DIE ZEIT: Herr Scholz, die ZEIT hat Sie mit einem Begriff geschmäht, den Sie sehr lange nicht loswurden. Wir nannten Sie "Scholzomat". Wie sehr haben wir Sie verletzt?

Olaf Scholz: Na ja, gefreut habe ich mich darüber jedenfalls nicht.

ZEIT: Unser Kollege, der den Begriff erfand, bekam einen Preis für die Wortschöpfung des Jahres. Wir hatten den Ruhm und Sie den Spott.

Scholz: Den hatte ich zweifellos. Aber ich habe mich nie darüber beklagt, und ich werde das auch jetzt nicht tun.

ZEIT: Der "Scholzomat" entstand 2003. Sie waren SPD-Generalsekretär und mussten die umstrittene Agenda-Politik nach außen vertreten. Die Medien warfen Ihnen vor, nur noch in Sprechformeln zu reden. Wie ein Automat, der Politik verkaufe.

Scholz: Ich empfand die Zuschreibung Ihres Kollegen damals als sehr treffend. Es war so. Dass sich die Kritik an der Agenda auch am Generalsekretär und damit an mir festmachen würde, war mir sehr früh klar. Wir hatten harte Einschnitte beschlossen, und ich habe gut verstanden, dass das heftige Reaktionen auslöste. Aber in solch einer bedrängten Situation, in der es auch ums Überleben der SPD ging, empfand ich mich wirklich als Offizier, und deswegen ging es nicht um meine eigenen Befindlichkeiten, sondern darum, absolut loyal gegenüber dem Kanzler und der SPD zu sein. Ich wollte nicht mich retten, sondern meine Partei. Und da wollte ich nicht den Ausweg wählen, den andere Politiker nehmen: in Hintergrundgesprächen eine Differenzierung von der offiziellen Linie aufscheinen lassen. Das wäre sofort als Illoyalität gedeutet worden. Ich war der Verkäufer der Botschaft. Ich musste eine gewisse Unerbittlichkeit an den Tag legen. Es gab keinen Spielraum.

ZEIT: Sie haben dafür einen Preis bezahlt.

Scholz: Ich habe dafür einen Preis bezahlt, über den ich mir aber zu jeder Zeit völlig klar war. Ich konnte nicht sicher sein, ob die ganze Sache am Ende auch für mich gut ausgehen würde. Ob ich mich von all der Kritik wieder erhole. Ich wusste, dass ich für ein, zwei, drei Jahre ein Amt hatte, das – wenn man Pech hat – jede weitere politische Laufbahn verhindert. Und da habe ich für mich entschieden, dass ich das aushalte.

ZEIT: Hat man Ihnen geraten, gegen den "Scholzomat" vorzugehen?

Scholz: Ja. Aber was hätte das gebracht? An der Grundkonstellation, aus der heraus der Begriff entstanden war, hätte sich ja nichts geändert. Das Schlimmste ist doch, sich irgendwelche Konzepte auszudenken, wie man ein anderes Image bekommen könnte. Das klappt nicht. Ich war Anwalt, und meinen Mandanten habe ich Beleidigungsklagen immer erfolgreich ausgeredet, weil ich fand, man bohrt dann nur in der eigenen Wunde herum. Als Politiker habe ich mich noch nie bei irgendeiner Redaktion wegen so was beschwert.