Kapitän Albert wartet auf die Bundesregierung, doch sie hat ihn vergessen, seit Jahren schon. Manfred Albert, ein alter Mann mit ledriger Haut, grauem Vollbart und roter Latzhose, sitzt barfuß im Steuerhaus seines Binnenschiffs und stellt den Motor ab. Er macht das Radio an, NDR2, verschränkt seine Finger und dreht die Daumen umeinander. Er will in die Schleuse fahren, aber sie ist besetzt. Jede Stunde, die Albert wartet, kostet 62,50 Euro. Jeder Tag, den er wartet, kostet 1.500 Euro.

Schaut er aus dem Steuerhaus, blickt er auf die Scharnebeck-Schleuse: Eine gigantische Festung aus Beton, sie sieht aus wie eine Hochhaussiedlung, die im Wasser steht. Die Scharnebeck-Schleuse hebt die Boote auf dem Elbe-Seitenkanal 38 Meter nach oben. An der Schleusenwand hängt eine Uhr mit stillen Zeigern. Stehen geblieben in der Vergangenheit, wie die Schleuse selbst.

Es ist halb zwei am Mittag, als Albert den Motor wieder anstellt, einen Hörer in die Hand nimmt und sagt: "Schubverband 24-13 hier. 147 Meter lang und 9,50 breit." – "Na, dann teilt euch mal auf", antwortet die Stimme am anderen Ende. Die Schleuse ist 100 Meter lang, 47 zu kurz für Alberts Schiff. Man kann sich sein Schiff vorstellen wie zwei große Schubladen, die miteinander verbunden sind. Die Schubladen heißen Leichter, in jedem Leichter sind 24 Container verstaut. Hinter den beiden Leichtern ist ein Schiff mit Motor, es schiebt sie von hinten an. Damit dieser Schubverband in die Schleuse passt, muss Albert ihn in der Mitte teilen. Er fährt in die linke Kammer der Schleuse, bindet die Leichter auseinander, parkt dort die vordere Hälfte, fährt dann in die rechte Kammer. Fünfzig Minuten braucht er dafür. Die Schleusentore schließen sich.

Drei Minuten dauert es, bis die Kammern oben ankommen. Bis Albert sein Schiff wieder zusammengesetzt hat, ist es 15 Uhr. Für drei Minuten Schleusenfahrt hat er mehr als anderthalb Stunden gebraucht. Manchmal ist eine Kammer kaputt, oder die Schleuse fällt ganz aus. Dann wartet Albert mehrere Tage – und die Reederei, bei der er angestellt ist, verliert pro Tag 1.500 Euro: Kosten für die Besatzung, den Verschleiß, den Kraftstoff. Rechnet Albert die Stunden zusammen, die er an dieser Schleuse gewartet hat, kommt er auf mehrere Wochen.

1974 wurde die Scharnebeck-Schleuse gebaut, seit Jahren müsste sie vergrößert werden. Und grundsaniert. Albert wartet auf den Tag, an dem die Bundesregierung das endlich tun wird. "Aber sie behandelt uns Binnenschiffer stiefmütterlich", sagt er.

Um sechs Uhr früh sind Kapitän Albert und seine Mannschaft heute losgefahren im Hamburger Hafen. Steuermann Weisheit hat türkischen Kaffee gekocht und sich zu seinem Kapitän ins Steuerhaus gesetzt. Sie haben Container geladen, 48 Stück, gefüllt mit Stühlen und T-Shirts, mit indischen Pflastersteinen und Kaffee. Ein Container, Hamburg Süd steht darauf, ist leer. Die Container sind aus Übersee in Hamburg angekommen, nun werden sie in ganz Deutschland verteilt: Mit dem Binnenschiff werden sie nach Braunschweig gebracht, von dort mit dem Lkw zum Kunden.

Die Schleuse in Scharnebeck ist das erste Hindernis auf ihrem Weg durch Deutschland – ein Land, das langsam kaputtgeht. Das jetzt davon eingeholt wird, in der Vergangenheit zu wenig vorgesorgt zu haben. Wie ein Mensch, der nicht zum Arzt gegangen ist, weil er das Geld für Medikamente sparen wollte – und nun feststellt, dass er krank ist. Deutschlands Symptome: Schleusen verrotten, Straßen zerbröckeln, Brücken verfallen.

Das Land altert schleichend, auf den ersten Blick merkt man es nicht. Deutschlands Verkehrsnetz ist das größte und dichteste Europas, das Land lebt von seiner Lage im Herzen des Kontinents und davon, dass Waren schnell herankommen oder weggebracht werden. Infrastruktur ist ein anderes Wort für Unterbau, sie ist die Wohlstandsbasis dieses Landes. Aber der Unterbau zerbricht. In der kommenden Woche wird das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung eine neue Studie vorstellen. Darin steht, dass Deutschland im internationalen Vergleich zu viel spart und zu wenig investiert. Das betrifft die Energieversorgung, das Bildungssystem – und die Verkehrswege.