Im ZEITmagazin Faktomat können Leser Aussagen von Politikern vorschlagen, die sie für unglaubwürdig halten. Die Redaktion prüft regelmäßig jene Behauptungen, für die sich die meisten Leser interessieren. Schicken Sie uns Ihre Vorschläge und stimmen Sie ab, was wir prüfen sollen! Heute prüfen wir Sigmar Gabriels Behauptung, die Schere zwischen Arm und Reich sei unter Schwarz-Gelb immer weiter aufgegangen.

Fast jeder hält diesen Satz für wahr: Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Man hat es in den vergangenen Jahren oft gelesen. Da erscheint es kaum überraschend, wenn Sigmar Gabriel behauptet: "CDU, CSU und FDP sind dafür verantwortlich, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht." Klar, die Schere geht auf, und logisch, wer sollte sonst schuld daran sein, wenn nicht die Reichenpartei FDP und ihre Bundesgenossen? Doch so schön einfach liegen die Dinge, wie so oft, nicht.

Wenn von Arm und Reich die Rede ist, schauen Wissenschaftler üblicherweise auf zwei Größen: Vermögen und Einkommen. Zu den Vermögen befragt das Statistische Bundesamt alle fünf Jahre rund 60.000 Bürger. Diesen Studien zufolge wurden die Reichen zuletzt tatsächlich immer reicher. 1998 besaßen sie – genauer gesagt, das vermögendste Zehntel aller Haushalte – 45 Prozent des gesamten Privatvermögens in Deutschland. Zehn Jahre später ballten sich bei ihnen schon 53 Prozent. Auf der anderen Seite schrumpfte der Anteil jener Vermögen, die auf die untere Hälfte der Bevölkerung entfallen, von 3 auf 1 Prozent.

Allerdings stammen die jüngsten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2008. Was danach geschah, wird erst die nächste Erhebung zeigen. Da nützt es wenig, dass die Europäische Zentralbank kürzlich eigene Zahlen zu den Vermögen im Jahr 2010 veröffentlicht hat (danach besaß das reichste Zehntel 58 Prozent des Gesamtvermögens). Denn die Erhebungen sind nicht unmittelbar vergleichbar, ein Trend bis 2010 lässt sich nicht seriös ablesen.

Die Ampel zum ZEITmagazin-Faktomat: Grün, wenn die geprüfte Aussage richtig ist, gelb, wenn sie teilweise wahr ist, und rot, wenn sie falsch ist. ©DIE ZEIT

Man kann viel darüber spekulieren, was sich bei den Vermögen in den vergangenen fünf Jahren getan hat oder gerade tut. Statistisch gut abgesichert ist bisher nur: Zwischen 1998 und 2008 wuchs die Kluft. Und in dieser Zeit saß die SPD in der Regierung. Von 1998 bis 2005 stellte sie den Kanzler (Gerhard Schröder), danach, in der Großen Koalition, etliche Minister (darunter Finanzminister Peer Steinbrück). Erst 2009 übernahm die FDP den Platz der SPD an der Seite der Union. Selbst wenn man aus den Zahlen einen bis 2010 fortschreitenden Trend zur Konzentration der Vermögen herauslesen will, könnte man den Liberalen höchstens für ein Jahr dieser Entwicklung die Schuld geben, den Sozialdemokraten dagegen für elf.

Andere Untersuchungen schauen nicht auf das Vermögen, sondern auf das Einkommen. Als relativ arm – oder "armutsgefährdet" – gilt etwa, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Dazu gibt es viele Studien. Einigen zufolge stieg der Prozentsatz der Armutsgefährdeten zuletzt (2010/11) geringfügig, nach anderen sank er. Nicht jede Schwankung sei statistisch signifikant, also aussagekräftig, warnen Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. In ihrer Tendenz stimmten die Ergebnisse aber in einem Punkt überein, so die Forscher: "im deutlichen Anstieg des Armutsrisikos bis etwa 2005 und einem seitdem etwa gleichbleibenden Niveau". Auch die relative Armut nahm also vor allem in den Schröder-Jahren zu. Danach ist der Trend unklar.