Am Ende, wenn nur noch Sekunden bleiben, wird es plötzlich still in der Regie. Es ist ein Moment, in dem alle vor den Monitoren und Schaltpulten innehalten, die Produktions- und Toningenieure, der Bildmischer, die Chefin vom Dienst, die Regisseurin, wie im Sommer, wenn die Energie eines hitzigen Tages sich noch einmal bündelt, kurz bevor es zu regnen beginnt.

"So sitzend zwischen noch nicht und schon nicht mehr", fällt mir ein, Brecht, aus dem Fatzer-Fragment, dann ist der Augenblick verflogen, und das Ritual beginnt. "Und ab!", das Bild aus dem Studio wird zum Sendebild, die Welt wird in Blau getaucht, und dann steht da Caren Miosga, hinter dem geschwungenen Monstrum von Tisch aus getöntem Glas und Holz, und spricht in Kamera 2, die "Anchor-Kamera", und sie erläutert, was wichtig war an diesem Tag, welche Nachrichten und Ereignisse es sind, die nicht nur festgehalten, sondern auch verdichtet und vertieft werden müssen.

Das ist das Ritual. Das ist der Anspruch der Tagesthemen seit 35 Jahren. Und das ist der Auftrag. Laut Paragraf 11 des Rundfunkstaatsvertrags, in der 15. Fassung aus dem Jahr 2010, soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk "Medium und Faktor" der freien Meinungsbildung sein und "dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft (...) erfüllen". Mal abgesehen von der eingeschriebenen Ambivalenz, sowohl Medium als auch Faktor der Meinungsbildung zu sein, sind es demnach die Nachrichtensendungen und noch mehr die Tagesthemen bei der ARD und das heute-journal beim ZDF, denen zugedacht ist, für uns, die Zuschauerinnen und Zuschauer, aus der Welt jene Ereignisse auszuwählen, über die wir uns verständigen sollten als demokratische Gesellschaft.

Was lag also näher, als im Rahmen der "Suche nach der Demokratie" eine Expedition zu einer der beiden Redaktionen zu unternehmen, die als Schlüsselinstanzen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gelten? Zu jenen Sendungen, die die Wirklichkeit auf einen Begriff bringen müssen, eine "Entlastung unter den Bedingungen der Reizüberflutung", wie der Philosoph Hans Blumenberg das einmal genannt hat. Gewiss, die Sendungen ließen sich auch, vermutlich sogar leichter, aus der Distanz betrachten und, noch leichter, kritisieren. Dazu brauchte es nicht mehr als eine virtuelle Wanderung durch die Archive der Mediatheken von ARD und ZDF. Aber Nachrichten werden gemacht. Sie werden nicht nur gesendet, sie werden auch gefertigt.

Diesen Prozess gilt es zu hinterfragen: Wie wird dieser entlastend-orientierende Begriff von Politik hergestellt? Welche Werte strukturieren die Auswahl, wonach manche Themen oder Diskurse als relevant gelten und andere ignoriert werden? Was und wen repräsentiert die Repräsentation der repräsentativen Demokratie? Und was bleibt im blinden Fleck einer zur Neutralität gezwungenen Perspektive? Was wird aus dem Anspruch, "Medium und Faktor der Meinungsbildung" einer demokratischen Gesellschaft zu sein, wenn die demokratische Gesellschaft sich digitalisiert und alle herkömmlichen Formen der Meinungsbildung verändert?

Per Mail wurden beide Redaktionen angefragt. Erst das heute-journal. Dann die Tagesthemen. Claus Kleber antwortet für das heute-journal zügig und freundlich und sagt ab. Thomas Hinrichs, der Zweite Chefredakteur von ARD-aktuell, zuständig für die Tagesthemen, antwortet zügig und freundlich und sagt zu mit einer Begründung, die man gerne ans ZDF weiterleiten würde: "Wir werden von den Menschen ›draußen‹ bezahlt", schreibt Hinrichs, "also muss es erlaubt sein, zu sehen, was ›drinnen‹ mit den Gebühren gemacht wird." Verabredet werden vier Tage in der Redaktion.

Es beginnt mit der Planungssitzung und einem Klassiker: Die Wirklichkeit verhält sich anders als geplant

An einem Morgen im Mai begrüßt mich der Tagesthemen-Chef in seinem Büro in Haus 18 auf dem NDR-Areal in Hamburg-Lokstedt und lädt gleich ein auf einen Rundgang durch die Redaktionsräume, in denen ich von nun an herumstreunen darf, es gibt keine Einschränkungen, mein Notizbuch und ich traben Hinrichs hinterher, es geht lange Flure entlang, Treppen runter, Treppen hoch, durch die Abteilungen der Tagesschau, zu den Kolleginnen und Kollegen, die den Internetauftritt Tagesschau.de und die Facebook-Seite der Tagesschau betreuen, durch die Räume der Grafik (die Welt, über die von hier aus berichtet werden soll, erscheint zunehmend entrückt) bis hin zum überlebenswichtigen Schokoriegel-Automaten und schließlich zu den Redaktionsräumen der Tagesthemen.

Es beginnt mit der Planungssitzung und einem Klassiker: Die Wirklichkeit verhält sich anders als geplant. Geplant war diese Woche die Berichterstattung über den NSU-Prozess. So steht es auf der "Planungsliste TT". Ereignisse geschehen nicht einfach. Oder zumindest nicht im organisatorischen Kosmos der ARD. Neun Landesrundfunkanstalten mit insgesamt 23.000 fest angestellten Mitarbeitern arbeiten für die ARD. Etwa 100 Hörfunk- und Fernsehkorrespondenten liefern Beiträge aus über 30 Ländern der Welt. Hier gehören Ereignisse antizipiert, angekündigt, ausgewählt – und eingetragen in Listen. Wenn die Tagesthemen ein Ritual sind, dann sind Listen das liebste Ritual innerhalb des Rituals. Wie die Gans an Weihnachten oder der Karpfen blau, das traditionelle Familiengericht, das immer scheitert, weil es nie der Erinnerung an das Rezept entspricht, so enttäuscht die Wirklichkeit, weil sie nie der Fantasie der Planung entspricht.

Der NSU-Prozess ist ausgesetzt, und die minutiös geplanten Beiträge für die nächsten Tage entfallen. Um den schmucklosen Tisch im Konferenzraum sitzt das Team der Tagesthemen: die Chefin vom Dienst (CvD), eine Co-CvD, zwei Redakteure und ein Redakteur für die Moderation, eine Grafikerin und der Zweite Chefredakteur. Was immer geschieht, muss durch den Filter dieser Menschen. Das Team, das entscheidet, was für unsere demokratische Gesellschaft relevant sein soll, besteht aus einer Mischung aus Jung und Alt, es sind Männer und Frauen zwischen 34 und 62 Jahren, Geisteswissenschaftler und Volkswirte, den exotischsten Migrationshintergrund (wenn man Ostfriesland nicht wertet) hat ein ostdeutscher Kollege. Ihre professionelle und analytische Kompetenz, aber auch ihre ästhetischen, kulturellen und politischen Reflexe gestalten ihre (und unsere) Wahrnehmung der Welt. Was immer gesendet werden soll, muss durch verschiedene planerische Stufen, wird gewogen und geschätzt, auf der Wochenplanung, am Tag der Sendung, in der ersten Konferenz am Vormittag, der zweiten Konferenz am Nachmittag, bis 22.15 Uhr, bis zum erlösenden "Und ab!".