Frühförderung"Auf die Familie kommt es an"

Frühförderung zahlt sich aus, für die Kinder und für die Gesellschaft, sagt der Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman. von Christine Brinck

DIE ZEIT: Professor Heckman, ausgerechnet Sie, ein Wirtschaftsnobelpreisträger, gelten als Avantgardist der frühkindlichen Förderung. Vor acht Jahren schrieben Sie im Wall Street Journal einen wegweisenden Beitrag mit dem Titel Catch ’em Young ("Fangt sie früh ein"). Weshalb interessiert sich ein Spitzenökonom für das Wohl und Wehe kleiner Kinder?

James Heckman: Vor zwanzig Jahren habe ich viel Zeit damit verbracht, mir Arbeitsmarkt- und Trainingsprogramme in Amerika und Europa genauer anzusehen. Sie sollten die Armut verringern und richteten sich an ältere Teenager und frühe Twens. Leider sind solche Interventionen ziemlich erfolglos. Wir fanden heraus, dass die Jugendlichen magere, wenn nicht sogar negative Effekte durch dieses Training erfuhren. Das war ziemlich deprimierend.

Anzeige

ZEIT: Hat die Enttäuschung über die erfolglose Intervention bei den großen Kindern Sie zu den kleinen Kindern geführt?

James Heckman

Der Wirtschaftsprofessor lehrt an der University of Chicago. Im Jahr 2000 bekam er den Nobelpreis für Ökonomie; für eine Methode, die die Fehlinterpretation von Daten verhindern soll. Heckman, 1944 geboren, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den positiven Auswirkungen frühkindlicher Bildung. Er hat einen Sohn und eine Tochter.

Heckman: Ja, das Interesse für die frühe Kindheit kam zustande, weil ich damals oft Besuch von Charles Murray bekam. Er war Mitautor des aufsehenerregenden Buchs Bell Curve, das viele Probleme auf die mangelnde Intelligenz der sozial Schwachen zurückführte. Leicht deprimiert dachte ich, es gebe vielleicht eine Gruppe von Menschen mit niedrigem IQ, die im Leben, genetisch bedingt, nicht besonders gut funktionieren. Durch Zufall wurde ich in dieser Phase auf die Forschung zur frühkindlichen Entwicklung aufmerksam. Ich hörte einen Vortrag des Kinderneurologen Harry Chugani. Der Mann sprach von den Folgen der Frühentwicklung für das Gehirn, über Kinder in Armut und frühkindliche Bildung. Ich war begeistert. Mir eröffnete sich die Möglichkeit, den genetischen Determinismus, von dem Murray immer sprach, zu widerlegen.

ZEIT: Und wie entdeckten Sie das Perry-Preschool-Projekt, mit dem Anfang der sechziger Jahre afroamerikanische Vorschulkinder aus Risikofamilien gefördert wurden?

Heckman: Einer meiner Studenten hatte mir zufällig davon berichtet. In Chicago hat das Interesse an Sozialpolitik Tradition. Ich habe zum Beispiel viel mit Ted Schulz, auch Nobelpreisträger, darüber gesprochen, wie akademische Fertigkeiten und ein hohes Familieneinkommen zustande kommen. Wir sammelten Berge von Daten, und es zeigte sich, dass die Bildung der Mutter eine entscheidende Rolle spielte. Ich war fasziniert von der Einsicht, dass die Spreizung in den Fähigkeiten, die sich bei den Achtzehnjährigen zeigte, schon bei den Fünfjährigen zu sehen war.

ZEIT: Also doch wieder genetische Determination? Smarte, gut ausgebildete Mütter haben smarte Kinder, und alle verdienen viel Geld.

Heckman: Könnte man denken. Ich jedenfalls war fasziniert von der Tatsache, dass die Eingangsbedingungen, die Menschen dazu bringen, im College zu bestehen oder unterzugehen, im Alter von fünf Jahren mehr oder minder festgelegt waren. Die Frage nun war, ob man diese Bedingungen durch irgendeine Bildungsintervention beeinflussen kann.

ZEIT: Und solche erfolgreichen Interventionen haben Sie in den Vorschulstudien gefunden?

Heckman: Ja, wir analysierten die Daten neu.

ZEIT: Sie haben in die Frühbildungsdebatte das Verdikt des "Unfalls der Geburt" geworfen. Sind Sie dafür geprügelt worden?

Heckman: Nein, die Leute haben das als ein ökonomisches Argument verstanden. In der Ökonomie gibt es für alles einen Markt. Stellen Sie sich vor, in einer idealen Welt könnte sich ein Embryo eine Versicherung gegen die falschen Eltern kaufen. Vor zehn Jahren hat ein Wissenschaftler die Idee in die Debatte geworfen, dass man Armut loswerden würde, wenn man sich gegen schlechte Eltern versichern könnte. Wir haben so einen Markt aber nicht.

ZEIT: Also ist die Familie schuld?

Heckman: Für einen Ökonomen entspricht das Versagen der Eltern dem Versagen des Marktes. Und den Markt gilt es zu korrigieren. Jeder von uns wird in Umstände hineingeboren, über die er keine Kontrolle hat. Unsere Eltern, unsere Gene, unsere Bildung, unsere Gesundheit sind durch unsere Familien vorgegeben. Dabei gibt es große Unterschiede in der Ausstattung. Die können wir nicht ganz verändern, aber manches schon. Insbesondere sollten wir auf die Ungleichheit der Ressourcen schauen, die die Familien haben, um ihre Kinder ordentlich zu fördern.

ZEIT: Nun werden Milliarden von der Vorschule bis zum 12. Schuljahr ausgegeben. Warum reicht das nicht, um die Ungleichheit loszuwerden?

Heckman: Wir haben einige Langzeitstudien zu Frühentwicklung und frühen Investitionen in Bildung ausgewertet und dabei verstanden, dass Ungleichheit in Erfahrung und Bildung in früher Kindheit zu Ungleichheit in Fähigkeiten, Leistungen, Gesundheit und allgemeinem Erfolg im Erwachsenenleben führen. Die Daten zeigen, dass die negativen Auswirkungen von Familie und Umfeld durch Investitionen in gute frühe Bildung ausgehebelt werden können.

ZEIT: Sie fordern die frühe Intervention vor allem für die Kinder, die der "Unfall der Geburt" am härtesten trifft. Ist der Ärger mit den übrigen 80 Prozent nicht programmiert?

Heckman: Die Mittel- und Oberschicht investiert heftig in ihre Kinder. Intakte Familien investieren weit mehr in ihre Kinder als Familien Alleinerziehender beispielsweise. Die Schere kognitiver Stimulation hat sich zwischen den sozialen Gruppen in den letzten Jahren weiter und weiter geöffnet. Kinder, die in beschränkten Bedingungen aufwachsen, erfahren weniger Stimulation, weniger Gesundheitsvorsorge, weniger Zuwendung. Auch ist die elterliche Bindung ein mächtiger Indikator für Fertigkeiten, welche die Kinder später als Erwachsene haben, die Gesundheit eingeschlossen.

Leserkommentare
  1. "Für einen Ökonomen entspricht das Versagen der Eltern dem Versagen des Marktes. Und den Markt gilt es zu korrigieren"

    Lange nicht mehr so gut gelacht und gleichzeitig Filme geschoben.

    Holy Crackers

    5 Leserempfehlungen
  2. was ich als Erzieher gesehen habe: arme und reiche Menschen können ihre Kinder gleichermaßen ruinieren oder veredeln. Die armen machen es nur anders als die reichen Menschen. Reiche Eltern können ein Fluch sein wie arme Eltern.

    Für kognitive Förderung würde ich mal sowas vorschlagen: jeder Kindergarten muss einen Garten haben der mindestens so groß ist wie das Gebäude der Kita selbst. Das Kognitive verkümmert auch an Bewegungsarmut: die kann man beim Nachhilfelehrer und Musikunterricht genauso erleiden wie vorm TV.

    Ansonsten ein leicht gewandeltes Nietzsche-Zitat: das laissez-faire in der Wirtschaft ruiniert die Sittlichkeit ganzer Völker. Der Wirtschaft die Erziehung anheim zu geben ist laisser-faire in der Wirtschaft.

    Zu jedem "Familie und Erziehung muss ein Markt werden"-Spinner einfach sagen: halt die Klappe und geh Autos bauen oder sowas.
    Auch Datenfetischismus wird nie sehr weit führen, weil Erziehung weit weniger eine Wissenschaft und vielmehr eine Kunst ist. Erziehung(sdaten) anhand von bell curve ist einfach nur lachhaft.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    solche Leute wie Herr Heckmann gehören, wenn nicht ins Gefängnis, so zumindest öffentlich an den Pranger gestellt, statt dass man sich für ein Interview mit Ihnen hergibt, - was wiederrum deren Ego stärkt.

    Wenn ich als Frühpädagogin diesen Artikel lese, wird mir geradezu schlecht.

    Ich empfehle Herrn Heckmann die Lektüre von renommierten Frühpädagoginnen wie Emmi Pikler und Magda Gerber.

    Schade nur, dass Herr Heckmann so leistungsorientiert, auf IQ und Wachstumseffiezienz getrimmt ist, dass er, wegs mangelnder Entfaltung seiner Empathie und seiner grundsätzlichen seelischen Qualitäten, wahrscheinlich gar nicht in der Lage sein wird, zu verstehen, was kindgerechte Kleinkindpädagogik überhaupt ausmacht und WORUM es ihr gehen sollte.

    Brrh, - mir wird kalt und mich fröstelt, wenn ich solche Artikel lese ...

  3. Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Einfach nochmal den Kommentar lesen.

    In Erziehungsfragen darf die Wirtschaft dank Meinungsfreiheit sagen, was sie für sinnvoll befindet. Das wars aber auch schon.

    Ein Kind ist kein Markt und fünfhundert Kinder in einer bell curve sind so erkenntnisbrauchbar wie ein nasser Pups an der Wand: denn Kind zu sein steht nicht zur freien Wahl (=kein Markt) und kein Mensch existiert zweimal (zwei exakt gleich sein _könnende_ Kinder zu vergleichen - das hieße im streng wissenschaftlichen Sinne erst: vergleichbar sein). Deswegen hat alles rumstümpern in der "Logik" von Angebot und Nachfrage hier auch den Mund geschlossen zu halten. Und zwar in jeder Form und absolut.

  4. Mr. Heckman ist nun schon 69 Jahre alt und hat immer noch nicht begriffen, worum es im Leben wirklich geht.

    Dazu möchte ich Sir Peter Ustinov zitieren:

    "Der Sinn des Lebens? Ich weiß nicht, was der Sinn des Leben ist. Für mich macht es jedenfalls wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein".

    Die alles umfassende Verwertungslogik des Kapitalismus wird uns alle noch in den Abgrund treiben! Dieses Denken ist krank, ja pervertiert.

    Ich bin relativ jung und habe einen 16jährigen Sohn, den ich über alles liebe. Eigentlich hätte unser Sohn mehrere Geschwister bekommen sollen, aber seit Schröders Agendareformen, die ich als Kampfansage an uns Normalbürger begriffen habe, befinde ich mich im Gebärstreik. Ich sehe nicht ein, weshalb ich noch weitere Sklaven für das System bekommen soll. Uns Normalbürgern gönnt man ja inzwischen nicht mal mehr das Schwarze unter den Fingernägeln. Ich arbeite und mein Mann arbeitet auch. Wir haben ein ziemlich gutes Auskommen, eine Eigentumswohnung in München, aber das Damoklesschwert schwebt immer über uns und wir sind beide nicht so vermessen, dass wir glaubten, uns könnte es niemals treffen. Wir bringen unserem Sohn nicht bei, wie man sich im Wettbewerb - mit Ellenbogen und egal wie - durchsetzt, sondern wir bringen ihm die Werte nahe, die einem niemand nehmen kann. Das Bewußtsein für die eigene Würde! Kritikfähigkeit! Bescheidenheit! Solidarität! Empathie!

    14 Leserempfehlungen
  5. ... wo sie auch maximal 500 Worte hören und kaum der Raum für individuelle Förderung und Entfaltung gegeben ist, stattdessen höhere Herdprämien ?

  6. Einfach nochmal den Kommentar lesen.

    In Erziehungsfragen darf die Wirtschaft dank Meinungsfreiheit sagen, was sie für sinnvoll befindet. Das wars aber auch schon.

    Ein Kind ist kein Markt und fünfhundert Kinder in einer bell curve sind so erkenntnisbrauchbar wie ein nasser Pups an der Wand: denn Kind zu sein steht nicht zur freien Wahl (=kein Markt) und kein Mensch existiert zweimal (zwei exakt gleich sein _könnende_ Kinder zu vergleichen - das hieße im streng wissenschaftlichen Sinne erst: vergleichbar sein). Deswegen hat alles rumstümpern in der "Logik" von Angebot und Nachfrage hier auch den Mund geschlossen zu halten. Und zwar in jeder Form und absolut.

    5 Leserempfehlungen
  7. >>In der Ökonomie gibt es für alles einen Markt. Stellen Sie sich vor, in einer idealen Welt könnte sich ein Embryo eine Versicherung gegen die falschen Eltern kaufen.<<

    >>Für einen Ökonomen entspricht das Versagen der Eltern dem Versagen des Marktes. Und den Markt gilt es zu korrigieren.<<

    Was für ein krankes Volk. Eine Sekte, die an die fixe Idee glaubt, die Komplexität des Lebens ohne irgendwelche Verluste auf eine Dimension abbilden zu können: Die Dimension des Geldes. Der zwanghafte Wahn hinter allem einen Preis schreiben zu können und zu glauben, dass letztendlich alles käuflich ist.
    Leider ist diese Sekte zur Zeit schwer auf dem Vormarsch.

    Das mit der frühkindlichen Förderung ist garnicht so einfach. Zur Zeit wird dort oft sogar mehr Schaden angerichtet, als Nutzen gestiftet. Analog zu diesem "Nobelpreisträger" herrscht dort auch die naive Vorstellung vor, man die Entwicklungspfade aller Kinder wären identisch und man müsse dort nur an bestimmten Stellen einen Aspekt messen und dann "nachregeln". Kinder, die nicht dem Normpfad entsprechen haben dann ein großes Problem. Spielend lernen, selber ausprobieren, dass ist alles nicht mehr erwünscht. Die Kinder haben das optimierte Breichen immer zum richtigen Zeitpunkt runterzuschlucken. Die moderne Legebatterie für Kinder.

    14 Leserempfehlungen
  8. Mit den Sekundärtugenden "Neugierde, Konzentration, Gewissenhaftigkeit, Ausdauer, Verantwortungsbewusstsein, Schneid und Zielgerichtetheit" hätte man auch im Faschismus oder anderen totalitären System gut funktionieren können.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service