Chinesische Solarmodule sind gefragt in Europa, das zeigen die Zahlen: Solarprodukte im Wert von 21 Milliarden Euro kauften die Europäer im Jahr 2011 aus Fernost.

Damit könnte es nun vorbei sein. Die EU-Kommission hat Strafzölle gegen die asiatische Billigkonkurrenz verhängt, sie wirft ihr vor, die Preise zu drücken. Peking prüft nun seinerseits europäische Stahlrohre und Chemie-Importe auf Dumpingpreise.

"Ob die Vorwürfe stimmen, ist schwer zu überprüfen", sagt Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Der ehemalige Vizepräsident des Instituts ist Experte für Außenhandel.

Gerechtfertigt oder nicht: Strafzölle sind ein Mittel, um unerwünschte Konkurrenz aus dem Ausland vom Markt zu drängen. Alternativ lässt sich das auch mit Einfuhrquoten, speziellen Standards oder Verboten erreichen. Protektionismus nennen Ökonomen ein solches Verhalten zum Schutz der einheimischen Industrie.

Die Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler hält es allerdings für wenig sinnvoll, dass Länder ihre Wirtschaft abschotten. "Die Strafzölle gegen China werden der EU mehr schaden als nutzen", sagt Langhammer. Profitieren werde lediglich die krisengeschüttelte europäische Solarbranche. Die Käufer dagegen müssten höhere Preise bezahlen, die Rohstoffindustrie könne weniger nach China exportieren, und chinesische Solarfirmen hätten es in Zukunft schwer. Der Schutz der einen gelingt immer nur auf Kosten anderer. Freihandel, also eine Welt ohne Zölle und andere Handelsschranken, sei der bessere Weg, glaubt der Experte.

Die Idee des Freihandels ist, dass sich jedes Land auf die Herstellung der Güter spezialisiert, die es am günstigsten produzieren kann. Der Überschuss an Gütern kann exportiert und für den Erlös können andere Waren importiert werden. So geht es, zumindest in der Theorie, allen besser. China zum Beispiel sollte demnach arbeitsintensive Produkte wie Kleidung anfertigen, denn Arbeit ist in Asien relativ günstig. Europa, das höhere Löhne hat, sollte stattdessen Güter herstellen, für die große Produktionsanlagen gebraucht werden.

Kritiker des Freihandels argumentieren, eine solche Aufteilung hindere ärmere Länder daran, sich technisch weiterzuentwickeln. Protektionistische Maßnahmen seien notwendig, um neue Industriezweige oder auch Entwicklungsländer davor zu schützen, zu früh ausländischer Konkurrenz ausgesetzt zu sein. "Dieses Argument gilt heute als überholt", sagt Langhammer. "Besser ist es, in solchen Fällen durch entsprechende Kreditprogramme zu helfen."

159 Staaten gehören derzeit der Internationalen Handelsorganisation (WTO) an und bekennen sich so zum Freihandel. Offen verhängte Einfuhrzölle oder auch Importquoten sind daher selten geworden. Doch auch mit subtileren Tricks wie extrem hohen Technik- oder Umweltstandards oder eben auch Strafzöllen lässt sich die Konkurrenz ganz gut in Schach halten. "Von einem wirklichen Freihandel sind wir noch weit entfernt", sagt Langhammer. Vor allem bei Dienstleistungen wie der Gesundheits- oder Wasserversorgung gebe es Vorbehalte. "Viele ausländische Dienstleister werden entweder auf einheimischen Märkten gar nicht zugelassen oder nur mit großen Einschränkungen."

Völlig verinnerlicht haben die Länder das Freihandelsprinzip scheinbar nicht. Auch dass der Streit zwischen China und der EU gerade jetzt ausbricht, ist kein Zufall. "Immer wenn es auf dem Weltmarkt bergab geht, versuchen die Länder sich abzuschotten", beobachtet Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser von der Universität Bielefeld. Ein Paradebeispiel: Im Jahr 1930 schraubten die USA ihre Importzölle hoch, um sich gegen die Rezession nach dem Börsenkrach zu schützen. Weil daraufhin der Welthandel quasi zusammenbrach, gilt die Zolloffensive der USA heute als eine der wichtigsten Ursachen für die folgende Weltwirtschaftskrise.

Wenn die Länder sich in der Krise abschotten, verschlimmert das die Lage, lautet die Lehre. Dennoch wiederholt sich dasselbe Muster immer wieder – so wie nun im Streit um Solarmodule. "Da zeigen sich archaische Verhaltensweisen", sagt Abelshauser. Gefährlich werde es, wenn eine Vergeltungsspirale in Gang gerate, nach dem Motto: Auge um Auge, Strafzoll um Strafzoll. "Wenn ein solcher Mechanismus erst einmal ausgelöst wurde, ist er kaum zu stoppen", warnt der Historiker. Ob die EU-Kommission sich das überlegt hat?