"Unsere Regierung kontrolliert die Werkzeuge, mit denen wir ausspioniert werden." Mit einem Plakat demonstriert eine Frau in New York für den Whistleblower Edward Snowden. © REUTERS/Eric Thayer

Der amerikanische Journalist James Bamford ist wahrscheinlich einer der wenigen Menschen, die mehr über den US-Geheimdienst NSA wissen als die NSA über sie. Bamford, der in der Marine der Vereinigten Staaten diente und Jura studiert hat, hat mehrere Bücher über den Geheimdienst geschrieben. Zuletzt erschien "The Shadow Factory: The Ultra-Secret NSA from 9/11 to the Eavesdropping on America". Für Bamford ist die jüngst bekannt gewordene Operation Prisma ein weiteres Beispiel dafür, wie die NSA ihre Überwachungsprogramme ausweitet, ohne dass es je eine politische Debatte über die Konsequenzen gab. Das Interview wurde am Telefon und per E-Mail geführt.

DIE ZEIT: Mr Bamford, lassen Sie mich mit einer persönlichen Frage beginnen: Es hat mich gewundert, dass Sie ein E-Mail-Konto von AOL benutzen. Sind Sie nicht besorgt um die Sicherheit Ihrer Kommunikation im Internet?

James Bamford: Ich nutze auch Gmail. Wo liegt der Unterschied? Mit meinen Quellen rede ich nie am Telefon oder per Mail; ich treffe sie persönlich und verbringe Zeit mit ihnen. Würde ich meine E-Mails verschlüsseln, müsste mein Gesprächspartner ebenfalls eine Verschlüsselung nutzen. Da könnte ich gleich eine Fahne schwenken und rufen: Das hier ist ein wirklich wichtiges Gespräch, das sollte überwacht werden!

ZEIT: Sie berichten seit Jahren über die NSA, jetzt ist die weltweite Onlineüberwachung der Behörde zum Skandal geworden. Was genau ist da schiefgelaufen? Hat die NSA ihre Macht missbraucht? Haben die Präsidenten Bush und Obama sich übernommen? Oder hat der Kongress bei der Aufsicht versagt?

Bamford: Es ist ein Totalversagen: eine unglaubliche Ausweitung der Überwachung ohne öffentliche Debatte. Die Bürger wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Die NSA behauptet, was sie tue, diene dem öffentlichen Wohl. Doch das ist nur Gerede. In Wahrheit häuft die NSA massenhaft Informationen an, doch beim Anschlag in Boston hat das überhaupt nichts gebracht. Die Attentäter kommunizierten miteinander, einer von ihnen ist nach Tschetschenien geflogen. Wir hatten all diese Daten – aber was hat es genutzt? Die NSA hat einen riesigen Heuhaufen gebaut, so hoch, dass es unmöglich ist, die Nadel darin zu finden.

ZEIT: Was ist das für ein Geheimdienst, der zwar über wahnwitzige Technik verfügt, Anschläge aber nicht verhindern kann? Auch auf Edward Snowden sind die Agenten nicht aufmerksam geworden, den Informanten in ihren eigenen Reihen. Wie effektiv ist solch ein Geheimdienst überhaupt?

Bamford: Die NSA hat 1993 den ersten Bombenanschlag auf das World Trade Center in New York verschlafen, ebenso den Angriff auf das Kriegsschiff USS Cole im Hafen von Aden im Jahre 2000 und jetzt die Attentate in Boston. Und nicht lange vor dem 11. September hielten sich die Terroristen in Laurel auf, im Bundesstaat Maryland, ganz in der Nähe des NSA-Hauptquartiers. Sie waren praktisch zum Greifen nah. Man muss sich allerdings auch daran erinnern, dass die NSA nicht geschaffen wurde, um einzelne Menschen zu verfolgen – sie sollte die Vereinigten Staaten vor der Sowjetunion schützen. Das ist ein großer Unterschied: Das eine bedeutet Strafverfolgung, das andere nationale Sicherheit. Beides passt nicht zusammen.

ZEIT: Wie eng arbeitet die NSA mit anderen Geheimdiensten, etwa dem deutschen Bundesnachrichtendienst, zusammen?

Bamford: Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland war so eng, wie es nur sein konnte. Wegen der Nähe zur Sowjetunion hatten wir wahrscheinlich mehr Horchposten in der Bundesrepublik als irgendwo sonst. Viele wurden geschlossen, manche scheinen noch in Betrieb zu sein. Aber Deutschland ist auch ein Ziel für die NSA, zum Beispiel, weil die Terroristen des 11. September hier gelebt haben. Man kann also zur selben Zeit Verbündeter und Ziel von Überwachung sein.