Gerhard von ScharnhorstSoldat, aber Selbstdenker

Gerhard von Scharnhorst – preußischer Heros, stiller Revolutionär, Patron der Bundeswehr. Ein Porträt zum 200. Todestag von Gerd Fesser

Gerhard von Scharnhorst

Gerhard von Scharnhorst auf einem Ölgemälde, das um 1810 entstand  |  © Wikimedia/Public Domain

Er hat ihn nicht mehr erlebt, den letzten Triumph – die Befreiung Deutschlands von der Herrschaft Napoleons. Am 28. Juni 1813 starb er in Prag, einer der berühmtesten preußischen Militärs: Gerhard Johann David von Scharnhorst.

Zu dieser Stunde war das Schicksal seines großen Gegners noch nicht besiegelt. Die französische Armee, die Napoleon nach dem Debakel seines Russlandfeldzugs neu aus dem Boden gestampft hatte, kämpfte an allen Fronten. Anfang Mai war sie südlich von Leipzig bei Großgörschen mit den verbündeten Preußen und Russen zusammengestoßen. Der Korse errang einen mageren Sieg, bezahlt mit hohen Verlusten.

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Doch für Scharnhorst sollte es die letzte Schlacht gewesen sein. Eine Kugel traf ihn am linken Bein. Die Verletzung schien zunächst nicht gefährlich, und so brach der Generalleutnant gleich wieder auf; er wollte die Regierenden Österreichs für den Anschluss an das russisch-preußische Bündnis gewinnen. In Prag kam es zur Begegnung mit Feldmarschall Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg und dessen Stabschef – da hatte sich die Wunde schon entzündet. Das Fieber stieg, Scharnhorst war verloren.

Ein kläglicher Tod, der nicht so recht zu dem Heros passen will, zu dem Preußens Geschichtsschreiber den General stilisierten. Aber an Scharnhorst passt eben vieles nicht so recht zusammen. Schon dass er, den man zum Inbegriff des Preußen machte, gar kein gebürtiger Preuße war: In dem Dorf Bordenau nahe Hannover kam er zur Welt. Auch war er kein Adelsspross, sondern ein Bauernsohn. Und noch der General verblüffte durch sein ziviles Auftreten. Dazu wirkte er oft unbeholfen, sprach langsam und bedächtig. Die erste aller "preußischen Tugenden", die zackige militärische Haltung, war ihm völlig fremd. Wer ihn nur flüchtig kennenlernte, dem erschien er blass, unwichtig, als eine Randfigur.

Und doch war Scharnhorst der bedeutendste unter den Führern des antinapoleonischen Befreiungskampfes – übrigens auch der sympathischste. Nicht nur Carl von Clausewitz hat sich sein Leben lang dankbar dazu bekannt, sein Schüler zu sein.

Gerd Fesser

Der Autor ist Historiker und lebt in Apolda bei Jena. Im Bremer Donat Verlag erschien 2011 sein Buch Preußische Mythen (192 S., 16,80 €).

Am 12. November 1755 ist er zur Welt gekommen, Sohn des Ernst Wilhelm Scharnhorst, der als Quartiermeister in einem hannoverschen Dragonerregiment diente und sich später als freier Bauer niederließ. Seine Mutter Friederike Wilhelmine, Tochter eines reichen Bauern, hatte gegen den Widerstand ihres Vaters geheiratet. Nach dessen Tod musste Ernst Wilhelm Scharnhorst zehn Jahre lang um das Erbe prozessieren. Schließlich bekam er das ritterschaftliche Gut in Bordenau zugesprochen. So entrann die Familie der baren Armut, und Vater Scharnhorst konnte seinen Sohn 1773 auf die Militärschule des Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe schicken.

Der Graf, ein berühmter Heerführer und Militärtheoretiker, hing der Aufklärung an. Er hatte auf einer künstlichen Insel im Steinhuder Meer die Festung Wilhelmstein errichten lassen. Dort befand sich seine Schule für Artilleristen und Ingenieure. Die Ausbildung galt als vorzüglich.

Er weiß, dass mit der Französischen Revolution eine neue Zeit begonnen hat

Die Leistungen des "Bauernlümmels" Scharnhorst waren zunächst nur mäßig. Doch er zeigte großen Fleiß und verließ den Wilhelmstein schließlich als einer der Besten. In den fünf Jahren seines Studiums lernte auch er die Ideen der Aufklärung kennen, las die Schriften Lessings und Herders.

Der junge Scharnhorst blieb Hannover treu. 1778 trat er als Fähnrich in ein Dragonerregiment der hannoverschen Armee ein und wirkte fortan in Northeim als Lehrer an der Kriegsschule seines Regiments. Drei Jahre später versetzte man ihn nach Hannover, an die dortige Artillerieschule. 1784 zum Leutnant befördert, arbeitete Scharnhorst bis zu seinem 37. Lebensjahr weiter als Lehrer. Er unterrichtete Artilleriewissenschaft, Mathematik, Arithmetik, Geometrie, Fortifikation, Taktik und Zeichnen.

Auf diese Weise entging der Offizier dem fatalen militärischen Alltag aus ödem Kasernenleben und ständiger Gängelei durch die Vorgesetzten. Mit den Jahren wandelte er sich zum Gelehrten. Seit 1782 gab er die Zeitschrift Militär-Bibliothek heraus, die er in den folgenden Jahren als Bibliothek für Offiziere und Neues militärisches Journal weiterführte. Scharnhorst verfasste nun selbst manch gewichtiges Werk. Zwischen 1789 und 1790 legte er das dreibändige Handbuch für Offiziere vor und 1793 das Militärische Taschenbuch zum Gebrauch im Felde.

Nach dem Tod seines Vaters 1782 erbte er das Gut in Bordenau und konnte seine geliebte Klara heiraten, die Schwester just jenes Staatsrechtlers Theodor Schmalz, der später zu einem berüchtigten Verfolger der liberalen "Demagogen" werden sollte.

So theoretisch wie bisher blieb Scharnhorsts Verhältnis zum Krieg allerdings nicht. Von 1793 bis 1795 nahm er, mittlerweile zum Kapitän (Hauptmann) befördert, am Interventionskrieg gegen die Französische Republik teil. Dabei begann er zu begreifen, dass in Frankreich eine neue Zeit angebrochen war, in der Standesschranken nichts mehr galten – während in den deutschen Heeren nach wie vor selbst der unfähigste Mann Karriere machte, vorausgesetzt, er war von blauem Blut. "Wir werden", schrieb Scharnhorst im Juni 1793 erbittert an seine Frau, "von Aristokraten zurückgesetzt und streiten für die Aristokraten – das ist nun einfach so."

Leserkommentare
  1. << Er hatte auf einer künstlichen Insel im Steinhuder Meer die Festung Wilhelmstein errichten lassen. Dort befand sich seine Schule für Artilleristen und Ingenieure. Die Ausbildung galt als vorzüglich. <<

    Wilhelmstein war eine Schule für Artillerie- und Pionierwesen.
    Vermutlich ein Übersetzungsfehler; da der engl. Begriff für Pionier Engineer ist.

    3 Leserempfehlungen
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    • Acrux
    • 28. Juni 2013 20:40 Uhr

    hiessen damals noch nicht so, genaugenommen hies die Anstalt sogar "Artillerie- und Genieschule". Das bringt heute aber erst recht keiner mehr mit den Pionieren ("Genietruppen") in Verbindung, weswegen der Autor wohl den aus derselben Zeit stammenden Begriff Ingenieure benutzt hat. Ist auch nur eine kleine Ungenauigkeit, in Preussen war diese Truppengattung zu selber Zeit im "Ingenieurkorps" organisiert.

    Redaktion

    Lieber Leser,

    vielen Dank für den Hinweis. Ich habe die Kollegen aus der Geschichtsredaktion der ZEIT informiert.

    Herzliche Grüße.

    • tb
    • 28. Juni 2013 18:53 Uhr

    Wir müssen uns wohl auch noch einmal mit Friedrich Wilhelm III und seinem Staat befassen.
    Obwohl eigentlich als tumb verschrien, hatte er zumindest bei der Personalauswahl ein glückliches Händchen.

    Da engagiert der militaristische, adelsstolze Untertanenstaat Preussen einen bürgerlichen Subalternoffizier aus einem Duodez-Ländchen.

    Das Job-Angebot ist zwar von Schreiberhand, aber der Friedrich Wilhelm darunter ist echt.

    Man stelle sich das vor, die Regentin würde würde heutzutage ähnlich um einen Professor aus Heidelberg werben.

    Und nicht nur das.
    Der Stabskapitän stellt Forderungen.
    Nobilitierung, Beförderung, Pension.

    Wird alles gewährt. Und fest hält er auch noch an ihm.

    Er war vielleicht doch nicht so tumb, der Friedrich Wilhelm.

    Herr Fesser, dekonstruieren sie weitere preussische Mythen!

    4 Leserempfehlungen
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    "Da engagiert der militaristische, adelsstolze Untertanenstaat Preussen einen bürgerlichen Subalternoffizier aus einem Duodez-Ländchen."

    In der Zeit werden sie nie etwas wirklich positives über Preussen lesen....für die ist dieser Staat nur Untertanenstaat und Militarismus....das tiefere Verständnis für Preussen fehlt den Westdeutschen völlig....

    • Acrux
    • 28. Juni 2013 20:40 Uhr

    hiessen damals noch nicht so, genaugenommen hies die Anstalt sogar "Artillerie- und Genieschule". Das bringt heute aber erst recht keiner mehr mit den Pionieren ("Genietruppen") in Verbindung, weswegen der Autor wohl den aus derselben Zeit stammenden Begriff Ingenieure benutzt hat. Ist auch nur eine kleine Ungenauigkeit, in Preussen war diese Truppengattung zu selber Zeit im "Ingenieurkorps" organisiert.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Übersetzungsfehler"
  2. 4. ......

    "Da engagiert der militaristische, adelsstolze Untertanenstaat Preussen einen bürgerlichen Subalternoffizier aus einem Duodez-Ländchen."

    In der Zeit werden sie nie etwas wirklich positives über Preussen lesen....für die ist dieser Staat nur Untertanenstaat und Militarismus....das tiefere Verständnis für Preussen fehlt den Westdeutschen völlig....

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Preussische Miniaturen"
  3. Redaktion

    Lieber Leser,

    vielen Dank für den Hinweis. Ich habe die Kollegen aus der Geschichtsredaktion der ZEIT informiert.

    Herzliche Grüße.

    Antwort auf "Übersetzungsfehler"

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