgegeben. Und der Westen wäre niemals bereit gewesen, militärisch einzugreifen und einen Weltkrieg zu riskieren.

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ZEIT: Wie viele Menschen haben sich an den Protesten beteiligt?

Kowalczuk: Schätzungsweise eine Million. Ein Siebzehntel der Bevölkerung – so viele gingen nicht mal im Oktober 1989 auf die Straße. In mehr als 700 Orten wurde zwischen dem 12. und dem 21. Juni protestiert. Das war wirklich ein Volksaufstand: Alle Altersgruppen waren beteiligt, alle sozialen Schichten, sogar Teile der Funktionärsklasse. Niemand hätte das für möglich gehalten. Auch im Westen nicht. Adenauer und andere Politiker haben zunächst vermutet, der Aufstand sei eine Inszenierung Ulbrichts, um seine Macht zu festigen.

Ilko-Sascha Kowalczuk
Ilko-Sascha Kowalczuk

wurde 1967 in Ost-Berlin geboren. Seit 2001 arbeitet er als Historiker in der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen. Im Februar erschien sein Buch Stasi konkret. Repression in der DDR (C.H.Beck; 428 S., 17,95 €), im März seine Darstellung 17. Juni 1953 (C.H.Beck Wissen; 128 S., 8,95 €).

ZEIT: Das wohl berühmteste Foto vom 17. Juni zeigt Demonstranten, die in Berlin Steine gegen die anrollenden Panzer schleudern. Wie hart ist das sowjetische Militär vorgegangen?

Kowalczuk: Allein in Berlin waren 600 sowjetische Panzer im Einsatz. Das muss sich angefühlt haben wie Krieg. Wenn man allerdings das Gesamtbild betrachtet, zeigt sich, dass die Sowjets relativ behutsam agierten. 40 bis 50 Menschen kamen ums Leben, die meisten bei Unfällen und durch Querschläger. Das sind 40 bis 50 Tote zu viel, aber es ist eine vergleichsweise geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass bei der Niederschlagung anderer Aufstände Tausende starben.

ZEIT: Einige Demonstranten wurden allerdings standrechtlich erschossen.

Kowalczuk: Moskau hatte angeordnet, dass 18 Aufständische sofort hingerichtet werden sollten, um ein Exempel zu statuieren. Fünf Erschießungen sind dokumentiert; zwei vollstreckte Todesurteile kamen später hinzu.

ZEIT: Wie reagierte die DDR-Führung auf den Aufstand?

Kowalczuk: In den ersten Tagen ließ sie wahllos Menschen verhaften. Dann aber wurde intern die Losung ausgegeben: Keine Massenrepressalien! Schließlich hatte der repressive Kurs vor dem Juni 1953 den Aufstand erst provoziert. Von den rund 15.000 Festgenommenen wurden daher "nur" rund zehn Prozent verurteilt, die meisten zu Haftstrafen von unter zwei Jahren. Hohe Strafen, lebenslang oder 15 Jahre, wurden in etwa 20 Fällen verhängt. Man wusste: Wenn wir jetzt hart durchgreifen, sitzt bald die eine Hälfte des Landes im Knast, und die andere "macht rüber".

ZEIT: Welche Konsequenzen zog die SED aus dem 17. Juni?

Kowalczuk: Sie erkannte, dass ihre Macht auf den Bajonetten der Sowjets beruhte. Um weiteren Aufständen vorzubeugen, versuchte sie, sich die Gunst der Gesellschaft zu erkaufen, zum Beispiel indem sie soziale Sicherheiten bot. Und sie weitete ihren Sicherheitsapparat aus: die Stasi, die Polizei, das Grenzregime. Nicht zuletzt bemühte man sich, die Bevölkerung in Massenorganisationen zu erfassen, um sie zu kontrollieren.

ZEIT: Was geschah mit dem Widerstand nach 1953? War er gebrochen?

Kowalczuk: Der antikommunistische Widerstand erlosch erst nach 1961, nach dem Mauerbau. Dieser selbst verhinderte wohl am wirksamsten einen weiteren 17. Juni. Dafür wurde der kulturelle Protest immer stärker sichtbar, das Aufbegehren der Jugendlichen, die Beat hören wollten und Jeans trugen. Die Kirchen wurden zum Sammelbecken für diese jungen Leute – die Keimzelle der späteren Opposition und Friedensbewegung.

ZEIT: Und die breite Masse?

Kowalczuk: Die meisten Menschen spalteten ihr Leben in ein öffentliches und ein privates. Man machte irgendwie mit, weil "ohnehin alles andere keinen Zweck" hatte. Im Privaten wollten viele mit der Welt da draußen nichts mehr zu tun haben. In dieser Schizophrenie lebte die große Mehrheit der DDR-Bürger.

Leserkommentare
  1. "Rummelplatz" von Werner Bräunig.

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  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Spekulationen anzustellen. Danke, die Redaktion/jk

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  3. 3. [...]

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    Antwort auf "[...]"
  4. befragt nach dem historischen Gehalt dieses Datums:

    ".......war früher mal Feiertag........?........"

    ".....in Berlin gibts eine Straße, die so heißt..........?......."

    Das läßt irgendwie nichts gutes ahnen, zur Verankerung eines freiheitlichen, antitotalitären Erbes in der jungen Generation. Oder historischer Bildung überhaupt.
    ....oder sollte die neuerdings verzichtbar sein, für den "mündigen Bürger"?
    Facebook hin oder her. Zumindest wurde das früher immer behauptet, daß man für das "wohin" wissen sollte, wo man herkommt....

    Gleich nochmal bei der Gelegenheit:
    So ein großer Wurf ist der 03.10. als "Nationalfeiertag" wohl nicht gewesen. Wär man doch beim 17.06. geblieben, oder hätt von mir aus auch den 4. November genommen ......

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    Kommentar nur empfehlen. Der 03. Oktober als Nationalfeiertag erschließt sich mir bis heute nicht; nach Wikipedia ist er es deswegen, weil es sich hierbei um das Beitrittsdatum der (damals) neuen Bundesländer handelt. Nach meiner Erinnerung von vor 23 Jahren hat man den 03.10.1990 als Beitrittsdatum genommen, damit eine bestimmte Frist hinsichtlich der für den 02.12.1990 (noch für die "alte" Bundesrepublik) vorgesehenen Bundestagswahl eingehalten wurde, so dass die Wähler aus der ehemaligen DDR ohne Terminverschiebung an der Wahl ebenfalls teilnehmen konnten.
    Und das empfand ich als damals 25-jähriger als total erbärmlich. Aus letztlich nebensächlichen Gründen lässt sich die Politik, nachdem sie die einmalige Chance der Wiedervereinigung ergriffen hatte, die Gelegenheit entgehen, den "deutschen Schicksalstag" als National- und Gedenktag (es war ja nicht immer ein gutes Datum) mit der Vollendung der deutschen Einheit zu würdigen. Vielleicht gab es auch (emotionale) Gründe, darauf zu verzichten; aber ein derart technokratischer Grund wie ein Wahltermin war einfach nur entwürdigend.

  5. eine vergleichbare Nation wie die Deutsche, welche innerhalb so kurzer Zeit ähnliche gesellschaftliche Experimente und Untaten erdulden musste?

    Kaiserzeit, NS-Zeit, Kapitalismus und Spaltung mit sowjetische Diktatur und nun Diktatur des Kapitals....

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    • gooder
    • 17. Juni 2013 13:25 Uhr

    Hr.Kowalcuk meint, dass der Westen niemals bereit gewesen wäre, militärisch einzugreifen.Soweit so gut, allerdings lies sich der Westen mit Hilfe des RIAS nicht daran hindern, den "Volksaufstand" anzufeuern. Das plötzliche Auftauchen von Personen aus Westberlin mit Forderungen wie "Weg mit der Regierung" und "Freie Wahlen sofort" auf handgemalten Transparenten und auf tausenden von Flugblättern weist wohl darauf hin, dass außer dem RIAS noch andere Organisationen am wirken waren.

  6. bekommt man immer beigebracht, daß man solche Dinge wie "es war unausweichlich" besser nicht sagen sollte. Da man naemlich das Ergebnis schon kennt ist es leicht dies so zu sagen. Man lernt im Studium auch mal um die Ecke zu schauen ;) nur so am Rande erwaehnt.

    Auch,daß die Sowjetunion, die DDR "niemals " haette aufgeben wollen, ist nicht ganz richtig. Man wollte 1951 dem Westen anbieten,daß die DDR und BRD sich vereinigen, wenn sie aehnlich wie Oesterreich sich aus den politischen Systemen NATO und Warschauer Pakt raus- oder neutral verhalten.Dieses Angebot wurde von der BRD ja bekanntlich abgelehnt, da man sich mit den USA einen "starken Freund?" nicht vergraulen wollte...

    Was seine Theorie angeht , ist sie nur wieder eine weitere Meinung , um das Bild irgendwann mal korrekt wiederzugeben. Also eher eine Forschungsmeinung, die bald entweder bestaetigt oder widerlegt ist.

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  7. Kommentar nur empfehlen. Der 03. Oktober als Nationalfeiertag erschließt sich mir bis heute nicht; nach Wikipedia ist er es deswegen, weil es sich hierbei um das Beitrittsdatum der (damals) neuen Bundesländer handelt. Nach meiner Erinnerung von vor 23 Jahren hat man den 03.10.1990 als Beitrittsdatum genommen, damit eine bestimmte Frist hinsichtlich der für den 02.12.1990 (noch für die "alte" Bundesrepublik) vorgesehenen Bundestagswahl eingehalten wurde, so dass die Wähler aus der ehemaligen DDR ohne Terminverschiebung an der Wahl ebenfalls teilnehmen konnten.
    Und das empfand ich als damals 25-jähriger als total erbärmlich. Aus letztlich nebensächlichen Gründen lässt sich die Politik, nachdem sie die einmalige Chance der Wiedervereinigung ergriffen hatte, die Gelegenheit entgehen, den "deutschen Schicksalstag" als National- und Gedenktag (es war ja nicht immer ein gutes Datum) mit der Vollendung der deutschen Einheit zu würdigen. Vielleicht gab es auch (emotionale) Gründe, darauf zu verzichten; aber ein derart technokratischer Grund wie ein Wahltermin war einfach nur entwürdigend.

    2 Leserempfehlungen
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    • Suryo
    • 17. Juni 2013 14:29 Uhr

    "....technokratischer Grund wie ein Wahltermin..."

    Es ging nicht einmal um die Wahl als solche. Es ging allein darum, daß die Ostdeutschen aus Dankbarkeit CDU und damit Helmut Kohl wählen sollten, was sie dann ja auch getan haben.

    Wir haben den 3. Oktober also dem Wahlkampf der CDU zu verdanken.

    Nein, ich mein nicht den 9.11,. sondern den 4ten.
    Für den 9. gibt es ja diverse Bezüge, die das Jubeln doch deutlich verbieten - aber selbst der 09.11.1989 hat einen schalen Beigeschmack - war der Auslöser des "Ereignisses" doch der Fauxpas eines Funktionäres, er dann eben seine bekannte Eigendynamik entwickelte.
    Der eigentliche Zusammenbruch des SED-Regimes fand an eben dem 4. statt - mit der Selbstermächtigung des ostzonalen Volkes auf dem Berliner Alexanderplatzes.
    Das wär doch gedenk-würdig gewesen....

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  • Schlagworte Stasi | DDR | SED | Bundestag | Moskau
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