Serie: Arbeit mit Gefühl"Jeder Kunde gibt mir einen Vertrauensvorschuss"

Cornelia Scheuer-Barthel ist Friseurin und liebt ihren Beruf. Ein Gespräch über Stolz. von 

DIE ZEIT: Frau Scheuer-Barthel, Sie sind seit 40 Jahren Friseurin, seit 20 Jahren mit eigenem Salon. Waren Sie immer stolz auf Ihren Beruf?

Cornelia Scheuer-Barthel: Nein, früher habe ich das Gefühl gar nicht gekannt. Stolz war bei uns zu Hause etwas Negatives, da war Zurückhaltung gefragt. Stolz auf mich selbst sein zu können – das habe ich mir erst erarbeiten müssen.

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ZEIT: War Friseurin denn Ihr Wunschberuf?

Scheuer-Barthel: Ursprünglich wollte ich Lehrerin werden, aber ich durfte das in der DDR aus ideologischen Gründen nicht. Deswegen habe ich mich dann für den Friseurberuf entschieden.

ZEIT: Waren Sie bei Ihrer zweiten Wahl dann trotzdem mit dem Herzen dabei?

Scheuer-Barthel: Ich habe mich reinackern müssen in den Beruf, mochte ihn aber von Anfang an. Heute bin ich sehr stolz darauf.

ZEIT: Was genau macht Sie stolz?

Scheuer-Barthel: Jeder Kunde, der meinen Laden betritt, gibt mir einen unheimlichen Vertrauensvorschuss: Er lässt zu, dass ich ihn verändere. Fremde Menschen erlauben mir, sie anzufassen. Das dürfen sonst nur Ärzte. Viele Kollegen sind sich gar nicht bewusst, wie anspruchsvoll der Beruf ist. Schließlich will der Kunde ja wochen- und monatelang mit dem Ergebnis meiner Arbeit in der Öffentlichkeit herumlaufen. Es macht mich traurig, wo unsere Branche hingeraten ist.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Scheuer-Barthel: Viele Friseure haben negative Gefühle ihrem Beruf gegenüber. Die Löhne sind niedrig, die Qualität ist schlecht. Wenn ich sehe, mit was für Haaren Leute herumlaufen! Was sind denn da für Friseure am Werk?

ZEIT: Was glauben Sie, woher dieses negative Gefühl kommt?

Scheuer-Barthel: Oft fehlt es an der Wertschätzung. Dass Friseure die nicht mehr bekommen, liegt aber an ihnen selbst. Viele haben sich in dieses Billigdenken begeben, Einzelunternehmen konkurrieren mit den Preisen von Ketten und können sich keine Weiterbildungen mehr leisten. Das geht in keinem Beruf, erst recht nicht in einem Modeberuf.

ZEIT: Von August an wird nach und nach ein Mindestlohn für Friseure eingeführt. 2015 soll er in ganz Deutschland bei 8,50 Euro die Stunde liegen.

Scheuer-Barthel: Ich hoffe, dass unser Beruf dadurch auf eine andere Qualitätsstufe gestellt wird. Es wird nämlich nicht funktionieren, einfach die Preise zu erhöhen, um den Mindestlohn zu stemmen. Friseure sind dann gezwungen, an ihrer Qualität zu arbeiten.

ZEIT: Was macht für Sie gute Qualität aus?

Scheuer-Barthel: Wenn man die Kunden so berät, dass ein Schnitt zu ihnen passt, und unrealistische Wünsche ehrlich abschmettert. Wem das gelingt, der kann stolz auf seine Arbeit sein. Und der fühlt sich nicht schlecht, wenn er an der Kasse einen hohen Betrag nennt. Ich kenne das Gefühl, wenn da etwas ins Ungleichgewicht gerät. Ich hatte selbst mal so einen Tiefpunkt.

ZEIT: Wann war das, und wie kam es dazu?

Scheuer-Barthel: Das war, als meine Tochter, die ich in meinem Laden ausgebildet hatte, in eine andere Stadt gegangen ist. Erst habe ich gar nicht gemerkt, wie sehr ich darunter gelitten habe. Ich hab nur noch geackert, hatte ständig Ärger mit Mitarbeitern, war unaufmerksam den Kunden gegenüber. Mein Selbstwertgefühl war runter.

ZEIT: Was haben Sie in dieser Situation gemacht?

Scheuer-Barthel: Ich hab mir Hilfe von außen geholt, ein Coaching gemacht. Als ich mit mir selbst wieder zufrieden war, habe ich einen neuen Zugang zur Arbeit und zu meiner Rolle als Chefin gefunden. Ich sehe die Erfolge wieder, traue mich, Neues auszuprobieren. Und dadurch, dass ich mich verändert habe, kommen nun auch viele neue Kunden. Eins habe ich in dieser Zeit gelernt: Wenn man nicht stolz auf seinen Beruf ist, kann man ihn auch nicht gern machen. Heute finde ich: Wir Friseure haben den schönsten Beruf der Welt.

ZEIT: Haben Sie sich auch äußerlich verändert?

Scheuer-Barthel: Ja, ich habe ständig andere Frisuren. Früher war ich ganz blond, jetzt bin ich dunkel. Aber ich bin auf dem Weg, wieder heller zu werden.

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    • Schlagworte Arbeit | DDR | Mindestlohn | Qualität | Emotion
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