Syrische Rebellenkämpfer in Aleppo (Archiv) © Guillaume Briquet/AFP/Getty Images

Es weht ein Hauch von Jimmy Carter, der sich bei seinem Amtsantritt als amerikanischer Präsident 1977 von der "übertriebenen Kommunistenfurcht" verabschiedete, den Sowjets aber nach dem Afghanistan-Einmarsch verbittert bescheinigte, ihren imperialen Reflexen treu geblieben zu sein. Auf- und Nachrüstung folgten. In Syrien macht Barack Obama nun eine ähnliche Erfahrung.

Fünf Jahre lang hatte er den Vereinigten Staaten den Rückzug aus der Weltpolitik verschrieben: Raus aus dem Irak und Afghanistan, keinesfalls rein nach Libyen und Syrien! Atomare und konventionelle Abrüstung. Freundliche Offerten an die Quälgeister Iran und Kuba. Zuletzt, in seiner programmatischen Rede vom 23. Mai, nahm er praktisch Abschied vom Drohnen- und Anti-Terror-Krieg. Obamas neue Devise war nicht regime change, sondern nation-building at home. Die letzte Supermacht war dabei, aus der Schwergewichtsklasse auszusteigen, um wie eine Mittelmacht, wie ein sehr großes Deutschland zu agieren. Sozialstaat statt Ordnungsmacht.

Plötzlich die widerwillige Verbeugung vor einer hässlichen Wirklichkeit. Jetzt wird Kriegsgerät an die syrischen Rebellen geliefert, vielleicht auch eine "begrenzte No-fly-Zone" entlang der jordanischen Grenze etabliert, um Ausbildungs- und Flüchtlingslager vor Assads Bombern zu schützen. Warum? Nicht weil Obama auf einmal "entdeckt" hätte, dass Assad mit C-Waffen hantiert. Umgekehrt: Das Giftgas muss dazu herhalten, den lange verweigerten Eingriff innenpolitisch zu legitimieren.

Zurück in die Zukunft des 19. Jahrhunderts

Tatsächlich setzt sich nach einem Jahr quälender Diskussionen im Weißen Haus eine strategische Einsicht durch. Der Bürgerkrieg ist ein Stellvertreterkrieg, den Assad mit der Hilfe aus Moskau und Teheran zu gewinnen droht. Die Russen verlegen eine Flotte ins östliche Mittelmeer und liefern modernste Flug- und Schiffsabwehrwaffen. Hisbollah, sozusagen das "Expeditionskorps" der Iraner, kämpft zu Tausenden aufseiten des Regimes. Zurück in die Zukunft des 19.Jahrhunderts, wo die Großmächte einander mit Machtgebärden die Hölle heiß machten.

Ein Assad-Regime von Teherans Gnaden, eine russische Militärpräsenz in der Levante, der gefährlichsten Region auf Erden? Diese Aussicht war selbst dem Anti-Strategen Obama zu viel. Er hat das Macht-Poker erkannt und legt nach. Eigentlich hätte er seine Chips am liebsten abgeräumt; deshalb erhöht er sehr zögerlich. Erst mal leichte Waffen. Sein Sprecher gibt der "politischen Lösung" den Vorzug. Die aber wird nicht kommen; dazu sind die Einsätze schon zu hoch. Assad wird nach 90.000 Toten nicht klein beigeben. Die erstarkenden Rebellen werden es auch nicht tun, genauso wenig wie der Iran und Russland, die zu viel investiert haben, um ihren strategischen Vorposten fallen zu lassen.

Ob ein frühes Eingreifen die beiden von der Eskalation abgeschreckt hätte? Mag sein, denn wer kann es Moskau und Teheran verdenken, ihre Chance angesichts der demonstrierten Schwäche Obamas genutzt zu haben? Wo Raubtiere jagen, kann Amerika nicht wie Ferdinand der Stier an den Blumen schnuppern. Und doch gelten alle Argumente, die gegen die Intervention sprachen, noch immer.

Wer gerade gewinnt, wird umso wütender morden und "säubern". Wer verliert, wird seine Mäzene umso tiefer in den Krieg ziehen. Mit Sturmgewehren sowie mit Schutzwesten made in Germany, die Merkel verspricht, werden die Rebellen nicht weit kommen; sie rufen seit Langem nach schwerem Gerät. Die Waffen den "Guten" zu bringen, wie es die CIA tun soll, ist ein Albtraum angesichts von etwa tausend Anti-Assad-Gruppen. Obamas Minimal-Eingriff ist wie ein bisschen schwanger werden. Das funktioniert weder in der Natur noch im Krieg.