Friede den Faltdächern: Mutter und Sohn machen es sich im Bus trotz beengter Verhältnisse gemütlich.

Uno ist weg. Ich kann das Spiel nicht finden. "Was willst’n damit?", fragt der Sohn und stopft American Psycho in seinen Rucksack. Der Roman über einen Serienkiller stand jahrelang auf dem Index der jugendgefährdenden Schriften. "Spielen", sage ich, "wir müssen da doch irgendwas machen."

Mein Sohn, den ich für diese Geschichte Ben nennen möchte, hatte einen weichen Moment, als er sagte: "Ich komm mit." Eigentlich sollte, wenn man schon mit den Eltern in den Urlaub fährt, am Meer ein Dicke-Hose-Hotel stehen, mit einem Pool, damit man nicht an den Strand muss, und einem Rund-um-die-Uhr-Futter-Service, um den jugendlichen Wachstumshunger um 14 Uhr, nach dem Aufstehen, befriedigen zu können. Ansonsten wird es vorgezogen, mit den Kumpels in ein Wochenendhaus am Plöner See zu fahren, um Hangover nachzustellen.

Unser Hotel ist ein himmelblauer VW-Bus aus dem Jahr 1973, mit drei Schlafplätzen und zwei Gasflammen zum Kochen. Cornwall ist im Sommer gespickt mit den in leuchtenden Farben lackierten Bullis. Das Freiheitsvehikel der Hippiegeneration hat es in die Gegenwart geschafft, man muss sich früh anmelden, will man einen Camper Van ergattern. Jetzt vor den Sommerferien ist die Lage noch entspannt.

Meine Freundin Eva kommt auch mit. Sie kann zwar das Uno-Spiel nicht ersetzen, aber ab und zu mal den Bus fahren, denke ich, schließlich können Strecken auch in Englands südlichem Endstück lang werden. Ich habe einen Vermieter in Newquay gewählt, der Ort liegt in der Mitte der oberen Küstenlinie, und er hat einen Flughafen, was die Anreise vereinfacht. Fünf Tage lang wollen wir mit dem alten VW-Bus die Küste in Richtung Lizard abfahren, auf Campingplätzen übernachten und das viel besungene Glück der Unabhängigkeit einfangen. Als Ben den Bus sieht, sagt er: "Geil!", zückt sein Telefon, schießt ein Foto und schickt es 1300 Kilometer gen Osten. Eine Minute später ist die Replik da. Sein Freund in Hamburg findet den Wagen auch geil. Ich bin gerettet.

Ich blicke in den VW-Himmel und weiß augenblicklich, wie es war, in den Siebzigern Kind gewesen zu sein. Wir hatten einen VW Typ 3, und ich saß auf der Rückbank. Bei uns war der Himmel gelb, nicht weiß. Das kam vom Nikotin. Die Eltern hielten die Fenster geschlossen, damit es seine Arbeit gut verrichten konnte. Wir hatten einen VW nach dem anderen. Also verbrachte ich Jahre unter Autodächern, die mit einem elastischen Kunststoff ausgeschlagen und von feinen Löchern durchzogen waren, als hätte jemand unablässig mit einer Nadel hineingestochen. Der VW-Bus bringt dieses vergessene Leben augenblicklich zurück. Auch der Schlüssel, ein plattes Ding mit einer einseitigen Ausformung, und die silbern anmutende, geriffelte Türschließe wirken wie eine Erinnerungstablette. So war Autofahren. So war Kindheit.

Ein Projekt für Jugendliche mit einem schwierigen Lebenslauf

Die Kindheit meines Sohnes ist vorbei. Ben ist jetzt 16 Jahre alt, und es kommt nicht mehr häufig vor, dass wir Dinge zusammen tun. Cornwall ist mit Sicherheit nicht das, was Jugendliche sich unter einem coolen Ort vorstellen. Cornwall ist tatsächlich so schön, wie die Schmonzetten von Rosamunde Pilcher den Leserinnen erzählen: wild und romantisch, pittoresk und geheimnisvoll. Ich habe Ben mit der Aussicht auf die Surfstrände hierher gelockt. Mit dem Versprechen auf Palmen und auf die beste Burger-Bude der Welt. Er hat sich darauf eingelassen, und ich fühle mich verpflichtet, ein gutes Programm zu liefern. Dass er ohne Gemecker seinen Computer zu Hause ließ, bringt mich umso mehr in die Pflicht.

Eva steuert das alte, ungewohnte Gefährt souverän in Richtung Watergate Bay, dem vielleicht schönsten Surferstrand von Newquay. Eine riesige, weite Bucht, auf deren Klippen Jamie Oliver sein Restaurant Fifteen betreibt. Ein Ausbildungsprojekt für Jugendliche mit einem schwierigen Lebenslauf. Dort zu sitzen, bei fantasiereichen, leckeren Speisen, und die Surfer zu beobachten ist eines der Highlights, hier in Englands Süden. Doch die Jugend ist cool. Jamie Oliver geht ihr am Geschmacksnerv vorbei, sie will lieber runter zum Strand und einen Neoprenanzug und ein Bodyboard ausleihen. Oder lieber doch nicht, schließlich kann man in einem VW-Bus nicht heiß duschen. Mein Alles-richtig-machen-wollen-Druck wächst. Sich in die Wellen zu werfen hatte ich als tolle Sache vorgesehen. Wenn Ben das jetzt nicht will, heißt es bald, Cornwall sei langweilig. Aber für den Augenblick scheint es zu reichen, über die enorme Weite der Bucht zu marschieren, hin zum Meer, das dank der Ebbe Hunderte Meter entfernt ist, um mich herumzuhüpfen und zu versuchen, mich in die Pfützen zu drängen. Und während die Sonne scheint und der Wind pfeift und es schöner nicht sein könnte, frage ich mich, warum man mit seinem Kind so weit fahren muss, damit es einmal das beknackte Facebook vergisst und die Blödelfilme auf YouTube und versucht, seine Mutter in die Pfützen zu schubsen.

Das Telefon ist wichtiger als alles andere

Der Bus ist verdammt eng. Bei maximalen 1,5 Quadratmetern freier Fläche muss man sich gut abstimmen. Absprechen, wer wann wo seine Tasche rausholt, wer sich wo hinzusetzen gedenkt. Wenn wir das Faltdach des VW ausklappen, sodass Ben Platz zum Schlafen hat, kann man endlich stehen. Erstaunlicherweise meckert der Sohn über die beengten Verhältnisse nicht. Im Gegenteil: Er findet das gemütlich. Eva und ich schlafen auf der ausgeklappten Sitzbank. Man möchte die Beine anwinkeln, damit die Füße nicht im Freien hängen, aber da ist schon der andere Körper, so schmal ist es. Ein sensibler Punkt ist die Steckdose. Eine einzige gibt es, und die spendet nur Energie, wenn der Wagen auf dem Campingplatz am Strom hängt. Was immer man anschließen will, das Telefon, am Abend den Heizer, das Handy des Sohns hängt schon dran, und das geht vor. Es scheint das Privileg der Jugend zu sein, dass ihr Telefon wichtiger ist als alles andere.

Cornwall ist reich an Campingplätzen. Überall stehen Hinweisschilder am Straßenrand. Die Betreiber sind erfreulich umkompliziert, WLAN gehört so selbstverständlich zum Angebot wie eine große, gut gepflegte Sanitäranlage. Jetzt im Frühjahr sind die Plätze nur mäßig gefüllt, wir fahren einfach drauflos und schauen, wo es uns gefällt. Beziehungsweise Eva fährt. Ich nur kurz, dann gebe ich entnervt auf. Es macht mir nichts aus, wenn ein Wagen schwergängig ist, wenn er keine Servolenkung hat und man dran denken muss, den Blinker wieder abzuschalten. Wenn aber die Bremse ewig braucht, um zu greifen, und die Gänge nicht reingehen und der Versuch, sie reinzubekommen, sich anfühlt, als würde man mit einem 60 Zentimeter langen Stock in Porridge rühren, wie die Bus-Vermieterin es beschreibt, und man gleichzeitig links herum in den Kreisverkehr fahren will, dann bringt mich das an die Grenzen meiner Duldsamkeit. Ich möchte dann schreien.