Martenstein : Über den Unterschied zwischen Kritik und Beschimpfung

Harald Martenstein schreibt polarisierende Texte und wird dafür von den Lesern in die Mangel genommen. Hier liefert er eine Anleitung für die perfekte Kritik.
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Kürzlich habe ich über Genderforschung geschrieben, ein längerer Text. Erwartungsgemäß kamen viele Leserbriefe, erwartungsgemäß waren sie zum Teil zustimmend, zum Teil ablehnend. Immer, wenn man ein kontrovers diskutiertes Thema behandelt und dabei eine Position bezieht, passiert genau das. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass man im Journalismus hin und wieder kontroverse Themen behandeln und dabei eine Position beziehen sollte.

Diese Kolumne ist denen gewidmet, die sich über mich ärgern. Ich will euch helfen. Ich will, dass ihr in eurer Argumentation besser werdet und mir Schwierigkeiten macht. Warum? Damit ich gefordert werde. Das wollt ihr im Grunde doch auch.

Leute schreiben oft sinngemäß, der Autor habe keine Ahnung. Die Fakten würden nicht stimmen, das sei alles völlig falsch. Möglicherweise haben diese Leute recht – wer weiß? Aber in ihrem Brief steht leider kein einziges Beispiel. Da steht nicht etwa, Freundchen, in diesem Punkt irren Sie, in jenem Punkt sieht die Faktenlage aber anders aus. Nein, da steht lediglich, sinngemäß, dass der Autor eben ein hirnloser Schwachmat sei und vollkommen ahnungslos.

Wissen Sie, wenn Sie sich die Arbeit machen, einen solchen Brief zu schreiben – es ist sinnlos. Der Journalist, den Sie angreifen, fühlt sich durch Ihren Brief sogar noch bestätigt! Er sagt sich: "Wenn in meinem Text wirklich alles Mögliche falsch wäre, dann wären die Fehler in dem Brief sicher mit Quellenangabe und Hausnummer aufgelistet." Was auch nichts bringt, sind Beschimpfungen. Wenn Sie Autoren beschimpfen, bringen Sie lediglich zum Ausdruck, dass Sie sich geärgert haben. Ob Ihr Ärger sachlich begründet ist, bringen Sie dadurch nicht zum Ausdruck. Wenn Sie jemanden einen Nazi, einen Chauvinisten oder einen Sexisten nennen, dann ist es ganz wichtig, diesen Vorwurf irgendwie zu belegen. Das Gewicht des Vorwurfs befreit Sie nicht von der Aufgabe, den Vorwurf zu begründen. Ich selber würde Ihnen den Gefallen ja gern tun, auf eine Begründung zu verzichten, ich gebe alles zu, aus Nettigkeit, aber was nützt das? Lesen Sie den ärgerlichen Text noch mal in aller Ruhe durch. Holen Sie sich vorher am besten einen Stift und ein Blatt Papier. Notieren Sie, was genau Ihnen faschistisch oder sexistisch vorkommt und warum. Wenn Ihnen etwas in dem Text falsch erscheint, überprüfen Sie es. Das ist heutzutage doch ganz einfach. Nur Mut: Bestimmt finden Sie einen Fehler, völlig fehlerlose Texte gibt es nicht. Das eben zum Beispiel war ein sachlich falscher Satz.

Wenn Menschen eine Meinung nicht mögen, haben sie, meiner Erfahrung nach, eine Tendenz dazu, diese Meinung für sachlich falsch zu erklären. Ich weiß, wovon ich rede, ich mache auch hin und wieder diesen Fehler. Manchmal ist es ja so – jemand jongliert mit falschen Zahlen, zitiert falsch, stellt etwas verfälschend dar. Es ist aber auch möglich, nein, es kommt sogar häufig vor, dass Personen mit ähnlicher Kompetenz und auf der Basis der gleichen Fakten zu unterschiedlichen Ansichten gelangen. Der eine gewichtet diesen Aspekt höher, die andere jenen Aspekt. Gleich intelligente Menschen mit ähnlicher Sachkenntnis können verschiedener Ansicht sein. Wenn zwei Menschen zu einer Sache verschiedene Meinungen haben, dann muss dies nicht zwangsläufig bedeuten, dass der eine Mensch ein Experte mit dem totalen Überblick ist und der andere ein Neandertaler – dieses Wort wähle ich, weil die Neandertaler ausgestorben sind und sich gegen Herabsetzungen nicht wehren können. Das Wort "Neandertaler" ist irgendwie feige, ich weiß.

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