Hans-Dieter Hermann, Psychologe der deutschen Fußball-Nationalelf © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Hans-Dieter Hermann ist zurückhaltend, aber er fällt trotzdem auf: durch seine außergewöhnlich feinen Manieren. Im Dienst trägt auch er schwarze Trainingshose, weißes T-Shirt mit Adler auf der Brust und Turnschuhe, die einheitliche Uniform des DFB. Seit acht Jahren betreut der Psychologe die deutsche Fußballnationalmannschaft. Aber was genau macht er eigentlich? Am wohlsten fühle er sich, wenn ihn niemand danach fragte. Zu viel Öffentlichkeit könnte seiner Arbeit schaden, denn die basiere auf Vertrauen.

DIE ZEIT: Herr Hermann, die neue Spielergeneration wirkt so pflegeleicht und angepasst, rund um die Uhr betreut in den Vereinen, von Beratern und anderen Einflüsterern. Wozu braucht es da noch einen Psychologen in der Nationalmannschaft?

Hans-Dieter Hermann: Ihr Eindruck von funktionierenden Jungs, die ständig eine ratgebende Entourage um sich haben, täuscht. Fußballspieler auf diesem Leistungsniveau sind von der Öffentlichkeit intensiv beobachtete Hochleistungssportler, die schnell in Ungnade fallen, wenn sie eine erwartete oder geforderte Leistung nicht bringen. Zudem werden sie auch für ihr Verhalten außerhalb des Feldes beurteilt. Als Sportpsychologe unterstütze ich, dass sie vom Kopf her leistungsfähig bleiben, und bin bei Bedarf auch Ansprechpartner bei persönlichen Themen, die weniger mit dem Sport zu tun haben.

ZEIT: Brauchen Profispieler heute mehr psychologische Unterstützung als früher?

Hermann: Die Erwartungen an die Jungs sind riesig, und sie sind in den letzten Jahren nochmals deutlich gestiegen. Entsprechend gibt es auch eine größere Nachfrage nach psychologischer Unterstützung. Mit dem Hype, der während der WM 2006 in Deutschland ausgelöst wurde und immer größer wird, hat der Druck auf die Spieler zugenommen – auch außerhalb des Stadions. Das hat maßgeblich mit der beschleunigten Verbreitung von Informationen über die Sozialen Netzwerke und das Internet zu tun. Privates wird heute viel schneller öffentlich. Für die meisten Spieler ist Twittern oder das Kommunizieren via Facebook völlig normal. Sie benötigen dadurch die traditionellen Medien nicht mehr zum Austausch mit ihren Fans. Aber es birgt auch Gefahren.

ZEIT: Welche?

Hermann: In Phasen der Veränderung, bei Vereins- oder Trainerwechseln und in Krisensituationen, können sich Außenstehende unmittelbar einmischen. Sie können ihren Frust oder ihre Enttäuschung persönlich an Spieler oder Trainer adressieren. Cyber-Mobbing ist eine extreme Belastung für alle Menschen, die davon betroffen sind. Wer aber im Fokus der Öffentlichkeit steht, kann besonders schnell zur Zielscheibe werden – gerade im emotional überladenen Fußballgeschäft. Sensible Spieler leiden darunter, das hat unterschiedliche psychologische Konsequenzen.

ZEIT: Woran leiden die Spieler genau?

Hermann: An der Unmittelbarkeit negativer Reaktionen, die man im Zeitalter vor den Sozialen Netzwerken, Foren, Blogs und Online-Leserkommentaren leichter auf Distanz halten konnte. Sich schnell verbreitende Unterstellungen, oft persönlich beleidigende Äußerungen gehen an den meisten Spielern nicht spurlos vorbei. Und an ihren Familien schon gar nicht – das ist für viele ganz besonders bedeutsam.

ZEIT: Demnach wäre es naiv, zu glauben, dass die Nationalspieler heute auf Wolke sieben schweben – ganz anders als bei Ihrem Dienstantritt vor neun Jahren?

Hermann: Nach meinem Eindruck sind unsere Fußballnationalspieler mit ihrem Leben sehr zufrieden, wissen um das Glück, das sie haben, und sind dankbar dafür. Aber auch ein exponiertes Profifußballer-Leben hat seinen Preis – vor allem in Krisenzeiten. Und dieser Preis ist höher geworden.

ZEIT: Wenn Sie den neuen Trainer des FC Bayern München, Pep Guardiola, auf den deutschen Fußballertypus vorbereiten müssten, welche Wesenszüge würden Sie da vor allem nennen?

Hermann: Es gibt keine typisch deutschen Fußballer-Wesenszüge mehr. Das Besondere an der Situation ist, dass die Mannschaft mit Jupp Heynckes sehr erfolgreich war und sich nun, nach dem Gewinn des Tripels, auf einen neuen Coach umstellen muss. Außerdem wird Guardiola bei jeglicher Veränderung des Bestehenden, wenn nicht gleich souverän gewonnen wird, sofort am Vorgänger gemessen werden.

"Die jungen Menschen haben sich verändert – unsere Spieler auch"

ZEIT: Wie sollte sich Guardiola also verhalten?

Hermann: Ich würde ihm empfehlen, sehr viel zu kommunizieren. Er sollte mit jedem Spieler einzeln sprechen, zuhören, ihn buchstäblich kennenlernen und so gegenseitiges Vertrauen aufbauen, aber nach allem, was ich gehört habe, ist Guardiola sehr klug und ohnehin kommunikativ – er braucht solche Ratschläge nicht. Er wird das nötige Feingefühl dafür haben, nicht sofort alles umkrempeln zu wollen, sondern seine Vorstellungen Schritt für Schritt umzusetzen und die Spieler und den Verein auf seine Reise mitzunehmen.

ZEIT: Die Spieler des FC Bayern haben in der vergangenen Saison alles erreicht, was man als Vereinsfußballer erreichen kann. Wie groß ist die Gefahr, ausgerechnet in der Saison vor der WM in Brasilien in ein Motivationsloch zu fallen?

Hermann: Bei den Nationalspielern erwarte ich kein Motivationsloch. Im Gegenteil: Es gibt im nächsten Jahr bei der WM etwas zu erreichen, was keiner der aktuellen Nationalspieler bislang erreicht hat. Trotzdem gab es in der Vergangenheit immer wieder Sportler, die nach großen Erfolgen von einem Gefühl der Leere heimgesucht wurden und sich fragen: Was kommt als Nächstes? Kann ich das noch steigern? Diese Fragen muss ein Spieler möglichst schnell für sich klären. Kann er das allein oder mithilfe seines familiären Umfelds nicht bewältigen, sollte er psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen. Das Gefühl der Leere kann so dominant werden, dass die Jungs es nicht mehr schaffen, sich für den Liga- und Trainingsalltag adäquat zu motivieren. Die Gedanken bestimmen entscheidend das Handeln – positiv wie negativ.

ZEIT: In der vergangenen Saison galt die Aufmerksamkeit der Fußballfans dem Vereinsfußball. Je näher die WM rückt, desto wichtiger wird die Nationalelf. Worin liegt die größte Herausforderung für Sie in der psychologischen Betreuung?

Hermann: Zunächst darin, meinen Beitrag zu leisten, dass jeder Spieler im Nationaltrikot auch mental in der Lage ist, seine beste Leistung zu zeigen. Aber es gibt noch eine weitere große Herausforderung: Die Nationalmannschaft ist nicht die sportliche Heimat der Spieler. Die Jungs sind in ihren Vereinen zu Hause. Sie identifizieren sich in der Regel besonders mit ihrem Club, in dem sie sich die meiste Zeit des Jahres bewegen. Bei aller Ehre und Wertschätzung, die jeder erfährt, wenn er in die Nationalmannschaft berufen wird: Nicht jeder Spieler fühlt sich da per se sofort wohl. Manche erleben das als Stress, brauchen Zeit, um das nötige Selbstbewusstsein in Leistung umzusetzen. Also müssen wir ständig daran arbeiten, dass die Spieler auch hier ihren Platz finden, sich mit dieser Mannschaft ebenfalls komplett identifizieren und dadurch ihre beste Leistung abrufen können.

ZEIT: Wie genau funktioniert das?

Hermann: Durch die kommunikative Atmosphäre, die unsere Nationalmannschaft ausmacht und die durch Maßnahmen der Teamentwicklung gefördert wird – das gehört zu den Grundüberzeugungen unserer sportlichen Leitung. Wenn man als Gruppe zur Nationalmannschaft kommt, wie die U-21-Europameister von 2009 Mesut Özil, Mats Hummels, Sami Khedira und Manuel Neuer, dann ist der Einstieg leichter. Aber es ist auch eine Persönlichkeitsfrage. Denken Sie an Thomas Müller, der unmittelbar vor der letzten WM zu uns kam. Er ist für jede Mannschaft ein Geschenk des Himmels.

ZEIT: Warum?

Hermann: Er ist offen und wirkt integrierend, auch außerhalb des Feldes. Er steckt viele im Team mit seiner unverkrampften, fröhlichen, positiven Art an. Gleichzeitig ist er wissbegierig, aber auch sensibel.

ZEIT: Die Spielertypen von heute erscheinen anders als die vor zwanzig Jahren. Charaktere wie Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg wirken im Vergleich mit Thomas Müller oder Mario Götze wie aus der Zeit gefallen. Können Sie diesen Wandel erklären?

Hermann: Die Nationalmannschaft ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Die jungen Menschen haben sich verändert – unsere Spieler auch. Natürlich können sie kein Sabbatical nehmen. Sie können auch nicht entscheiden, morgen einfach mal zu Hause zu trainieren. Aber sie bestimmen selbst, was ihnen wichtig ist. Sie geben sich nicht einfach nur dem System Profifußball hin.

ZEIT: Finden Sie? Die Profis von heute wirken brav, niemand bricht aus. Es scheint nur noch strebsame, vernünftige Typen zu geben.

Hermann: Sie scheinen Ihr Bild von den angepassten Nationalspielern nicht aufgeben zu wollen. Es gibt keine Exzesse mehr, das stimmt. Die Spieler schleichen nicht mehr nachts aus dem Teamhotel oder betrinken sich heimlich. Dafür sind sie zu professionell, außerdem berichteten heute sofort die Medien. Aber jeder hat seinen eigenen Kopf. Auch das ist wichtig fürs Mannschaftsgefüge. Sollte der Eindruck entstehen, die Spieler von heute seien alle gleich oder gar brav, ist er definitiv falsch. Nicht nur weil sie beim Feiern richtig Gas geben können. Sie haben unterschiedliche Interessen und sind weit über den Fußball hinaus informiert, viele engagieren sich in Projekten. Und nur weil sich Fußballnationalspieler sicher vor Mikrofonen verhalten und die Konsequenzen ihrer Aussagen abschätzen können, sind sie noch lange nicht langweilig.

ZEIT: Wessen Diener sind Sie eigentlich, der des Trainers oder der der Spieler?

Hermann: Ich gehöre nicht zum Trainerstab und würde niemals Vertrauliches aus meinen Gesprächen mit den Spielern an Joachim Löw weitertragen – das wäre auch nicht in seinem Sinn. Wenn ich das täte, könnte ich sofort einpacken.

ZEIT: Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus? Beobachten Sie die Spieler und sprechen einzelne an?

Hermann: Um Gottes willen! Ich bin nicht der, der im Hintergrund auf der Lauer liegt und zuschlägt, wenn jemand die Gabel falsch hält. Sie können sich meinen Tagesablauf so vorstellen wie den eines Physiotherapeuten oder Mediziners. An normalen Tagen bewege ich mich zwischen Einzelbesprechungen, Meetings und Training. Der Kopf der Spieler muss die Spielleistung unterstützen und nicht behindern. Dazu vermittle ich individuell psychologische Trainingstechniken.

"Manche merken, dass ihre Rolle gar nicht zu ihnen passt"

ZEIT: Wie sehen die aus?

Hermann: Es gibt eine ganze Reihe wissenschaftlich fundierter psychologischer Trainingstechniken, die regelmäßig – neben dem Training auf dem Platz und im Kraftraum – zum Einsatz kommen. Die bekannteste ist das mentale Training, bei dem man in Gedanken Techniken, Taktiken und Spielzüge durchgeht und sie damit trainiert. Zwar nur geistig – aber wenn die Steuerzentrale, also der Kopf, einen typischen offensiven Spielzug fast schon unterbewusst beherrscht, muss der Spieler auf dem Feld nicht mehr darüber nachdenken, um ihn auszuführen. Das funktioniert nur durch Regelmäßigkeit.

ZEIT: Welche Konfliktsituationen jenseits das Platzes fordern die Spieler heute besonders heraus?

Hermann: Die Hochphase der Profizeit beginnt mittlerweile bei vielen Fußballspielern schon mit 19, 20 Jahren – viel früher als vor zehn Jahren. In diesem jungen Alter müssen die Spieler sehr viele Reize und Anforderungen, manchmal auch Rückschläge verarbeiten, nicht nur auf dem Platz. Manchen glückt das problemlos, andere brauchen Unterstützung, weil ihnen Ansprechpartner in ihrem Umfeld fehlen. Manche merken erst nach ein paar Jahren, dass die Position oder die Rolle, die ihnen Trainer oder Fans oder Medien zugeschrieben haben, gar nicht zu ihnen passt.

ZEIT: Die Nationalspieler werden seit ihrer Kindheit geschult, oft sind sie in Vereinsinternaten groß geworden – und merken erst so spät, dass ihre Rolle nicht deckungsgleich mit ihrem Wesen ist?

Hermann: Ja, das kommt manchmal vor. Das ist doch nicht nur ein Fußballer-Phänomen: Wir lassen uns antreiben – von Ehrgeiz und von dem Anspruch, unseren Eltern, Freunden oder Vorgesetzten gefallen zu wollen – und merken erst viel später, dass das, was wir verkörpern, uns nicht entspricht.

ZEIT: Und das erklären Sie den Betroffenen dann?

Hermann: Ich erkläre gar nichts. Das müssen sie selbst erkennen. Meist sind es Ereignisse wie Langzeit- und Wiederverletzungen oder auch Vereinswechsel, in deren Folge ihnen das Problem bewusst wird und sie psychologische Unterstützung suchen.

ZEIT: Gibt es Spieler, die nicht von Ihnen beraten werden wollen?

Hermann: Gesagt hat das noch keiner, aber ich denke, schon. Hier wird niemand gezwungen, sich mir anzuvertrauen. Die Einzelgespräche basieren auf Freiwilligkeit. Ich habe kein Problem damit, wenn die Jungs sich lieber anderen Kollegen anvertrauen. Auch die Vereine kooperieren mit guten Fachleuten.

ZEIT: Wie groß ist die Wirkung eines gewonnenen oder verlorenen Champions-League-Finales? Bei der Nationalelf werden Sie es ja mit den Siegern aus München und den Verlierern aus Dortmund zu tun haben.

Hermann: Da erwarte ich überhaupt keine Probleme. Die Dortmunder fühlen sich nicht als Verlierer, sie haben eine großartige internationale Saison gespielt. Vor einem Jahr war das schwieriger, als die Bayern kurz vor der Europameisterschaft den Sieg im Champions-League-Finale gegen Chelsea verpassten. Sie hatten keine Zeit, um ihre Enttäuschung zu verarbeiten. Zeit zu haben ist ohnehin die größte Herausforderung bei meiner Arbeit mit den Spielern. Die Spieler haben kaum Ruhe, um ihre Eindrücke zu verarbeiten. Ihr Alltag ist durchgetaktet. Und die eigenen wie die fremden Erwartungen sind hoch.

ZEIT: Wie sollte ein Profi seine Sommerferien, die in diesen Tagen nach drei Wochen wieder zu Ende gehen, am besten gestalten?

Hermann: Die meisten nutzen die Ferien zum Heiraten. Das ist wohl der einzige Zeitpunkt im Jahr, der passt.