Er hat ihn nicht mehr erlebt, den letzten Triumph – die Befreiung Deutschlands von der Herrschaft Napoleons. Am 28. Juni 1813 starb er in Prag, einer der berühmtesten preußischen Militärs: Gerhard Johann David von Scharnhorst.

Zu dieser Stunde war das Schicksal seines großen Gegners noch nicht besiegelt. Die französische Armee, die Napoleon nach dem Debakel seines Russlandfeldzugs neu aus dem Boden gestampft hatte, kämpfte an allen Fronten. Anfang Mai war sie südlich von Leipzig bei Großgörschen mit den verbündeten Preußen und Russen zusammengestoßen. Der Korse errang einen mageren Sieg, bezahlt mit hohen Verlusten.

Doch für Scharnhorst sollte es die letzte Schlacht gewesen sein. Eine Kugel traf ihn am linken Bein. Die Verletzung schien zunächst nicht gefährlich, und so brach der Generalleutnant gleich wieder auf; er wollte die Regierenden Österreichs für den Anschluss an das russisch-preußische Bündnis gewinnen. In Prag kam es zur Begegnung mit Feldmarschall Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg und dessen Stabschef – da hatte sich die Wunde schon entzündet. Das Fieber stieg, Scharnhorst war verloren.

Ein kläglicher Tod, der nicht so recht zu dem Heros passen will, zu dem Preußens Geschichtsschreiber den General stilisierten. Aber an Scharnhorst passt eben vieles nicht so recht zusammen. Schon dass er, den man zum Inbegriff des Preußen machte, gar kein gebürtiger Preuße war: In dem Dorf Bordenau nahe Hannover kam er zur Welt. Auch war er kein Adelsspross, sondern ein Bauernsohn. Und noch der General verblüffte durch sein ziviles Auftreten. Dazu wirkte er oft unbeholfen, sprach langsam und bedächtig. Die erste aller "preußischen Tugenden", die zackige militärische Haltung, war ihm völlig fremd. Wer ihn nur flüchtig kennenlernte, dem erschien er blass, unwichtig, als eine Randfigur.

Und doch war Scharnhorst der bedeutendste unter den Führern des antinapoleonischen Befreiungskampfes – übrigens auch der sympathischste. Nicht nur Carl von Clausewitz hat sich sein Leben lang dankbar dazu bekannt, sein Schüler zu sein.

Am 12. November 1755 ist er zur Welt gekommen, Sohn des Ernst Wilhelm Scharnhorst, der als Quartiermeister in einem hannoverschen Dragonerregiment diente und sich später als freier Bauer niederließ. Seine Mutter Friederike Wilhelmine, Tochter eines reichen Bauern, hatte gegen den Widerstand ihres Vaters geheiratet. Nach dessen Tod musste Ernst Wilhelm Scharnhorst zehn Jahre lang um das Erbe prozessieren. Schließlich bekam er das ritterschaftliche Gut in Bordenau zugesprochen. So entrann die Familie der baren Armut, und Vater Scharnhorst konnte seinen Sohn 1773 auf die Militärschule des Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe schicken.

Der Graf, ein berühmter Heerführer und Militärtheoretiker, hing der Aufklärung an. Er hatte auf einer künstlichen Insel im Steinhuder Meer die Festung Wilhelmstein errichten lassen. Dort befand sich seine Schule für Artilleristen und Ingenieure. Die Ausbildung galt als vorzüglich.

Er weiß, dass mit der Französischen Revolution eine neue Zeit begonnen hat

Die Leistungen des "Bauernlümmels" Scharnhorst waren zunächst nur mäßig. Doch er zeigte großen Fleiß und verließ den Wilhelmstein schließlich als einer der Besten. In den fünf Jahren seines Studiums lernte auch er die Ideen der Aufklärung kennen, las die Schriften Lessings und Herders.

Der junge Scharnhorst blieb Hannover treu. 1778 trat er als Fähnrich in ein Dragonerregiment der hannoverschen Armee ein und wirkte fortan in Northeim als Lehrer an der Kriegsschule seines Regiments. Drei Jahre später versetzte man ihn nach Hannover, an die dortige Artillerieschule. 1784 zum Leutnant befördert, arbeitete Scharnhorst bis zu seinem 37. Lebensjahr weiter als Lehrer. Er unterrichtete Artilleriewissenschaft, Mathematik, Arithmetik, Geometrie, Fortifikation, Taktik und Zeichnen.

Auf diese Weise entging der Offizier dem fatalen militärischen Alltag aus ödem Kasernenleben und ständiger Gängelei durch die Vorgesetzten. Mit den Jahren wandelte er sich zum Gelehrten. Seit 1782 gab er die Zeitschrift Militär-Bibliothek heraus, die er in den folgenden Jahren als Bibliothek für Offiziere und Neues militärisches Journal weiterführte. Scharnhorst verfasste nun selbst manch gewichtiges Werk. Zwischen 1789 und 1790 legte er das dreibändige Handbuch für Offiziere vor und 1793 das Militärische Taschenbuch zum Gebrauch im Felde.

Nach dem Tod seines Vaters 1782 erbte er das Gut in Bordenau und konnte seine geliebte Klara heiraten, die Schwester just jenes Staatsrechtlers Theodor Schmalz, der später zu einem berüchtigten Verfolger der liberalen "Demagogen" werden sollte.

So theoretisch wie bisher blieb Scharnhorsts Verhältnis zum Krieg allerdings nicht. Von 1793 bis 1795 nahm er, mittlerweile zum Kapitän (Hauptmann) befördert, am Interventionskrieg gegen die Französische Republik teil. Dabei begann er zu begreifen, dass in Frankreich eine neue Zeit angebrochen war, in der Standesschranken nichts mehr galten – während in den deutschen Heeren nach wie vor selbst der unfähigste Mann Karriere machte, vorausgesetzt, er war von blauem Blut. "Wir werden", schrieb Scharnhorst im Juni 1793 erbittert an seine Frau, "von Aristokraten zurückgesetzt und streiten für die Aristokraten – das ist nun einfach so."