EmanzipationGanz locker, Männer!

Die Debatte um "Herr Professorin" beweist: Das Land hat den Feminismus des Ostens noch nicht verstanden! Ein Lexikon für EinsteigerInnen. von Anne Hähnig, Susanne Kailitz und

Anfang. Alles begann, wie immer in Deutschland, mit einem Gremienbeschluss: Der Erweiterte Senat der Uni Leipzig hat vor Kurzem die Grundordnung der Hochschule überarbeitet. Und dabei entschieden, in diesem Dokument nicht mehr mit männlichen Berufsbezeichnungen wie "Professor" zu arbeiten. Sondern den Spieß umzudrehen: Fortan steht in der Grundordnung stets die weibliche Form, "Professorin" etwa. Männer sind damit, eine Fußnote regelt das, ebenso gemeint.

Ein Aufruhr rollt seit diesem Beschluss durch die Republik! Vor allem Männer wüten heftig, in Leitartikeln ebenso wie in Facebook-Kommentaren: "Hier gehen die Emanzen zu weit!" (Zorn).

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Grüßen die Leipziger ihre Dozenten künftig etwa mit "Hallo, Herr Professorin"?

Nein, sicherlich nicht, sagt Beate Schücking, die Rektorin der Uni. Aber da kann sie noch so viel beteuern, die Empörungsmaschine wütet. Die Männerwelt ist aus dem Häuschen: Fürchten die Herren einfach um ihre Pfründe? Schücking: "Wir haben da offenbar einen wunden Punkt getroffen. Es ist die Furcht zu erkennen, da setzten sich nun die bösen, gefährlichen Feministinnen durch." Vor wenigen Tagen präsentierte Schücking einen Packen wütender Protestschreiben: Hunderte Briefe und E-Mails, "viele mit vulgär-obszönen Inhalten, viele auch anonym" – aber die Rektorin, vorher Professorin in München und Osnabrück, ist Feminismus-Kämpfe gewohnt. "Ich finde es gut, wenn das Thema jetzt Öffentlichkeit bekommt. So eine kleine Provokation, das passt zu uns, zur Leipziger Uni-Kultur."

Kommen die Proteste vor allem aus Leipzig? "Nein, aus der ganzen Republik", sagt die Rektorin. "Ich glaube, dieser Protest hat mit Leipzig und dem Osten nichts zu tun. Und hier in der Region empfinde ich die Debatte als wesentlich unaufgeregter."

Berger, Christian. Der Dekan der Leipziger Juristenfakultät kennt sich mit Grenzerfahrungen aus, denn er schrieb die Dissertation Die subjektiven Grenzen der Rechtskraft bei der Prozeßstandschaft . Nun wurde er von der Grundordnungs- Änderung offenbar an die subjektiven Grenzen seiner Toleranz gebracht. Berger veröffentlichte eine Protesterklärung: "Wir missbilligen den Beschluss des Senats. Wir werden ihm nicht folgen." Zudem beruhigt Berger seine verunsicherten männlichen Studierenden: Keiner von ihnen müsse damit rechnen, als "Studentin" angesprochen zu werden. Puh! Frauen indes würden "auch weiterhin mit guten Lehrangeboten bis hin zur Examensvorbereitung" unterstützt.

Cindy aus Marzahn. Gewiss keine Professorin. Comedyfigur – und Vorzeige-Proletin. Surft auf der Mandy-Sandy Yvonne- Welle, daher unter schlimmem Feminismusverdacht.

Domscheit-Berg, Anke. Die Piratin, geboren 1968, bezeichnet sich bei Twitter als "East Germany socialized feminist". Und freut sich über die Grundordnungs-Änderung. Die Leipziger Reform sei ja keine Feministinnen-Idee (Käs, Josef Alfons). "Wir Ostfrauen haben häufiger eine größere Nähe zu Männern, weil es schwachsinnig ist, gegen sie statt mit ihnen für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen", sagt sie.

Emma. Das Lebensleistungsblatt Alice Schwarzers jubilierte im Januar 1990, dass der Mauerfall dem Land Frauennachwuchs beschere. "Neue Frauen hat die DDR", schrieb Schwarzer: "Wir BRD-Frauen sind zwar die gestandeneren Feministinnen, aber die DDR-Frauen sind die gestandeneren Bürgerinnen: Sie sind berufstätiger, sie sind qualifizierter und sie sind politisierter, zumindest, was die allgemeine Gesellschaftspolitik angeht." Beruflich top – privat noch zu oft mit Mop! Denn: DDR-Frauen seien "quasi alleinzuständig für Hege und Pflege", schöben "nach der ersten (bezahlten) die zweite und dritte (unbezahlte) Schicht." Alice, welche wunderliches Land!

Frisur. Mit jeder Trennung ändert eine Frau ihren Haarschnitt, heißt es. Nach der Trennung vom Sozialismus liefen die Frauen der DDR massenhaft zum Friseur: Manches Ergebnis wäre wohl selbst Düsseldorfer Punks zu unorthodox. Frecher Pony mit lila Strähnchen, neckische Seitenpartie (asynchron). Oben blond und unten pink, vorne lang und hinten Igel. Woher so viel Frivolität? Sahen doch die DDR-Bürgerinnen bis zur Wende erstaunlich bieder aus. Begann 1990 eine experimentelle Phase? Wenn ja, dann dauert die bis heute an. Die Ostfrauen haben die Freiheit im Kopf. Und auf ihm.

Grundordnung, Verfassung einer Universität. Wurde in Leipzig überarbeitet, ziemlich gründlich: Das "generische Femininum" für alle Funktions- und Berufsbezeichnungen zu verwenden (Anfang) – war das ein Akt der Revolte? Ein Akt der Gleichstellung? Ein Akt der Lust auf den Feierabend eines einzelnen Professors? (Käs, Josef Alfons). Viele sind in diesem Streit nicht mehr Herr ihrer Sinne.

Hockauf, Frida. Gendermäßig inkorrekt: Frida Hockauf war eine Art weibliches Pendant zu Adolf Hennecke. Zu jenem Mann also, der in der DDR den Plan übererfüllte, indem er am 13. Oktober 1948 enorme 24,4 Kubikmeter Kohle aus dem Karl-Liebknecht-Schacht des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers beförderte – Nationalheld! Logisch, dass der ArbeiterInnen-und-BäuerInnen-Staat eine Frau brauchte, die auch Vorbild sein konnte. Hockauf verpflichtete sich im September 1953, sie werde die kommenden Monate 45 Meter Stoff mehr verarbeiten, als der Plan es ihr vorgab. Davon, dass sie trotzdem daheim noch sauber machen musste, ist auszugehen, wahrscheinlich hat sie dort für Herrn Hockauf den Speiseplan übererfüllt (Vollzeit) Bezeichnend, dass Frida Hockauf beinahe in Vergessenheit geriet, während der Name Hennecke bis heute anerkennendst geraunt wird ("Ditt war ja en richtsches Arbeitstier!"). Die Emanzipation Ost existierte, das Patriarchat Ost auch. Da kann man noch so viele Beinkleider weben – verflixt und zugenäht! Am Ende hat der Kerl die Hosen an.

Käs, Josef Alfons. Mit dem Mann begann der Leipziger Aufruhr! Der Direktor des Instituts für Experimentelle Physik I ist unbeabsichtigt Vorkämpfer der Experimentellen Frauenpolitik geworden. Er, Mitglied des Erweiterten Senats, wollte die nervtötende Debatte in dem Gremium um die ebenso nervtötende Zweigeschlechter-Formulierung "Professor/Professorin" schnell beenden. Daher schlug er spontan vor, fortan nur noch "Professorin" zu schreiben. Käs setzte sich durch mit einer politischen Idee, die ihm nie wichtig war. Ansonsten hat er mit Angela Merkel noch die Studienrichtung gemein.

Leserkommentare
  1. "Frecher Pony mit lila Strähnchen, neckische Seitenpartie (asynchron)."

    Oha.

    • Suryo
    • 20. Juni 2013 16:49 Uhr

    Man hätte allerdings auch bereits am 10.06. diesen Artikel hier lesen können, um sich manchen albernen Artikel (ja, auch bei ZEIT Online) und vor allem hunderte schwachsinniger Kommentare beleidigter, sich in Selbstmitleid suhlender Maskulinisten und "Politisch Unkorrekter" ersparen können:

    http://www.bildblog.de/49...

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    Ich stimme Ihnen da vollkommen zu, habe den Link gerade auch schon rausgesucht. (weil es so schön ist: http://www.bildblog.de/49...)

    Es ist wirklich ein Witz, was die Medien in Deutschland hier veranstaltet haben (sogar im Ausland wurden dem Quatsch schon Artikel gewidmet). Dass sich eine falsche Tatsache so lange in userer Medienlandschaft halten kann und keine Zeitung sich dazu bereiterklärt "lautstark" und nicht in einem Nebensatz wie hier (Man sieht ja an KOmmentar 3, dass das nicht ankommt) richtigzustellen finde ich wirklich schade und absolut schwach.

    Es haben sich immerhin auf Facebook schon über 1000 Menschen zusammengefunden, die wegen einem Missverständins bzw. einer Zeitungsente (super Wort (Y)) schon einen Rücktritt fordern und vor sich hin polemisieren.

    Eigentlich müsste die Uni Leipzig gegen alle Medien klagen, die wie die BILD wieder und wieder diese Lügen verbreitet haben.

    Diese Empörung wegen eines " / " ist dem ja wirklich nicht angemessen. Und dass Studenten in Zukunft nicht Studentin genannt werden, ist doch offensichtlich, oder? Nochmal, in einem Stück Papier, das weniger Leute lesen als die AGBs an der Mediamarktkasse, hat man "Professor/in" durch "Professorin" ersetzt! (Oder war es vor der Änderung "Professor/Professorin"? Macht keinen Unterschied, oder?)

    Was kommt als nächstes, Peer Steinbrücks Doktorarbeit ist ein Plagiat? Ich wette, mit der Story lassen sich auch 1000 Leute auf Facebook mobilisieren.

    Redaktion

    Liebe/r Suryo,

    von welchen "albernen Artikeln" auf Zeit Online reden Sie? Ich kann mich an keinen erinnern.

    Beste Grüße
    Ruben Karschnick

    "hunderte schwachsinniger Kommentare beleidigter, sich in Selbstmitleid suhlender Maskulinisten "
    eine Redaktionsempfehlung bekommt, darf künftig kaum noch ein Kommentar wegen beleidigender Wortwahl wegmoderiert werden.

    Anmerkung: Da haben wir wohl einen Fehler gemacht. Soeben haben wir die Redaktionsempfehlung wieder zurückgezogen. Die Redaktion/ds

    • Wyt
    • 20. Juni 2013 16:58 Uhr

    Also irgendwelche Frauen fühlen sich ganz schrecklich diskriminiert, weil eine seit Jahrhunderten gewachsene Sprache die männliche Form auch als Neutralform verwendet.

    Deshalb diskriminieren dann die Diskriminierten also im Gegenzug einfach die Männer, indem sie einfach die weibliche Form einsetzen.

    Schon mal etwas von Gleichberechtigung gehört?

    Aber dann wollen wir auch konsequent sein. Also verwenden wir in Zukunft auch bitte die korrekten Begriffe wie "Kinderschänderin", "Vergewaltikerin",
    "Terroristin", "Gewaltverbrecherin" usw.

    Also ganz locker liebe Männinnen!

    Ansonsten wäre es notwendig komplett neue Begriffe für die Neutralform einzuführen. So etwas nennt in Fachkreisen Neusprech, Nähres finden sie übrigens dazu im Roman 1984. Super Plus gut.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um einen weniger unterstellenden Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    21 Leserempfehlungen
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    • Suryo
    • 20. Juni 2013 17:07 Uhr

    Obigen Artikel lesen. Es ging einfach darum, nervigste "...und -innen"-Konstruktionen aus Texten zu tilgen.

    Im übrigen zeigen genügend Untersuchungen, daß das generische Maskulinum tatsächlich nur an Männer denken lässt und bei den wenigsten Menschen Frauen "mitmeint". Warum ist es so schwer zu akzeptieren, daß Sprache das Denken beeinflusst und daß Sprache Diskriminierung fördern kann?

    Und warum nutzen Sie Ihre Empörung nicht, um festzustellen "Aha, so fühlt sich das also für Frauen an?", und darüber nachzudenken?

    • KG
    • 20. Juni 2013 17:17 Uhr

    ..."Vergewaltikerin" wird es niemals heißen. Egal wie sehr Sie sich in Zukunft in Onlinekommentaren für sprachlichen Sexismus einsetzen, das Wort wird nicht existieren.

    die BlinddarmIn, die WeisheitzähnIn ?
    Oh Gott, ganz vergessen : die EierstöckIn ! Es heisst ja auch "der Hoden" !
    Verdammte Machos !
    [Ironie off ]

    Habt ihr keine anderen Sorgen ? Ich, für meinen Teil, werde einen Professor immer mit "Professor" ansprechen und/oder anschreiben. Der rest kann tuen was er will !

    • anyweb
    • 20. Juni 2013 23:27 Uhr

    Sie müssen sich aber auch eingestehen, dass "Kinderschänderinnen", "Vergewaltikerinnen",
    "Terroristinnen" und "Gewaltverbrecherinnen" in einem minimalen Maß, im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen, vorkommen.

  2. für den ganzen Gender Quatsch.

    Ganz im Ernst, dass ich nun mit Herr Doktorin angeredet werde interessiert mich nicht die Bohne. Alles Schall und Rauch.
    Wer damit ein Problem hat, der hat einfach keinen Schw...z in der Hose.

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    • KG
    • 20. Juni 2013 17:17 Uhr

    ..."Vergewaltikerin" wird es niemals heißen. Egal wie sehr Sie sich in Zukunft in Onlinekommentaren für sprachlichen Sexismus einsetzen, das Wort wird nicht existieren.

    4 Leserempfehlungen
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    • Wyt
    • 20. Juni 2013 17:35 Uhr

    Wie Sie sehen fällt so etwas sehr stark auf. Statt Vergewaltigerin etwas anders geschrieben und schon wird ein "Drama draus.

    Übrigens finde ich es sehr witzig, dass die Onlinekorrektur mir den Begriff "Vergewaltiger" als richtig anzeigt, aber die "Vergewaltigerin" als fehlerhaft anzeigt.

    Was sagt uns dies?

    ...Sie haben einen Rechtsschreibfehler entdeckt...

    • Erkos
    • 20. Juni 2013 17:23 Uhr

    Habe vor vielen Jahren in Leipzig studiert. Im Moment ist mir meine Ex-Uni peinlich. Habt Ihr wirklich keine anderen Probleme? Ist es das, was uns bewegen sollte? Glaubt jemand ernsthaft, dass die wirklich vorhandenen Diskriminierungen von Frauen dadurch auch nur einen Deut gemildert werden? Ts, ts, ts.....

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    Klar hat die Uni andere Probleme. Daher hat sie sich dem Thema, in einem sehr formalen Text, den kaum jemand liest, "Professoren/Professorinnen" zu "Professorinnen" + Fußnote zu machen, nicht viel Zeit gewidmet und das in einer einfachen, unbedeutenden Abstimmung so gelöst. Die Unimitarbeiter haben sicherlich 100fach mehr Zeit damit verbracht, diese Zeitungsente zu dementieren als damit diese textliche Vereinfachung durchzuwinken.

    Dass durch eine Überschrift von SPON die halbe Medienwelt auf die Idee kommt, dass nun irgendjemand "Herr Professorin" sagen müsse, das konnte ja nun wirklich niemand ahnen.

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