Alles beginnt mit dem aufrechten Gang, durch den der Mensch sich vom Tier unterscheidet, man kann auch sagen: sich über das Tier erhebt. Dass der Mensch seinen Schwerpunkt verlagert, dass er auf zwei Beinen vorwärtsstrebt und mit erhobenem Kopf seine gesamte Umgebung bis zum Horizont erfassen kann, ist ein Quantensprung auch in der mentalen Entwicklung. Der aufgerichtete Mensch kann seine Hände für etwas anderes benutzen als zur Fortbewegung. Er kann etwas ergreifen und begreifen. Das ist der Anfang aller Arbeit.

Es ist aber auch der Anfang der Idee einer Waffe. Denn eine Waffe ist ein Gegenstand, den man benutzt, um einen räumlichen Abstand zwischen sich und einem anderen Lebewesen – Mensch oder Tier – in meist unfreundlicher Absicht zu überwinden. Eine Axt, mit der ich einen Baum fälle, ist ein Arbeitsinstrument. Eine Axt, die ich nach einem Menschen schleudere, ist eine Waffe. Jedes, auch das gefährlichste Tier – sei es ein Löwe, Tiger, Krokodil oder Hai – muss sich in unmittelbare Nähe desjenigen Lebewesens begeben, das es angreifen will. Der Mensch jedoch nicht. Er kann aus sicherer Distanz töten. Er kann den Akt des Tötens sogar ohne Notwendigkeit vollziehen – ohne Hunger zu haben, ohne angegriffen worden zu sein. Er kann töten, einfach weil er die Fähigkeit dazu hat (werfen und schleudern), das Mittel (Axt, Speer, Gewehr, Bombe, Drohne), die intellektuelle Potenz (Absicht, Plan, Ziel). Und er kann anders töten als ein Tier, weil er seinen Tötungsplan nachhaltig zu verfolgen vermag.

Die Gründe, aus denen Menschen zu Waffen greifen, sind Legion. Diese Gründe – und nicht die Waffe an sich – sind immer wieder Anlass zu philosophischen und moralischen Überlegungen gewesen, sie waren der Ursprung von Ethik und Religion. Denn Gewalteindämmung, Gewaltminderung und Gewalteinhegung sind das eigentliche Ziel aller Religion.

Den großen Religionen liegt dabei die nüchterne Einschätzung zugrunde, dass selbst die vertrauteste menschliche Gemeinschaft nicht frei ist von Hass, Aggressionsgefühlen und potenzieller Gewalt. Das heißt, die Waffenfähigkeit des Menschen – nicht die Waffe an sich! – ist das Problem. Wo immer ein Mensch auf andere Menschen trifft, tritt er in Konkurrenz mit ihnen, teilt mit ihnen seine ambivalenten Leidenschaften: Ehrgeiz, Lust, Aggression. Nicht einmal die Familie ist davon frei. Im Gegenteil. Wo die Affinität am größten ist, beginnt die Entgleisung menschlicher Gemeinschaft und das Risiko für deren Fortbestand.

Darauf wollen alle alten Vorschriften, Regeln und Gebote früherer Zivilisationen hinaus. Nie geht es vorrangig um Ratschläge für fromme Menschen, überhaupt geht es nicht um Tugenden von Einzelnen oder um das, was wir heute Menschenrechte nennen. Es geht um Gefahrenabwehr innerhalb größerer Gemeinschaften. So liest sich der christliche Dekalog fast wie eine Anweisung für asymmetrische Konflikte: Das erste Gebot ("Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!") regelt den Religionsfrieden, und das zweite warnt vor dem möglichen Missbrauch göttlicher Autorität ("Du sollst Gottes Namen nicht missbrauchen!"). Das dritte Gebot entzieht den Menschen dem völligen Zugriff der Arbeitswelt, es reklamiert einen Anteil unserer Lebenszeit für das Nachdenken über Gott, über die Schöpfung und den Sinn unserer Existenz. Das vierte Gebot ("Du sollst Vater und Mutter ehren") regelt den Generationenfrieden. Die Gebote fünf, sieben, neun und zehn ( Nicht töten! Nicht stehlen! Nicht begehren, was Eigentum eines anderen ist!) sollen die Anlässe für Rachegefühle zähmen. Das sechste Gebot ("Du sollst nicht ehebrechen!") anerkennt, dass auch Erotik kein Paradieszustand und schon gar kein gewaltferner Raum ist. Und das achte Gebot ("Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!") warnt vor der tödlichen Macht des öffentlichen Wortes.

Wie passen nun die Drohnen in die historische Reihe der Kriege und der sie begleitenden Versuche, den Frieden zu erhalten? Sind die Drohnen nur eine technologische Neuerung? Sind sie gar ein Mittel zur Vermeidung von Toten? Nein. Drohnen sind ein Anzeichen dafür, dass sich der Krieg den menschlichen Absprachen mehr und mehr entzieht und droht, sich zu verewigen. Die Befürworter der Drohnentechnologie sagen: Was für Hysterien! Drohnen ersparen uns Fehleinschätzungen des Kriegsgeschehens. Und sie schützen das Leben unserer Soldaten. Damit haben die Befürworter recht – nur völlig anders, als sie meinen. Die Drohnen erweitern tatsächlich das Gesichtsfeld des Menschen, der sich einst aufrichtete, zu einem Rundumblick, der bald die ganze Erde umfassen könnte. Doch die Drohne ist – auch als Aufklärungsdrohne – immer noch eine Waffe, kein Fernrohr oder Teleskop. Sie ist das zu Ende entwickelte Prinzip der Tötung auf Distanz, der Tötung ohne jedes eigene Risiko, der Tötung, nur weil ich es entscheide.

Die Befürworter der Drohnen sagen, dahinter stehe immer noch ein Mensch, der die Drohne programmiert habe, der die Entscheidung fälle. Manchmal sei es sogar der Präsident des mächtigsten Staates der Erde. Aber das ist noch keine Antwort auf die Frage, wer diesen Menschen kontrolliert, wer seine Entscheidungen öffentlich diskutiert. Der Begriff "gezielte Tötung" klingt wie ein militärischer Fachausdruck, ist aber rechtlich nirgendwo verankert. Denn durch die Zielauswahl ohne vorheriges Gerichtsverfahren, ohne Anklage und Verteidigung implodiert unser Rechtssystem.

Nach aller bisherigen Praxis in Israel und in den USA werden die Drohnenprogramme zur gezielten Tötung "feindlicher" Individuen mit Zielvorgaben der Geheimdienste gefüttert, die ein anderer geheimer Ausschuss überprüft. Am Ende entscheidet ein politisch Verantwortlicher wie der Präsident. Er ist demokratisch gewählt und legitimiert. Aber ist seine Entscheidung auch legal?

Sie ähnelt als Rechtsvollzugsorgan fatal den Mechanismen der Lynchjustiz und des Fememordes in vorrechtsstaatlicher Zeit, die keine Gewaltenteilung, keine Verteidigung, kein "Im Zweifel für den Angeklagten" kannten. Auch ein Präsident der Vereinigten Staaten sollte nie Herr über Leben und Tod sein. Sein Urteil muss überprüfbar und korrigierbar bleiben.