ZEIT: Warum sind Leute wie Julian Assange, Bradley Manning oder eben Edward Snowden so gefährlich für den Staat?

Chomsky: Ein berühmter Politikwissenschaftler, den man auch bei Ihnen gut kennt, hat das schon vor zwanzig Jahren auf den Punkt gebracht: Die Macht muss im Dunkeln bleiben. Wenn man sie ins Licht zerrt, dann löst sie sich auf – sie verdampft ganz einfach. Wer an der Macht bleiben will, der muss dafür sorgen, dass der Bürger nicht erfährt, was sie mit ihm macht. Der Mann hieß Samuel Huntington.

ZEIT: Ist WikiLeaks eine demokratische Macht?

Chomsky:WikiLeaks hat viele Dinge enthüllt, die zu erfahren im Interesse der Öffentlichkeit war. Klar, das meiste war recht oberflächlich. Mich haben besonders die Warnungen des US-Botschafters in Pakistan elektrisiert. Er hat klipp und klar gesagt, dass die Antiterrorpolitik der US-Regierung die dortige Bevölkerung radikalisiert und islamisiert. Nur hat das damals niemanden interessiert.

ZEIT: Die NSA hat angeblich allein in einem Monat fast 100 Milliarden Datensätze gesammelt. Könnte nicht der fatale Eindruck entstehen, dass sich das demokratische Amerika und die chinesische Diktatur in einem verblüffend ähnlich sind: Beide überwachen ihre Bürger?

Chomsky: Auf diesen Gedanken wäre ich, offen gestanden, nicht gekommen. Amerika ist eine Demokratie, und China ist eben keine Demokratie. Als ich einmal in Peking Vorlesungen gehalten habe, wurde ich von einem Studenten gefragt, was ich von der chinesischen Demokratie halte. Ich habe den jungen Mann zurückgefragt, er möge mir die chinesische Demokratie doch bitte mal zeigen, ich könne da draußen keine entdecken. Es gibt jedes Jahr Tausende von Arbeiteraufständen in China.

"Man weiß doch noch gar nicht, was die US-Regierung mit den Massen an Informationen anfangen kann."
Noam Chomsky

ZEIT: Chinesische Blogger höhnen schon: Der Westen predigt Freiheit – und überwacht seine eigenen Bürger.

Chomsky: Das sollen sie ruhig schreiben. Man weiß doch noch gar nicht, was die US-Regierung mit den Massen an Informationen anfangen kann. Denken Sie nur an Richard Nixons Feindesliste – mit der ist auch nicht viel passiert. Im Übrigen, so hoffe ich, wird sich die amerikanische Gesellschaft schon zu wehren wissen.

ZEIT: Das heißt, der Vergleich mit Orwellschen Verhältnissen ist völlig falsch?

Chomsky: Mit Orwell hat das gar nichts zu tun. Was mir viel mehr Sorgen macht, ist die Verwirrung, wenn die amerikanische Öffentlichkeit zum Beispiel über Steuern diskutiert. Hier herrscht eine totale sprachliche Konfusion. Was da an Argumenten gegen Steuererhöhungen vorgetragen wird, ist ein Zeichen für eine verrückt gemachte Öffentlichkeit. Das ist das Werk von Propaganda. Und diese gewollte Sprachverdrehung ist für mich eine viel schlimmere Form von Kontrolle als die Kontrolle über persönliche Daten, auch wenn die schon schlimm genug ist.

ZEIT: Internationale Cyberwars, Drohnenkriege, Hacker-Attacken und hysterische Bürgerüberwachung – in den neunziger Jahren hatte man sich die Zukunft noch ganz anders vorgestellt.

Chomsky: Es ist vielleicht ein Fehler, sich die Zukunft vorzustellen. Kann man das überhaupt? Es geht eben nur in winzigen Schritten voran, und das braucht seine Zeit. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als George W. Bush Verdächtige in Geheimgefängnissen verhören ließ, haben viele Länder bereitwillig mitgemacht, auch in Europa. Nur lateinamerikanische Länder haben sich geweigert, Unschuldige zu foltern. Dabei steckten diese Länder vor Kurzem noch in der Westentasche der USA. Ich fand das bemerkenswert, denn damit haben sie sich von westlicher Vormundschaft emanzipiert. Bei allen Rückschlägen geht es immer um die Freiheit. Darauf kommt es an. Wie jetzt wieder in der Türkei, auf dem Taksim-Platz.