Emanzipation : Ganz locker, Männer!

Die Debatte um "Herr Professorin" beweist: Das Land hat den Feminismus des Ostens noch nicht verstanden! Ein Lexikon für EinsteigerInnen.

Anfang. Alles begann, wie immer in Deutschland, mit einem Gremienbeschluss: Der Erweiterte Senat der Uni Leipzig hat vor Kurzem die Grundordnung der Hochschule überarbeitet. Und dabei entschieden, in diesem Dokument nicht mehr mit männlichen Berufsbezeichnungen wie "Professor" zu arbeiten. Sondern den Spieß umzudrehen: Fortan steht in der Grundordnung stets die weibliche Form, "Professorin" etwa. Männer sind damit, eine Fußnote regelt das, ebenso gemeint.

Ein Aufruhr rollt seit diesem Beschluss durch die Republik! Vor allem Männer wüten heftig, in Leitartikeln ebenso wie in Facebook-Kommentaren: "Hier gehen die Emanzen zu weit!" (Zorn).

Grüßen die Leipziger ihre Dozenten künftig etwa mit "Hallo, Herr Professorin"?

Nein, sicherlich nicht, sagt Beate Schücking, die Rektorin der Uni. Aber da kann sie noch so viel beteuern, die Empörungsmaschine wütet. Die Männerwelt ist aus dem Häuschen: Fürchten die Herren einfach um ihre Pfründe? Schücking: "Wir haben da offenbar einen wunden Punkt getroffen. Es ist die Furcht zu erkennen, da setzten sich nun die bösen, gefährlichen Feministinnen durch." Vor wenigen Tagen präsentierte Schücking einen Packen wütender Protestschreiben: Hunderte Briefe und E-Mails, "viele mit vulgär-obszönen Inhalten, viele auch anonym" – aber die Rektorin, vorher Professorin in München und Osnabrück, ist Feminismus-Kämpfe gewohnt. "Ich finde es gut, wenn das Thema jetzt Öffentlichkeit bekommt. So eine kleine Provokation, das passt zu uns, zur Leipziger Uni-Kultur."

Kommen die Proteste vor allem aus Leipzig? "Nein, aus der ganzen Republik", sagt die Rektorin. "Ich glaube, dieser Protest hat mit Leipzig und dem Osten nichts zu tun. Und hier in der Region empfinde ich die Debatte als wesentlich unaufgeregter."

Berger, Christian. Der Dekan der Leipziger Juristenfakultät kennt sich mit Grenzerfahrungen aus, denn er schrieb die Dissertation Die subjektiven Grenzen der Rechtskraft bei der Prozeßstandschaft . Nun wurde er von der Grundordnungs- Änderung offenbar an die subjektiven Grenzen seiner Toleranz gebracht. Berger veröffentlichte eine Protesterklärung: "Wir missbilligen den Beschluss des Senats. Wir werden ihm nicht folgen." Zudem beruhigt Berger seine verunsicherten männlichen Studierenden: Keiner von ihnen müsse damit rechnen, als "Studentin" angesprochen zu werden. Puh! Frauen indes würden "auch weiterhin mit guten Lehrangeboten bis hin zur Examensvorbereitung" unterstützt.

Cindy aus Marzahn. Gewiss keine Professorin. Comedyfigur – und Vorzeige-Proletin. Surft auf der Mandy-Sandy Yvonne- Welle, daher unter schlimmem Feminismusverdacht.

Domscheit-Berg, Anke. Die Piratin, geboren 1968, bezeichnet sich bei Twitter als "East Germany socialized feminist". Und freut sich über die Grundordnungs-Änderung. Die Leipziger Reform sei ja keine Feministinnen-Idee (Käs, Josef Alfons). "Wir Ostfrauen haben häufiger eine größere Nähe zu Männern, weil es schwachsinnig ist, gegen sie statt mit ihnen für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen", sagt sie.

Emma. Das Lebensleistungsblatt Alice Schwarzers jubilierte im Januar 1990, dass der Mauerfall dem Land Frauennachwuchs beschere. "Neue Frauen hat die DDR", schrieb Schwarzer: "Wir BRD-Frauen sind zwar die gestandeneren Feministinnen, aber die DDR-Frauen sind die gestandeneren Bürgerinnen: Sie sind berufstätiger, sie sind qualifizierter und sie sind politisierter, zumindest, was die allgemeine Gesellschaftspolitik angeht." Beruflich top – privat noch zu oft mit Mop! Denn: DDR-Frauen seien "quasi alleinzuständig für Hege und Pflege", schöben "nach der ersten (bezahlten) die zweite und dritte (unbezahlte) Schicht." Alice, welche wunderliches Land!

Frisur. Mit jeder Trennung ändert eine Frau ihren Haarschnitt, heißt es. Nach der Trennung vom Sozialismus liefen die Frauen der DDR massenhaft zum Friseur: Manches Ergebnis wäre wohl selbst Düsseldorfer Punks zu unorthodox. Frecher Pony mit lila Strähnchen, neckische Seitenpartie (asynchron). Oben blond und unten pink, vorne lang und hinten Igel. Woher so viel Frivolität? Sahen doch die DDR-Bürgerinnen bis zur Wende erstaunlich bieder aus. Begann 1990 eine experimentelle Phase? Wenn ja, dann dauert die bis heute an. Die Ostfrauen haben die Freiheit im Kopf. Und auf ihm.

Grundordnung, Verfassung einer Universität. Wurde in Leipzig überarbeitet, ziemlich gründlich: Das "generische Femininum" für alle Funktions- und Berufsbezeichnungen zu verwenden (Anfang) – war das ein Akt der Revolte? Ein Akt der Gleichstellung? Ein Akt der Lust auf den Feierabend eines einzelnen Professors? (Käs, Josef Alfons). Viele sind in diesem Streit nicht mehr Herr ihrer Sinne.

Hockauf, Frida. Gendermäßig inkorrekt: Frida Hockauf war eine Art weibliches Pendant zu Adolf Hennecke. Zu jenem Mann also, der in der DDR den Plan übererfüllte, indem er am 13. Oktober 1948 enorme 24,4 Kubikmeter Kohle aus dem Karl-Liebknecht-Schacht des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers beförderte – Nationalheld! Logisch, dass der ArbeiterInnen-und-BäuerInnen-Staat eine Frau brauchte, die auch Vorbild sein konnte. Hockauf verpflichtete sich im September 1953, sie werde die kommenden Monate 45 Meter Stoff mehr verarbeiten, als der Plan es ihr vorgab. Davon, dass sie trotzdem daheim noch sauber machen musste, ist auszugehen, wahrscheinlich hat sie dort für Herrn Hockauf den Speiseplan übererfüllt (Vollzeit) Bezeichnend, dass Frida Hockauf beinahe in Vergessenheit geriet, während der Name Hennecke bis heute anerkennendst geraunt wird ("Ditt war ja en richtsches Arbeitstier!"). Die Emanzipation Ost existierte, das Patriarchat Ost auch. Da kann man noch so viele Beinkleider weben – verflixt und zugenäht! Am Ende hat der Kerl die Hosen an.

Käs, Josef Alfons. Mit dem Mann begann der Leipziger Aufruhr! Der Direktor des Instituts für Experimentelle Physik I ist unbeabsichtigt Vorkämpfer der Experimentellen Frauenpolitik geworden. Er, Mitglied des Erweiterten Senats, wollte die nervtötende Debatte in dem Gremium um die ebenso nervtötende Zweigeschlechter-Formulierung "Professor/Professorin" schnell beenden. Daher schlug er spontan vor, fortan nur noch "Professorin" zu schreiben. Käs setzte sich durch mit einer politischen Idee, die ihm nie wichtig war. Ansonsten hat er mit Angela Merkel noch die Studienrichtung gemein.

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Kommentare

66 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Hahaha

Nein, Sie haben wohl eher mich bestätigt, denn offenkundig ahben Sie nicht den Artikel auf Bildblog gelesen, den ich verlinkt ahtte und der detailliert auflistet, warum jeder, der diese Angelegenheit für Gender- oder Anti-Gender-Diskussionen nutzt, völlig an den Fakten vorbeiargumentiert. Es ging nie um Gendergerechtigkeit, es ging lediglich um die bessere Lesbarkeit eines einzigen Universitätsdokumentes.