Stefanies private Altersvorsorge steckt in einer durchsichtigen Plastikmappe mit Gummizug: ein Vertrag, den sie vor fünf Jahren unterschrieben hat und in dem allerlei zu Sparguthaben und Zinsen steht, wenn Stefanie sich recht erinnert. Sie versteht nicht viel von Zahlen und hatte in ihrem Leben auch nie besonders große Lust, sich damit zu beschäftigen.

Aber irgendwann überkamen sie die Zweifel: Ob der Vertrag überhaupt sinnvoll ist, den sie da abgeschlossen hat, um ein wenig für ihren Lebensabend vorzusorgen? Dieser Frage würde sie jetzt doch gerne einmal nachgehen, deswegen ist sie heute in die Verbraucherzentrale Hamburg gekommen: Sie wird sich zum ersten Mal von einer unabhängigen Finanzexpertin beraten lassen.

Stefanie ist 34 Jahre alt, gemeinsam mit ihrem Mann Matthias lebt sie in einer Dreizimmerwohnung im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Aber weil es hier um Dinge geht, über die die wenigsten Menschen gerne öffentlich sprechen, um Gehalt, Geldanlage und langfristige Lebensziele, möchten die beiden ihre echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Stefanie ist nur eine unter vielen, natürlich, doch ihre Wünsche, Pläne und Fragen sind durchaus typisch.

Stefanie arbeitet als Architektin, im Monat verdient sie 2.200 Euro netto. Sie will, wenn sie 67 Jahre alt ist, nicht mehr arbeiten müssen, sondern so viel Geld angespart haben, dass sie davon gut leben kann, und nicht allein auf die gesetzliche Rente angewiesen sein.

Wie viele junge Menschen hat auch Stefanie gedacht, dass sie sich möglichst früh um eine private Altersvorsorge kümmern sollte, also wurde sie gleich zu Beginn ihres Berufslebens aktiv. Weil sie nicht so richtig wusste, was tun, ließ sie sich von einem Versicherungsvermittler beraten, der ihr ganz sympathisch war, und weil sie das ganze Thema so mühsam fand, vertraute sie einfach seiner Empfehlung und kaufte eine Lebensversicherung. 2008 war das. Dass er dafür hohe Provisionen kassierte und ihr das Produkt wohl eher aus Eigeninteresse als zu ihrem Besten empfahl, wird sie später an diesem Tag erfahren. Was Honorarberater oder Verbraucherschützer tun und was diese von Vermittlern unterscheidet, wusste sie damals noch nicht.

Die Finanzexpertin in der Verbraucherzentrale erklärt ihr als Erstes, dass es als Berufseinsteiger gar nicht unbedingt sinnvoll ist, sofort große Summen fest anzulegen, und dass die Altersvorsorge nicht die höchste Priorität genießen sollte. Viel wichtiger sei es, sich zunächst gegen Risiken abzusichern, die "jeden treffen können und die einen finanziell ruinieren". Deshalb sei eine private Haftpflichtversicherung notwendig, denn jeder hafte mit seinem gesamten Vermögen für Schäden, die er anderen zufüge. Und für Menschen, die finanziell maßgeblich für den Unterhalt von Partner oder Familie sorgten, könne eine Risikolebensversicherung sinnvoll sein. Diese Versicherung zahlt im Todesfall Geld an die Familie.

Nächster Punkt auf der Liste sollte eine Absicherung bei Berufsunfähigkeit (BU) sein. Stefanie arbeitet in einem Architektenbüro, im Ernstfall ist sie über das Versorgungswerk der Architekten abgesichert. Allerdings sei die Absicherung der Versorgungswerke nicht immer ausreichend, sagt Peter Grieble, ein Experte der Verbraucherzentrale für Fragen zur Berufsunfähigkeit. "Stefanie sollte noch einmal nachfragen, wann und in welchem Umfang das Versorgungswerk zahlt und ob das ausreichen würde."

Gegen Berufsunfähigkeit sichern sich die wenigsten ab: Was soll einem schon passieren, wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt? "Viele wiegen sich in Sicherheit", sagt Grieble. Doch ein großer Risikobereich seien psychische Krankheiten – und die können Schreibtischarbeiter genauso treffen wie Fahrradkuriere.

Wer eine Versicherung gegen BU abschließen möchte, sollte verschiedene Kriterien berücksichtigen, unter anderem, dass die Versicherung auch im Fall eines Umzugs ins Ausland bezahlt. "Die BU schließt man mit vielleicht 25 Jahren ab. Wie will man abschätzen, ob man in zehn, zwanzig Jahren nicht um die Welt gondelt?", sagt Grieble. Inzwischen gebe es viele gute Tarife. Das Problem sei, dass viele nicht nachrechnen würden, was sie im Fall des Falles bekämen. "Verbraucher schließen oft eine BU mit zu niedriger Versicherungssumme ab."

So wie Matthias, Stefanies Mann, der als Bauingenieur arbeitet. Seit ihm sein Versicherungsmakler zu einer BU-Versicherung riet – er vertraute dem gleichen Berater wie Stefanie – zahlt er 70 Euro monatlich ein. Sollte er berufsunfähig werden, bekäme er 1.000 Euro im Monat, also nicht einmal die Hälfte seines jetzigen Gehalts. Als Faustregel gilt aber: Möchte Matthias seinen jetzigen Lebensstandard in etwa halten, sollten es mindestens 1.500 Euro sein, rät die Verbraucherzentrale.

Erst nach alldem stellt sich die Frage: Altersvorsorge, ja oder nein?

Stefanie und Matthias verdienen zusammen 4.500 Euro netto im Monat, von denen sie seit knapp drei Jahren 1.000 Euro monatlich zur Seite legen. Ende des Jahres werden sie 30.000 Euro gespart haben. Mit dem Geld wollen sie demnächst ein Grundstück im Raum Hamburg kaufen, um darauf ein Haus zu bauen. Und sie wollen ein Kind. Die beiden haben also viel vor. Niels Nauhauser, ein weiterer Experte von der Verbraucherzentrale, der sich die Daten angeschaut hat, würde ihnen daher raten, ihr Geld flexibel anzulegen. "Infrage kommen hier Tagesgelder, Festgelder und Sparbriefe mit überschaubaren Laufzeiten."

Der Verbraucherschützer rät jungen Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie Stefanie, von jahrzehntelang laufenden Verträgen ab. Stefanie hat genau so einen unterschrieben. "Ich war damals blauäugig." Jetzt stehen ihre Pläne – Kinder und Hausbau – dem monatlichen Beitrag entgegen: Sie wird das Geld sofort brauchen. Daher ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie die Police vorzeitig kündigen wird. Und das wird teuer. Die Abschlussgebühren, das heißt vor allem die Provisionen für den Vermittler, werden über die ersten fünf Jahre der Laufzeit verteilt, so sieht es das seit 2008 geltende Versicherungsvertragsgesetz vor. Bei Stefanie waren das mehrere Tausend Euro – dieses Geld ist bei vorzeitiger Kündigung für immer verloren.

Die Unternehmen verweisen zwar darauf, dass nur 3,5 Prozent der Lebensversicherungsverträge pro Jahr gekündigt würden. "Diese Zahl sagt nichts darüber aus, wie hoch der Anteil der Abbrecher insgesamt ist", sagt Verbraucherschützer Nauhauser. "Rein rechnerisch würde eine solche Quote den Vertragsbestand bereits nach 20 Jahren halbieren."

Stefanies Vertrag läuft länger als 35 Jahre. Nauhauser hat ihn sich angesehen. Sein Fazit: Er hätte ihr als Berufsanfängerin von dem Vertrag unbedingt abgeraten. Die Abschlussgebühren waren ungewöhnlich hoch, die Hürde zu kündigen ist daher hoch. Hätte Stefanie den Monatsbeitrag auf ein Festgeldkonto, in Sparbriefen oder Banksparplänen angelegt, wäre dabei sogar wahrscheinlich eine höhere Rendite herausgekommen, rechnet Nauhauser vor. Das sei allerdings nicht immer so, man müsse die Verträge genau lesen.

Ja, denkt sich Stefanie, hätte ich mich doch bloß besser informiert, bevor ich den Vertrag abgeschlossen habe, und nicht irgendeinem Unbekannten einfach vertraut.

Sie selbst beschreibt sich als konservativ, sie wünscht sich vor allem, dass ihr Geld sicher ist. Nauhauser sagt: "Aber private Altersvorsorge heißt Kapitalmarkt, und den Kapitalmarkt gibt es nicht ganz ohne Risiko." Sparer könnten die Risiken nur dadurch begrenzen, dass sie diversifizieren, "also nicht alles auf eine Karte setzen".

20 Minuten Kurzberatung bei der Verbraucherzentrale kosten in Hamburg 30 Euro, eine ausführliche Beratung von anderthalb Stunden 150 Euro. Je nach Stadt unterscheiden sich die Preise. Stefanie möchte den Lebensversicherungsvertrag kündigen.

Sie überlegt, ob sie zusätzlich einen unabhängigen Honorarberater bezahlen soll. Zumindest könnte sie sich sicher sein, dass er ihr keine schlechten Produkte verkauft, nur um eine hohe Provision zu bekommen.