DIE ZEIT: Herr Professor Chomsky, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie zum ersten Mal vom amerikanischen Überwachungsskandal erfuhren? Waren Sie überrascht?

Noam Chomsky: Nein, überrascht war ich nicht, warum auch. Die Möglichkeit, mithilfe des Internets Bürger zu überwachen, steckt doch in der Technologie, es ist ein inhärenter Teil von ihr. Damit gehen, wie wir nun sehen, einige ziemlich unangenehme Dinge einher. Sie müssen nur die Zeitschriften aus meinem Institut lesen. Es ist für Experten ein Kinderspiel, eine Technik zu entwickeln, die alles, was Sie am Computer machen, vollständig speichert und an einen Controller schickt. Der Witz ist: Sie bekommen nichts davon mit. Oder denken Sie an die neue Google-Brille. Sie können damit alles, was Sie sehen, auch filmen, und niemand bemerkt es. Als man den Google-Manager Eric Schmidt einmal gefragt hat, ob solche Technologien nicht die Privatsphäre verletzen – wissen Sie, was er darauf geantwortet hat?

ZEIT: Sinngemäß: "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun."

Chomsky: Genau, das hat er gesagt. Und so denkt natürlich auch die amerikanische Regierung. Es ist dieselbe Logik, dieselbe Sichtweise. Aber nicht nur die Obama-Regierung, alle Machtsysteme denken so.

ZEIT: Das klingt fast, als sei Überwachung auch in Demokratien völlig normal.

Chomsky: Gerade wurde bekannt, dass Mitarbeiter des militärischen Nachrichtendienstes NSA die Befugnis haben, auch auf E-Mails zuzugreifen. Ich sage seit Jahren: Wenn Sie möchten, dass etwas privat bleibt und nicht in die Hände staatlicher Autoritäten gerät, dann dürfen Sie es nicht ins Internet stellen.

ZEIT: Haben wir uns Illusionen über die Freiheit im Internet gemacht?

Chomsky: Ich bin froh, dass es das Internet gibt, es ist eine fantastische Technologie, und ich benutze sie ständig. Andererseits dringen uns die vielen negativen Aspekte des Internets nun immer stärker ins Bewusstsein. Wenn Sie das Internet benutzen, dann exponieren Sie sich – Sie geben sich zur Überwachung und Kontrolle frei.

ZEIT: In den sechziger Jahren gab es in Amerika schon einmal die Angst, der Staat spioniere die Bürger aus. Damals nannte man das den militärisch-politischen Komplex.

Chomsky: Daran fühle ich mich ebenfalls erinnert. Als ich damals amerikanische Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg unterstützte, haben wir einen Teufel getan, am Telefon offen zu sprechen. Wir wussten nämlich, dass wir abgehört werden. Wir haben nur frei gesprochen, wenn wir in kleinem Kreis zusammen waren und uns untereinander kannten. Das ist aber ganz normal für ein staatliches System, das gesellschaftliche Widerstände kontrollieren will. Was das angeht, ist die amerikanische Gesellschaft ohnehin eine ziemlich verrückte Gesellschaft.

ZEIT: Die NSA ist eine rein militärische Einrichtung. Verschwindet in Amerika der Unterschied zwischen dem Militärischen und dem Zivilen? Verschmelzen die Sphären von Politik, Gesellschaft und Militär?

Chomsky: Nein, diese Frage führt auf die falsche Spur. Für die Abhörmaßnahmen können Sie das amerikanische Militär nicht verantwortlich machen. Der Wunsch nach Überwachung kommt aus der Politik und aus der Gesellschaft. Das ist wie im Krieg: Das Militär hat in der Regel keine Lust, in den Krieg zu ziehen, es ist nie mit Begeisterung dabei.

"Sicherheit nennt man den Zustand, wenn die Regierung vor der eigenen Bevölkerung sicher ist."
Noam Chomsky

ZEIT: Wenn man Ihnen zuhört, dann klingt es so, als seien die Geheimdienste nicht dazu da, den Staat vor äußeren Feinden zu schützen, sondern vor den eigenen Bürgern.

Chomsky: Ich habe in meinem Leben viel Zeit damit verbracht, Geheimdienstakten zu lesen, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Wissen Sie, was bemerkenswert daran ist? Dass Geheimakten nur zu einem geringen Teil die staatliche Sicherheit betreffen. Worum es wirklich geht, das ist die Bevölkerung. Sicherheit nennt man den Zustand, wenn die Regierung vor der eigenen Bevölkerung sicher ist. Zum Beispiel bei den Pentagon-Papieren. Mit der Sicherheit der Vereinigten Staaten hatte das herzlich wenig zu tun. Die Papiere drehten sich in erstaunlich hohem Maße um Kontrollwissen – darum, was in der amerikanischen Bevölkerung vor sich ging.