Ein Leben lang wird es zu ihm gehören, dieses Brandmal an seinem Kopf. Ein kahler Fleck, handtellergroß. Ringsherum wächst der dunkle Schopf, doch an dieser Stelle sprießt kein einziges Haar. "Glatzkopf!", rufen ihm die Kinder hinterher. Dann wird Anton wild: schreit, randaliert und kratzt. Die Spötter wissen nicht, dass Anton als Baby fast verbrannt wäre in seinem Gitterbettchen, ganz allein im Kinderzimmer. Aber er selbst weiß es. Wut überkommt ihn, wenn er die Fotos anschaut, die geblieben sind aus seinem früheren Leben. Jetzt ist Anton neun Jahre alt, und langsam beginnt er zu begreifen, was los war mit seiner Mama. Dass sie krank war, zu viel rauchte, zu viel trank und zu viele Drogen nahm. Und ihn vor dem Feuer nicht in Sicherheit bringen konnte.

Seine Ausraster haben wohl mit diesem Schmerz zu tun, so früh verlassen worden, so schutzlos einer Gefahr ausgeliefert gewesen zu sein, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Seit acht Jahren hat es sich Anne Baumann* zur Aufgabe gemacht, diesen Schmerz für Anton kleiner werden zu lassen. Aber sie hätte nie gedacht, wie viel Kraft sie das kosten würde.

Als Anton mit anderthalb Jahren zu ihr kam, war alles, was er mitbrachte: ein Plüschesel, ein Stofflöwe, ein paar Klamotten – und diese schwer beschädigte Seele. "Anton war noch so klein, doch er hatte schon eine lange Reise hinter sich", sagt Anne Baumann. "Er hat immer wieder erfahren, dass Menschen, die ihn erst zu sich genommen hatten, ihn dann wieder zurückgegeben haben. Ich wollte, dass er endlich ankommt." Wie nah Anton seiner Adoptivmutter inzwischen ist, kann sehen, wer die beiden in ihrem kleinen Dorf in Thüringen besucht. Wie er sich an seine Mutter kuschelt, anschmiegsam wie eine kleine Katze. Seine andere Seite zeigt sich, sobald Anton hinausmuss in die Welt, zu den anderen Kindern, wenn er Regeln einhalten und sich organisieren muss.

Aber wie soll ein Kind Regeln folgen können, wenn ihm gegenüber die erste Regel der Mutter gebrochen worden ist? Das größte Versprechen überhaupt: Du darfst leben, und ich pass auf dich auf! Jeden Nachmittag, wenn Anton aus dem Schulbus steigt, überkommt Anne Baumann dieses mulmige Gefühl. "Ich weiß nie, was mich erwartet", sagt sie. Beim Klauen im Supermarkt wurde Anton schon erwischt, er hat andere Kinder mit einem gestohlenen Messer bedroht, er hat das Süßigkeitenfach der Klasse leer gegessen und sich gegenüber Lehrern so unverschämt verhalten, dass er in eine andere Klasse strafversetzt wurde. Im Ferienlager hat er Schränke zerlegt und ein Zimmer verwüstet. Anne Baumann hat genug von Krisengesprächen mit Lehrern, Erziehern, Nachbarn und Eltern. Sie alle reduzieren Anton auf den Unruhestifter, den Regelbrecher, den Wutkopf. In seiner Bedürftigkeit nimmt ihn kaum einer wahr. Und immer klinge der Vorwurf mit, sie habe ihren Sohn nicht im Griff, sagt Anne Baumann. Sie habe sich schon beim Nachrechnen ertappt, wie lange es noch dauert, bis Anton endlich 18 ist. Der Gedanke, dann nicht mehr für ihn verantwortlich sein zu müssen, hilft ihr, wenn sie nicht mehr weiterweiß. Aber die Gewissensbisse und Schuldgefühle Anton gegenüber werden dabei nicht kleiner.

Ein Kind zu adoptieren bedeutet für viele kinderlose Paare die Erfüllung eines großen Traums. Es ist der Traum von der vollständigen Familie: Vater, Mutter und Kind. Nicht selten haben sie bis zu diesem Moment lange Leidensgeschichten hinter sich. Jahre des Hoffens, vielleicht doch noch auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, ungezählte Versuche mit Hormonbehandlungen und künstlichen Befruchtungen. Eine Adoption ist dann das Versprechen auf ein neues Leben und das ersehnte Glück.

Ein zerbrechliches Glück. Aus der Adoptionsforschung weiß man heute, dass adoptierte Kinder oft traumatische Erfahrungen gemacht haben, bevor sie zu ihren neuen Eltern kommen. Trennungen, Vernachlässigung, oft auch Verwahrlosung, körperliche und emotionale Gewalt und sexuellen Missbrauch. Wie stark diese seelischen Belastungen wirklich sind, zeigt sich oft erst im Heranwachsen (Interview S. 35). Bei manchen Kindern brechen die alten Wunden zum Schulbeginn auf, bei anderen wird die Pubertät zur Zerreißprobe für die ganze Familie.

Die wenigsten Adoptiveltern sind auf so dramatische Situationen eingestellt. Denn wie gut man in Deutschland auf die Herausforderung einer Adoption vorbereitet wird, hängt – wie so vieles in dieser Republik – von der Lage des Wohnorts ab. Adoptionen sind Sache der jeweils zuständigen Jugendämter. Sie haben die Aufgabe, kompetente Adoptionsvermittlungsstellen einzurichten, um Paare bei der Suche nach einem Kind zu unterstützen. Wie das konkret erfolgt, entscheidet jedes Jugendamt selbst. Zwar existieren Standards zum rechtlichen Rahmen einer Adoption, nicht aber zur Betreuung und Beratung der Eltern. Kein Jugendamt muss Rechenschaft darüber ablegen, wie intensiv es den Lebensweg eines adoptierten Kindes begleitet.