DIE ZEIT: Professor Heckman, ausgerechnet Sie, ein Wirtschaftsnobelpreisträger, gelten als Avantgardist der frühkindlichen Förderung. Vor acht Jahren schrieben Sie im Wall Street Journal einen wegweisenden Beitrag mit dem Titel Catch ’em Young ("Fangt sie früh ein"). Weshalb interessiert sich ein Spitzenökonom für das Wohl und Wehe kleiner Kinder?

James Heckman: Vor zwanzig Jahren habe ich viel Zeit damit verbracht, mir Arbeitsmarkt- und Trainingsprogramme in Amerika und Europa genauer anzusehen. Sie sollten die Armut verringern und richteten sich an ältere Teenager und frühe Twens. Leider sind solche Interventionen ziemlich erfolglos. Wir fanden heraus, dass die Jugendlichen magere, wenn nicht sogar negative Effekte durch dieses Training erfuhren. Das war ziemlich deprimierend.

ZEIT: Hat die Enttäuschung über die erfolglose Intervention bei den großen Kindern Sie zu den kleinen Kindern geführt?

Heckman: Ja, das Interesse für die frühe Kindheit kam zustande, weil ich damals oft Besuch von Charles Murray bekam. Er war Mitautor des aufsehenerregenden Buchs Bell Curve, das viele Probleme auf die mangelnde Intelligenz der sozial Schwachen zurückführte. Leicht deprimiert dachte ich, es gebe vielleicht eine Gruppe von Menschen mit niedrigem IQ, die im Leben, genetisch bedingt, nicht besonders gut funktionieren. Durch Zufall wurde ich in dieser Phase auf die Forschung zur frühkindlichen Entwicklung aufmerksam. Ich hörte einen Vortrag des Kinderneurologen Harry Chugani. Der Mann sprach von den Folgen der Frühentwicklung für das Gehirn, über Kinder in Armut und frühkindliche Bildung. Ich war begeistert. Mir eröffnete sich die Möglichkeit, den genetischen Determinismus, von dem Murray immer sprach, zu widerlegen.

ZEIT: Und wie entdeckten Sie das Perry-Preschool-Projekt, mit dem Anfang der sechziger Jahre afroamerikanische Vorschulkinder aus Risikofamilien gefördert wurden?

Heckman: Einer meiner Studenten hatte mir zufällig davon berichtet. In Chicago hat das Interesse an Sozialpolitik Tradition. Ich habe zum Beispiel viel mit Ted Schulz, auch Nobelpreisträger, darüber gesprochen, wie akademische Fertigkeiten und ein hohes Familieneinkommen zustande kommen. Wir sammelten Berge von Daten, und es zeigte sich, dass die Bildung der Mutter eine entscheidende Rolle spielte. Ich war fasziniert von der Einsicht, dass die Spreizung in den Fähigkeiten, die sich bei den Achtzehnjährigen zeigte, schon bei den Fünfjährigen zu sehen war.

ZEIT: Also doch wieder genetische Determination? Smarte, gut ausgebildete Mütter haben smarte Kinder, und alle verdienen viel Geld.

Heckman: Könnte man denken. Ich jedenfalls war fasziniert von der Tatsache, dass die Eingangsbedingungen, die Menschen dazu bringen, im College zu bestehen oder unterzugehen, im Alter von fünf Jahren mehr oder minder festgelegt waren. Die Frage nun war, ob man diese Bedingungen durch irgendeine Bildungsintervention beeinflussen kann.

ZEIT: Und solche erfolgreichen Interventionen haben Sie in den Vorschulstudien gefunden?

Heckman: Ja, wir analysierten die Daten neu.

ZEIT: Sie haben in die Frühbildungsdebatte das Verdikt des "Unfalls der Geburt" geworfen. Sind Sie dafür geprügelt worden?

Heckman: Nein, die Leute haben das als ein ökonomisches Argument verstanden. In der Ökonomie gibt es für alles einen Markt. Stellen Sie sich vor, in einer idealen Welt könnte sich ein Embryo eine Versicherung gegen die falschen Eltern kaufen. Vor zehn Jahren hat ein Wissenschaftler die Idee in die Debatte geworfen, dass man Armut loswerden würde, wenn man sich gegen schlechte Eltern versichern könnte. Wir haben so einen Markt aber nicht.

ZEIT: Also ist die Familie schuld?

Heckman: Für einen Ökonomen entspricht das Versagen der Eltern dem Versagen des Marktes. Und den Markt gilt es zu korrigieren. Jeder von uns wird in Umstände hineingeboren, über die er keine Kontrolle hat. Unsere Eltern, unsere Gene, unsere Bildung, unsere Gesundheit sind durch unsere Familien vorgegeben. Dabei gibt es große Unterschiede in der Ausstattung. Die können wir nicht ganz verändern, aber manches schon. Insbesondere sollten wir auf die Ungleichheit der Ressourcen schauen, die die Familien haben, um ihre Kinder ordentlich zu fördern.

ZEIT: Nun werden Milliarden von der Vorschule bis zum 12. Schuljahr ausgegeben. Warum reicht das nicht, um die Ungleichheit loszuwerden?

Heckman: Wir haben einige Langzeitstudien zu Frühentwicklung und frühen Investitionen in Bildung ausgewertet und dabei verstanden, dass Ungleichheit in Erfahrung und Bildung in früher Kindheit zu Ungleichheit in Fähigkeiten, Leistungen, Gesundheit und allgemeinem Erfolg im Erwachsenenleben führen. Die Daten zeigen, dass die negativen Auswirkungen von Familie und Umfeld durch Investitionen in gute frühe Bildung ausgehebelt werden können.

ZEIT: Sie fordern die frühe Intervention vor allem für die Kinder, die der "Unfall der Geburt" am härtesten trifft. Ist der Ärger mit den übrigen 80 Prozent nicht programmiert?

Heckman: Die Mittel- und Oberschicht investiert heftig in ihre Kinder. Intakte Familien investieren weit mehr in ihre Kinder als Familien Alleinerziehender beispielsweise. Die Schere kognitiver Stimulation hat sich zwischen den sozialen Gruppen in den letzten Jahren weiter und weiter geöffnet. Kinder, die in beschränkten Bedingungen aufwachsen, erfahren weniger Stimulation, weniger Gesundheitsvorsorge, weniger Zuwendung. Auch ist die elterliche Bindung ein mächtiger Indikator für Fertigkeiten, welche die Kinder später als Erwachsene haben, die Gesundheit eingeschlossen.