Eigentlich war Anette Becker auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihren Sohn, als sie im vergangenen Jahr auf einer Berufemesse in Frankfurt unterwegs war. Sie ahnte nicht, dass sie selbst an diesem Nachmittag einen neuen Job finden würde.

Durch Zufall kam sie am Stand der ING-DiBa- Bank mit dem Ausbildungsleiter ins Gespräch. Der sollte zwar um junge Azubis werben, doch Anette Becker beeindruckte ihn. "Da habe ich ihr spontan vorgeschlagen, sich für unser Programm "Azubi 50+" zu bewerben", sagt Dieter Doetsch.

"Bank, warum nicht? Klingt interessant", dachte sich Anette Becker, "schließlich war ich ohnehin auf der Suche nach einer neuen Stelle." Einen Tag später schickte sie ihre Unterlagen ab. Es folgten ein Vorstellungsgespräch am Telefon, ein Assessmentcenter und schließlich eine Zusage. Seitdem ist Anette Becker Auszubildende – mit 49 Jahren, zwei fast erwachsenen Kindern und 33 Jahre nach Abschluss ihrer ersten Berufsausbildung zur Industriekauffrau. Nachdem sie die Kinder bekommen hatte, ist sie nicht mehr in ihren alten Beruf zurückgekehrt, sondern hat in verschiedenen Unternehmen die Buchhaltung gemacht; zuletzt hat sie ein paar Stunden in der Woche in einer Buchhandlung gearbeitet. "Nach sechs Jahren habe ich dann festgestellt, dass es Zeit wird für etwas Neues."

Das Programm "Azubi 50+" bietet älteren Arbeitnehmern die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Bankassistenten mit dem Schwerpunkt Immobilienfinanzierung zu absolvieren. Die Ausbildung dauert ein Jahr, die Azubis bekommen ein erhöhtes Bruttogehalt von 1.778 Euro im Monat, am Ende steht ein IHK-Abschluss. Auf die Stellenanzeige, welche die Bank im vergangenen Jahr in einer Tageszeitung schaltete, meldeten sich 140 Bewerber. Am Ende erhielten sieben Frauen und ein Mann einen Ausbildungsvertrag.

Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel werden die Unternehmen zukünftig verstärkt zu solchen Angeboten zwingen, glaubt Rudolf Kast. Er ist Vorstandsvorsitzender des "Demographie Netzwerks" und berät mittelständische Unternehmen im Personalmanagement: "Die Einstellung von älteren Menschen in eine berufliche Erstausbildung halte ich nicht nur für sinnvoll, sondern für notwendig." Noch ist die Zahl der Unternehmen, die gezielt ältere Arbeitnehmer einstellen, allerdings sehr überschaubar. "Solche Modelle erfordern eine intensive Betreuung. Viele Firmen schrecken davor zurück", sagt Kast.

An Fachkräftemangel dachte man bei der ING-DiBa vor sieben Jahren, als man das Programm "Azubi 50+" startete, allerdings nicht. Der Branche fehlt es nicht an Bewerbern, zumindest noch nicht. Die ursprüngliche Idee war es, durch die Einstellung von älteren Azubis eine Balance zwischen Jung und Alt zu schaffen. Hinzu kommt: "Viele ältere Kunden wollen lieber einen gleichaltrigen Ansprechpartner haben", sagt Dieter Doetsch.

Anette Becker fühlt sich jedenfalls wohl zwischen den jungen Kollegen. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen funktioniere gut, sagt sie. Dass ihre direkte Vorgesetzte ein paar Jahre jünger ist als sie selbst, stört die 49-Jährige nicht. "Man wird mit Respekt behandelt. Dadurch, dass wir Azubis sind, haben wir eine gewisse Schonzeit und können viel fragen."