Amazon ist vor allem als Onlinehändler bekannt. Doch das Unternehmen hat noch ein zweites vielversprechendes Geschäftsfeld. Unter dem Namen Amazon Web Services vermietet es seit etwa zehn Jahren Computerkapazitäten an jedermann – Cloud Computing heißen solche Angebote im Fachjargon. Amazon weist den Umsatz damit nicht gesondert aus, doch Analysten schätzen, dass die Web Services etwa zwei Milliarden Dollar jährlich einbringen und bis 2017 mehr als 17 Milliarden Dollar Umsatz erzielen werden. Auch Microsoft, Google und andere US-amerikanische Unternehmen sind in dieses Geschäft eingestiegen.

Bis vor Kurzem waren die Aussichten tatsächlich blendend. Cloud Computing schien das nächste große Ding zu werden, aus 100 Milliarden Dollar jährlichem Umsatz sollten binnen vier Jahren an die 200 Milliarden Dollar werden, hat die Beratungsfirma Gartner hochgerechnet. Doch seit Informationen über Spähaktionen der Überwachungsbehörde NSA bei US-Unternehmen wie Apple, Microsoft und Facebook ans Licht gekommen sind, werden Cloud-Anbieter von ihren Kunden mit unangenehmen Fragen konfrontiert. "Danke, NSA, du tötest die Cloud", schrieb Unternehmensberater David Linthicum in einem Blog. "Das hat Unternehmen noch einmal deutlich gemacht, dass mit der Auslagerung von Daten auch das Spährisiko verbunden ist", sagt er.

Nach den Enthüllungen brach ein Sturm der Entrüstung im Internet los. "Wenn das Ziel war, Innovation abzuwürgen und Jobs ins Ausland zu schicken, ist das gelungen", schreibt ein Kommentator in einem Forum. Die emotionale Reaktion ist verständlich. Lange Zeit waren Unternehmen gezwungen, ihre Computersysteme und Software selbst aufzubauen und vorzuhalten – mit den entsprechenden Kosten für Hardware und Personal. Für Start-ups stellte der Zugang zu Rechnerkapazitäten ein wesentliches Hindernis dar. Die Cloud änderte das. Rechenleistung war plötzlich kurzfristig und flexibel zugänglich. Und billig zu haben.

So alltäglich ist die Nutzung der Cloud inzwischen, dass kleinere Firmen die Dienstleistung per Kreditkarte bezahlen. Im Silicon Valley verteilen Venture-Capitalist-Investoren schon mal Geschenkgutscheine für Amazon Web Services als Aufmerksamkeit an Gründer. Bei Internetunternehmen wie dem Videostreaming-Anbieter Netflix ist die Cloud Teil des Geschäftsmodells. Aber auch traditionelle Konzerne wie Kraft Foods nutzen die Wolke. Kommunen wie die Stadt Miami verbessern so den Bürgerservice, ohne die IT-Abteilung des öffentlichen Apparats aufblähen zu müssen.

Die Versprechungen der Cloud waren gigantisch. Welches Unternehmen will schließlich nicht potenziell Millionen Dollar an IT-Kosten sparen? Und trotzdem blieb eine Schar Unternehmen skeptisch, vertraute weiterhin auf hauseigene Rechnersysteme mit Servern, zu denen nur sie Zugang hatten. Aus Sicherheitsgründen, sagten sie und wurden dafür belächelt. "Jetzt sieht es so aus, als ob ihre Paranoia von der Wirklichkeit eingeholt wird", sagt der Cloud-Unternehmer Sebastian Stadil. Die NSA-Schnüffelei liefere den IT-Traditionalisten frische Munition. Den Aufstieg der externen Computersysteme werde das nicht aufhalten, glaubt Berater Linthicum. Gleichwohl: "Es ist definitiv ein ernster Schlag für unsere Branche."

Vor allem auf den Märkten außerhalb der Vereinigten Staaten. "Ich arbeite für IBM, und wir haben schon vorher große Probleme beim Verkauf unserer Cloud-Software-Lösungen gehabt", klagt ein Diskussionsteilnehmer im Internet. "Wegen der Sorge, dass die US-Regierung die Transaktionen ausspioniert."

In Europa herrscht schon lange Unzufriedenheit über den laxen Datenschutz in den USA. Um europäische Nutzer zu schützen, schreibt die EU vor, dass Daten europäischer Nutzer nur außerhalb der Gemeinschaft gespeichert oder verarbeitet werden dürfen, wenn das betreffende Land vergleichbar strikte Schutzvorschriften vorweisen kann. Ende der neunziger Jahre fanden die US-Unternehmen eine Lösung für diese Vorgabe – das sogenannte Safe-Harbor-Abkommen. Unternehmen wie Microsoft, Google, Amazon und Facebook unterschrieben Selbstverpflichtungen, nach denen sie die bei ihnen gespeicherten Daten von EU-Bürgern genauso schützen, wie es in Europa üblich ist. Doch nun tauchen auch Safe-Harbor-Unternehmen im Zusammenhang mit der NSA-Spähaktion auf. "Das hat die vorher schon zweifelhafte Legitimation von Safe Harbor unterhöhlt", sagt Datenschutzexperte Justin Brookman vom Center for Technology and Democracy, einem Washingtoner Verband für die Freiheit des Internets.

Das Silicon Valley macht Druck auf die Regierung Obama

Vor allem Unternehmenskunden sind beunruhigt: Selbst wenn das Cloud-Datenzentrum seine Rechner außerhalb der Vereinigten Staaten stehen hat – solange die Niederlassung mehrheitlich einem US-Unternehmen gehört, unterliegt es der US-Jurisdiktion. Und dann darf nicht nur die NSA dort schnüffeln, auch jedes US-Gericht kann die Offenlegung von Daten anordnen. Bei wirtschaftlich relevanten Rechtsstreitigkeiten wie etwa um Patente kann das brisant werden. Datenschützer Brookman glaubt, dass die jüngsten Informationen über die Spähprogramme dazu führen, dass die Europäer nun auf schärfere Regeln zum Schutz ihrer Bürger und Unternehmen drängen werden. Und das könnte die US-Konzerne in Schwierigkeiten bringen. Hinter den Kulissen seien die Großen aus dem Silicon Valley bereits dabei, Druck auf Obamas Regierung auszuüben. Sie fordern mehr Transparenz und klare Datenschutzzusagen. Für Brookman hätte der Überwachungsskandal damit etwas Positives: "Das könnte uns hier in den USA endlich zu einem besseren Datenschutz verhelfen."