DIE ZEIT: Maestro Abbado, große Dirigenten werden häufig sehr alt...

Claudio Abbado: Das Adjektiv "groß" würde ich nur in Ausnahmefällen auf Dirigenten anwenden, auf Wilhelm Furtwängler vielleicht oder auf Arturo Toscanini. Beide bewundere ich sehr, aber groß sind vor allem die Komponisten.

ZEIT: Dann noch einmal: Dirigenten werden häufig sehr alt. Sie feiern jetzt Ihren 80. Geburtstag und arbeiten immer noch viel. Was ist die Musik für Sie?

Abbado: Musik hat für mich nichts mit Arbeit zu tun. Sie ist eine große, tiefe Leidenschaft. Ich habe das Glück, diese Leidenschaft mit fabelhaften Musikern teilen zu dürfen, auf der ganzen Welt. Das meine ich jetzt wirklich existenziell: Die Menschen sind wichtig, das gemeinsame Musikmachen, daraus schöpfe ich Kraft.

ZEIT: Wann haben Sie diese Kraft zum ersten Mal gespürt?

Abbado: Es gab ein Schlüsselerlebnis in meiner Kindheit. Ich saß als Siebenjähriger in der Mailänder Scala und hörte zum ersten Mal in meinem Leben die Nocturnes von Debussy. Antonio Guarneri dirigierte. In der zweiten Nocturne, Fêtes, gibt es diese Stelle, an der aus der Ferne plötzlich die drei Trompeten erklingen. Dieser Moment hat mich sofort verzaubert. Von da an wusste ich: Das möchte ich einmal machen!

ZEIT: Sie wollten der Mann im Frack sein mit dem Stöckchen in der Hand, zu dem alle aufschauten?

Abbado: Nein! Ich schwöre Ihnen, ich dachte überhaupt nicht daran, Dirigent zu werden! Mein brennender Wunsch war vielmehr, diese Magie herzustellen, wie auch immer. Ich habe ja Klavier gespielt, dann Komposition studiert und Dirigieren natürlich. Aber immer war das die Idee, die mich beflügelt hat. Und viel später im Leben hat sich die gleiche Situation mit meinem Sohn Daniele wiederholt...

ZEIT: ...der heute Theater- und Opernregisseur ist...

Abbado: Ich saß mit ihm im Konzert und hörte diesen geheimnisvollen Marsch in den Fêtes – und er war genauso ergriffen davon wie ich damals. Debussys Musik ist wie ein Versprechen, eine enorme Verheißung.

ZEIT: Hat Debussy gehalten, was er Ihnen versprach?

Abbado: Ja, denn im Grunde suche ich bis heute nach dieser Magie. Manchmal finde ich sie, dann bin ich glücklich, manchmal nicht. Aber ich werde nie aufhören, mich danach zu sehnen.

ZEIT: Sie sind in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen: Ihr Vater unterrichtete am Mailänder Konservatorium Geige, von Ihrer Mutter bekamen Sie den ersten Klavierunterricht, es wurde viel Kammermusik gemacht. Hatten Sie jemals eine Chance, nicht Musiker zu werden?

Abbado: Ja, natürlich! Und zwar weil die Musik für mich von Anfang an nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine ethische, eine menschliche, eine gesellschaftliche Bedeutung hatte. Meine Mutter Maria Carmela war nicht nur Pianistin, sondern auch Schriftstellerin. Und die allerwichtigste Figur in meiner Kindheit war überhaupt mein Großvater. Er lehrte an der Universität von Palermo Altertumswissenschaft und lernte fast jedes Jahr eine neue Sprache, so kam es mir jedenfalls vor. Er war ein fantastischer Mensch. Zum Beispiel hat er das Evangelium aus dem Aramäischen übersetzt und dabei auch die Stelle nicht verschwiegen, an der von Christi Brüdern die Rede ist. Daraufhin hat ihn die Kirche exkommuniziert. Ich glaube, darauf war er fast ein bisschen stolz. Ich erinnere mich an lange Bergspaziergänge mit ihm, bei denen ich unglaublich viel lernte – fürs Leben, wie es so schön heißt.

ZEIT: Wie lernt man etwas fürs Leben?

Abbado: Durch die Haltung, die einem gezeigt wird, auch wenn man als Kind vieles gar nicht versteht. Mir sind die Schönheit und die Tiefe der Gedanken, die mein Großvater hatte, erst viel später aufgegangen. Zum Beispiel sagte er oft: "Großzügigkeit macht reich."

ZEIT: Aber gilt das auch für die Kunst? Kann ein Dirigent großzügig sein und gleichzeitig genau wissen, was er künstlerisch will?

Abbado: Was ist Wille? Die Magie eines lebendigen musikalischen Augenblicks lässt sich nicht durch dirigentische Kommandos erzwingen. Sie ereignet sich, oder sie ereignet sich eben nicht. Das ist etwas ganz Zartes, Fragiles. Dafür muss der Dirigent mit dem Orchester zunächst einmal eine Atmosphäre der Offenheit schaffen, ein wechselseitiges Vertrauen. Darin besteht seine Führungsarbeit. Und man muss lernen, einander zuzuhören. Das Zuhören ist so wichtig. Im Leben wie in der Musik. Eine Fähigkeit, die immer mehr verschwindet.

ZEIT: Kann die Musik uns zeigen, wie wir einander besser zuhören?

Abbado: Die Musik zeigt uns, dass Hören grundsätzlich wichtiger ist als Sagen. Das gilt für das Publikum genauso wie für die ausführenden Musiker. Man muss sehr genau in die Musik hineinlauschen, um zu verstehen, wie sie zu spielen ist. Das klingt jetzt nach einem Klischee, aber ich versuche immer, eine Partitur so zu studieren wie beim ersten Mal, egal, wie oft ich das Werk schon dirigiert habe. Alles andere wäre zu einfach – und darüber hinaus ja auch langweilig. Außerdem gehe ich die Partituren auf meinen Wanderungen in der Natur immer wieder durch.