Es ist der Freitag der vergangenen Woche, und der Gezi-Park ist ein gesittet-euphorisches Volksfest. Ein Gemeinschaftserlebnis, das die Istanbuler mit den Touristen, die in Scharen kommen, vereint. Friede, Freude, Eierkuchen, denkt man einen Moment lang, aber dann erinnert man sich an die brutalen Tränengaseinsätze der vergangenen Tage. Doch für jemanden, der gerade erst eingetroffen ist, klingt das schon fast wie mythische Vorzeit. Jetzt wirkt das Ganze wie eine stadtmarketingtechnisch perfekte Attraktion. Ein Erlebnis für die ganze Familie. Tatsächlich sind alle Generationen vertreten. Als Erdoğan in einer Rede die Mütter aufforderte, in den Gezi-Park zu gehen, ihre Kinder an die Hand zu nehmen, um sie nach Hause zu führen, folgten die Mütter nur dem ersten Teil seiner Aufforderung: Sie gingen in den Gezi-Park – blieben aber.

Unzählige fliegende Händler bieten neben den berühmten Sesamkringeln Gasmasken und Schutzhelme feil. Doch die Gasmasken wirken wie Revolutionssouvenirs. Auf dem benachbarten Taksim-Platz sind zwar weiterhin die Polizeitruppen mit Wasserwerfern stationiert, aber die Polizisten dösen müde in der Sonne. Einige sollen nach dem letzten Einsatz gegen die eigene Bevölkerung ihre Polizeimarke abgegeben haben. Unvorstellbar in diesem Moment, dass die Polizeitruppen in dieses Volksfest hineinkartätschen, bei dem sich Aktivisten mit Touristen, junge Rastas mit alten Damen, Sozialisten mit Krawattenträgern mischen. Ganz offensichtlich ist hier das Bürgertum Istanbuls versammelt. Ergänzt durch viele Deutschtürken der zweiten oder dritten Generation. Sie fühlen sich plötzlich in ihrer fernen Heimat am richtigen Ort und gebraucht. So nah waren sich ihre beiden Heimaten noch nie. Sie dolmetschen begeistert zwischen den Kulturen. Europäischer kann die Türkei gar nicht sein, als sie es im Gezi-Park ist.

Murathan Mungan bewegt sich wie ein Fisch im Wasser durch die annähernd 3000 Zelte, vor denen die Menschen sitzen, schlafen und diskutieren. Ein Drehbuchautor mit Castromütze kommt auf Mungan zu. Ich frage ihn etwas seminarhaft, ob er glaube, dass sich die Situation noch einmal zuspitzen werde. Er sagt: "Ich sitze hier nur. Ich habe nicht einmal eine Hand gehoben. Ich bin Drehbuchautor, kein Zuspitzer, aber ich bleibe hier sitzen."

Aus 107 Gruppen setzt sich das Gezi-Camp zusammen. Seit 17 Tagen leben die Menschen dort wie in einer Kommune. Murathan Mungan, der vornehme Individualist, schwärmt: "Die Egos sind auf null gestellt, es gibt keine soziale Hierarchie mehr. Wir lernen eine Lektion in Autonomie." Völlig gelöst lässt er sich durch die Menge treiben. Und plötzlich ergreift er meinen Arm und sagt lachend: "Ist diese Utopie nicht ansteckend? Wenn man einmal hier ist, kommt man nicht mehr weg!"

Erdoğan hatte angekündigt, von seinem Bauprojekt abzulassen, falls die Gerichte den Abriss für unrechtmäßig erklärten. Im anderen Fall solle ein Plebiszit entscheiden. Im Gegenzug aber müssten die Protestler den Park bis Sonntag räumen. Jetzt diskutieren die Leute im Gezi-Park, wie sie auf Erdoğans Zugeständnis reagieren sollen. Die Jüngeren sagen: Es sei doch lächerlich, dass er verspreche, die Entscheidung der Gerichte zu akzeptieren, das verstehe sich in einem Rechtsstaat doch von selbst. Man müsse die Besetzung fortsetzen. Andere sehen die Sache sehr viel skeptischer. Besonders die Älteren, die das gewohnt rustikale Verhältnis des türkischen Staates zur Gewalt noch aus eigener Erfahrung kennen, warnen: Erdoğan werde sich diese Unbotmäßigkeit nicht gefallen lassen, er werde brutal zuschlagen.

Die heroische Phase der Revolution schien vorbei zu sein

Man merkt bei einer solchen Reise seine eigene Sozialisation: Jahrgang 1971, da hatte man es in Westdeutschland nie mit unverhältnismäßiger staatlicher Gewalt zu tun. Bei Demos war die Polizei in Form von Deeskalationsexperten zur Stelle, die einen endlos in herzliche Gespräche verwickelten. Ich erinnere mich noch, wie wir als Schüler in Heidelberg gegen die Abholzung einiger Bäume auf der Neckarwiese demonstrierten, bis uns die Polizisten geduldig auseinandergesetzt hatten, dass die Bäume krank seien und deshalb gefällt werden müssten. Na ja, deliberative Demokratie eben, da kann man sich vieles nicht vorstellen.

Am Samstagvormittag platzt der Gezi-Park dann aus allen Nähten. Die Sonne scheint, die Leute tanzen, lachen und stimmen Sprechgesänge an. Das ist nicht mehr friedliche Revolution, das ist der summer of love. Ein bisschen kitschverdächtig. Eine Gruppe von Veganern hält ein Transparent hoch, das sich für die Rechte von Tieren stark macht: "Sie wurden nicht geboren, um Eure fetten Ärsche zu mästen. Go vegan!"

Die heroische Phase ist vorbei. Jetzt übernimmt der Lifestyle. Ich fahre zu Gerhard Falkner, dem Lyriker, der Stipendiat des Goethe-Instituts in der Villa Tarabya ist, draußen am Bosporus. Falkner hatte an einem Langgedicht mit dem Titel Istanbul ist / distURBANt city gearbeitet. Er war fast fertig, als das Erdbeben losging. Zwei Tage lang hat er mit sich gehadert, ob er die jüngsten Ereignisse berücksichtigen solle: "Ich bin geschädigt durch die siebziger Jahre und ihre Vietnam-Gedichte. Aber dann sagte ich mir: Du wirst gesteinigt, wenn du im Jahr 2013 ein Gedicht über Istanbul schreibst und Gezi kommt nicht vor."

Am Abend fahre ich mit der U-Bahn zurück in die Stadt. Mir gegenüber sitzt eine elegante ältere Dame, die mich ernst anlächelt. Ich verstehe ihren Blick nicht. An der nächsten Station setzen sich zwei junge Mädchen dazu. Die Dame greift in ihre Handtasche und verteilt Mundschutz an die jungen Frauen. Die U-Bahn wird immer voller. Alle zusteigenden Fahrgäste werden jetzt mit donnerndem Applaus begrüßt. Mir ist wohl was entgangen. Die ganze U-Bahn stimmt Sprechgesänge an und ruft: "Taksim ist überall!" Ich habe Gänsehaut. Ich bin Teil einer Massenbewegung.