TürkeiDer Sommer der Liebe

Murathan Mungan ist einer der berühmtesten Schriftsteller der Türkei. Sein Herz schlägt für die Protestbewegung. Wir haben ihn in Istanbul besucht und sind mit ihm in den Gezi-Park gegangen. von 

Zwei Dinge sind Murathan Mungan wichtig. Der Gezi-Park sei eine Bewegung der Vielfalt, sie brauche keinen Sprecher und schon gar nicht ihn. Und: Als Schriftsteller werde man in der Türkei schnell dem Verdacht ausgesetzt, das politische Engagement nur zu nutzen, um sich selbst wichtig zu machen und das eigene Werk im Ausland zu promoten. Das möchte er nicht. Aber das, was im Gezi-Park geschehe, sei eine historische Zeitenwende für die Türkei. Und er fängt an, zu erzählen, warum ihn die Ereignisse so beglücken und warum es ihn immer wieder in den Gezi-Park zieht.

Murathan Mungan hat in der Türkei einen Ruf wie Donnerhall. Und das, obwohl er kein populär schreibender Autor ist. Er liebt die anspruchsvolle Metapher, er spielt virtuos mit Mythen, das Archaische ist ihm nicht fremd, aber er ist auch ein psychologisch einfühlsamer Erzähler – postmodern und orientalisch zugleich. Er empfängt uns in seiner Designerpreis-verdächtigen Villa auf der asiatischen Seite Istanbuls, einem Bauhaus-artigen Kubus mit einem prachtvollen Garten. Auf dem Boden liegen Bücher von Althusser, Žižek und Deleuze. Aber das ist Zufall. Er sortiert gerade seine Bibliothek um.

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Murathan Mungan hat sich Notizen gemacht. Wenn man einen Stein ins Wasser werfe, dann bilde er immer weitere Kreise. Der erste Kreis sei eine kleine Gruppe von Umweltschützern gewesen, die sich gegen die Abholzung der Bäume im Gezi-Park gewehrt hätten. Aus Solidarität gesellten sich immer weitere Gruppen dazu. Zehn Jahre lang habe sich der Ärger über Erdoğans autokratischen Regierungsstil angestaut, jetzt habe er ein Ventil. Die Türkei sei in den vergangenen dreißig Jahren eine gespaltene Gesellschaft gewesen. Jeder habe auf seiner politischen, ethnischen oder religiösen Identität beharrt und alle anderen als feindlich angesehen. Doch im Gezi-Park zeige sich, dass Verschiedenheit als Vielfalt gelebt werden könne. Zum ersten Mal würden seine Landsleute einander zuhören. Die Kemalisten redeten mit den Kurden, der Schwulen- und Lesbenverband mit den Vertretern der antikapitalistischen Muslime. Laizisten und die grüne Bewegung säßen in einem Boot.

Geeint hat sie ein gemeinsamer Feind: Erdoğan mit seinem bevormundenden Paternalismus. "Erdoğan hat uns alle als Mitglieder seiner Partei betrachtet und wie Kinder behandelt. Er hat die Spannung von Mehrheit und Vielfalt aus den Augen verloren. Er will alles zugleich sein: Ministerpräsident, Bürgermeister von Istanbul und Pater familias, der mir sagt, wann ich ins Bett zu gehen habe."

Die Regierung sei völlig inkompetent, weil sie überhaupt nicht begreife, was da gerade im Land passiere. Die Protestbewegung sei unbeugsam, habe aber zugleich eine lustige, freudige, humorvolle Sprache hervorgebracht, die die Regierung nicht verstehe. Diese Sprache sei dabei, die Türkei zu verändern.

Murathan Mungan

geboren 1955 in Istanbul, seine Familie kommt aus dem Südosten der Türkei, dem Grenzgebiet zu Syrien. Väterlicherseits hat Mungans Familie kurdisch-arabische Wurzeln. Dieses Erbe ist ihm wichtig. Er schreibt Romane, Erzählungen und Gedichte. Ins Deutsche übersetzt wurden sein Roman Tschador sowie die Erzählungsbände Stadt aus Frauen und Palast des Ostens. Murathan Mungan steht der türkischen Schwulenbewegung nahe.

Murathan Mungan muss nun selbst darüber lachen, dass er seine würdevolle Gefasstheit immer verliert, sowie er auf Erdoğan zu sprechen kommt. "Erdoğan ist ein Vandale. Als die Metro gebaut wurde, hat man einen alten römischen Hafen gefunden. Erdoğan sprach abfällig von 'Keramikscherben'. Er möchte, dass die Geschichte mit ihm beginnt."

Mungan, geboren 1955, kommt aus einer wohlhabenden Familie aus dem Südosten des Landes. Hier wird seit 30 Jahren ein Krieg gegen die Kurden geführt. Seine Familie väterlicherseits hat kurdisch-arabische Wurzeln. Über die Tragödie der Kurden wurde in der Türkei geschwiegen. Jetzt hat Mungan das Gefühl, dass der Geist des Gezi-Parks das Schweigegebot zu Fall gebracht habe: "Die Leute begreifen: Wenn ich das, was vor meinen Augen auf dem Taksim-Platz passiert, nicht in den Medien wiederfinde, dann wurde mir wahrscheinlich die ganze Zeit über auch die Wahrheit über die Gewalt in den Kurdengebieten verheimlicht."

Wir fragen Mungan nach den politischen Zielen der Protestbewegung. Es könne ja wohl nicht darum gehen, ein paar Bäume und einen im Übrigen ziemlich lieblos gestalteten Park zu retten. Mungan schüttelt den Kopf. Auf solche Fragen hat er keine Antworten und will sie auch nicht haben. Es gehe darum, dass die türkische Gesellschaft auf breiter Front aus dem Zustand der Unmündigkeit erwacht sei und sich erstmals selbst artikuliere. Dass Erdoğan den öffentlichen Konsum von Alkohol und das Küssen in U-Bahnen verbieten wolle, seien nur Details.

Auf dem Taksim-Platz habe sich gezeigt, dass es eine türkische Zivilgesellschaft gebe, dass Staat und Gesellschaft nicht identisch seien. Das sei der Gezi-Geist, und der habe das Land bereits verändert und werde fortbestehen, unabhängig davon, was mit dem Park passiere: "Die Bäume sind zu einem Wald geworden." Und plötzlich wacht Murathan Mungan aus seiner vornehmen türkischen Melancholie auf und ruft regelrecht euphorisch aus: "Die Gezi-Park-Erlebnisse haben mein Blut um fünfzig Jahre verjüngt!"

Die Mütter kamen – und sind geblieben

Also auf zum Gezi-Park! Murathan ist wie eine Blume, der man endlich Wasser gegeben hat: Kaum haben wir den Gezi-Park erreicht, blüht er auf. Er lacht, er entspannt sich, er verwaltet jetzt nicht mehr das Dichteramt, sondern mischt sich unter die Leute, die ihn freudig begrüßen. Er führt uns von Zelt zu Zelt. Hier sitzt die BDP, die Partei der kurdischen Minderheit, die sich auch Geschlechtergerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Daneben hocken die nationalistischen Kemalisten mit den Atatürk-Fahnen, deren Laizismus durch die Protestbewegung wieder ins Recht gesetzt wird. Unter diesem Zeltdach versammelt sich der Verband der türkischen Filmemacher, dort sitzt die Veganerfraktion. Hier ist das Zelt, in der für die Lesehungrigen eine Bibliothek improvisiert wurde, da ist die Gemeinschaftsküche, wo jeder verköstigt wird. Beim Zelt des türkischen Schwulen- und Lesbenverbands ist das Hallo besonders groß, als Murathan Mungan auftaucht, denn er hat sich immer zu seinem Schwulsein bekannt.

Leserkommentare
  1. Aktuell sehe zwei gefährliche Fehlentwicklungen:

    1. Die Demonstranten im Gezi-Park und in Brasilien werden aktuell so etwas von mit Lob überschüttet, als neue Gesellschaftsform erklärt, zu wahren Helden gegen die Staatsmacht gefeiert, dass man sich nicht wundern darf, wenn das nächste fehlgeplante deutsche Großprojekt auch hier zu einer Revolution führt.

    2. Soziale Medien haben in der Tat die Gesellschaft verändert. Nicht nur dass man sich besser organiseren und schneller erreichen kann, sondern dass man neben seiner MEINUNG sogar auch seine GEDANKEN teilt. Letztere sollte man aber wie im wahren nicht immer und überall teilen. Ich hab z.B. meiner Englischleherin nie gesagt dass ich sie haße. Hätte ich das etwa sagen dürfen? Haben wir neben der MEINUNGSFREIHEIT etwa auch eine GEDANKENFREIHEIT? Wenn ja, haben soziale Medien Tugenden wie RÜCKSICHT und RESPEKT zurückgedrängt. Soziale Medien haben also auch ihre Schattenseiten.

    Deutschland sitzt auch im Glashaus der sozialen Medien, also sollte hierzulande niemand einseitig die Sozialrevolutionäre feiern.

  2. Das sogenannte Wunderland Türkei ist ein Schwindel, wie Griechenland seinerzeit. Die Traumwachstumsraten werden mit getürkten Krediten des IWF am laufen gehalten. Die Türkei braucht 8,9 Billionen Euro, um das Land auf EU-Standard zu sanieren. Dieses Geld soll von Deutschland über die Eu-Töpfe aufgebracht werden. Da aber das Währungssystem sowieso nur noch Buchgeld ist, kann man damit Politik machen und sich somit die Türkei einkaufen, aber bei gleichzeitiger Durchsetzung westlicher Werte und System.

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