Olaf ScholzIch war der "Scholzomat"

Olaf Scholz, Regierungschef in Hamburg, wurde in der ZEIT einmal verspottet. Ein Gespräch über Politik und Medien von  und

DIE ZEIT: Herr Scholz, die ZEIT hat Sie mit einem Begriff geschmäht, den Sie sehr lange nicht loswurden. Wir nannten Sie "Scholzomat". Wie sehr haben wir Sie verletzt?

Olaf Scholz: Na ja, gefreut habe ich mich darüber jedenfalls nicht.

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ZEIT: Unser Kollege, der den Begriff erfand, bekam einen Preis für die Wortschöpfung des Jahres. Wir hatten den Ruhm und Sie den Spott.

Scholz: Den hatte ich zweifellos. Aber ich habe mich nie darüber beklagt, und ich werde das auch jetzt nicht tun.

ZEIT: Der "Scholzomat" entstand 2003. Sie waren SPD-Generalsekretär und mussten die umstrittene Agenda-Politik nach außen vertreten. Die Medien warfen Ihnen vor, nur noch in Sprechformeln zu reden. Wie ein Automat, der Politik verkaufe.

Scholz: Ich empfand die Zuschreibung Ihres Kollegen damals als sehr treffend. Es war so. Dass sich die Kritik an der Agenda auch am Generalsekretär und damit an mir festmachen würde, war mir sehr früh klar. Wir hatten harte Einschnitte beschlossen, und ich habe gut verstanden, dass das heftige Reaktionen auslöste. Aber in solch einer bedrängten Situation, in der es auch ums Überleben der SPD ging, empfand ich mich wirklich als Offizier, und deswegen ging es nicht um meine eigenen Befindlichkeiten, sondern darum, absolut loyal gegenüber dem Kanzler und der SPD zu sein. Ich wollte nicht mich retten, sondern meine Partei. Und da wollte ich nicht den Ausweg wählen, den andere Politiker nehmen: in Hintergrundgesprächen eine Differenzierung von der offiziellen Linie aufscheinen lassen. Das wäre sofort als Illoyalität gedeutet worden. Ich war der Verkäufer der Botschaft. Ich musste eine gewisse Unerbittlichkeit an den Tag legen. Es gab keinen Spielraum.

Olaf Scholz, SPD

1957 wird Olaf Scholz in Osnabrück geboren. Er wächst in Hamburg auf und tritt als Schüler in die SPD ein. 1994 übernimmt er den SPD-Vorsitz in Hamburg-Altona.

2000 steigt er zum Landesvorsitzenden auf.

2002 wird er SPD-Generalsekretär, kurz vor der Ankündigung der Agenda 2010.

2004 tritt er zurück, als Bundeskanzler Schröder den SPD-Parteivorsitz abgibt.

2007 wird Scholz Bundesarbeitsminister.

2011 erringt er einen überlegenen Sieg bei der Landtagswahl und wird zum Ersten Bürgermeister von Hamburg gewählt.

ZEIT: Sie haben dafür einen Preis bezahlt.

Scholz: Ich habe dafür einen Preis bezahlt, über den ich mir aber zu jeder Zeit völlig klar war. Ich konnte nicht sicher sein, ob die ganze Sache am Ende auch für mich gut ausgehen würde. Ob ich mich von all der Kritik wieder erhole. Ich wusste, dass ich für ein, zwei, drei Jahre ein Amt hatte, das – wenn man Pech hat – jede weitere politische Laufbahn verhindert. Und da habe ich für mich entschieden, dass ich das aushalte.

ZEIT: Hat man Ihnen geraten, gegen den "Scholzomat" vorzugehen?

Scholz: Ja. Aber was hätte das gebracht? An der Grundkonstellation, aus der heraus der Begriff entstanden war, hätte sich ja nichts geändert. Das Schlimmste ist doch, sich irgendwelche Konzepte auszudenken, wie man ein anderes Image bekommen könnte. Das klappt nicht. Ich war Anwalt, und meinen Mandanten habe ich Beleidigungsklagen immer erfolgreich ausgeredet, weil ich fand, man bohrt dann nur in der eigenen Wunde herum. Als Politiker habe ich mich noch nie bei irgendeiner Redaktion wegen so was beschwert.

Leserkommentare
  1. "Facebook und Twitter haben die medialen Erregungswellen noch einmal beschleunigt und in ihrer Wucht verstärkt. Das führt dazu, dass sich die Politik immer mehr hetzen lässt, obwohl sie das nicht sollte. Medien, klassische wie neue, fordern gern schnelle Entscheidungen. Die Politik braucht Ruhe – und die Medien brauchen Aufregung. Da muss man als Politiker Mut zur Ruhe beweisen."

    Was für eine eindimensionale Wahrnehmung. Facebook und Twitter sind Social Media Plattformen, die von der Politik im Wahlkampf genutzt werden.Darüberhinaus stehen sie im Fokus des Social Media Monitorings, bzw. werden direkt von Geheimdiensten wie der NSA angezapft und überwacht. Mediale Erreungswellen ? Wovon spricht Scholtz ? Die Sedativa, die deutsche Mainstreammedien in Form von Gefälligkeitsinterviews und Kampagnenjournalismus täglich verabreichen sind systemimmanent.Manufacturing Consent:die Politik braucht Ruhe! Gehen Sie wieder schlafen, es ist alles in Ordnung.

    Klarheit:

    http://www.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article1778319/Wie-gut-sind-...

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    Scholz und Opperman sind 2 VErtretter des klassischen "Soz"...
    Beliebtheit sieht anders aus.
    Kompetenz auch

  2. Auch dafür stand Herr Scholz. Und für den Mindestlohn hätte er demnach schon 2003 einstehen müssen, nämlich vor der aus meiner Sicht größten bürgerrechtlichen, zivilgesellschaftlichen und sozialpolitischen Schandtat in der Geschichte der Bundesrepublik, der Agenda 2010, die aus dem sozialen Rechtsstaat Willy Brandts einen Almosen-, Suppenküchen- und Willkürstaat machte.

    Man lese dazu die Regierungserklärung Willy Brandts vom 28. Oktober 1969, um die Ungeheuerlichkeit der Agenda 2010 zu verstehen.

    http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0021_bra&o...

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  3. Gute Ansichten. Danke für das Interview.

    via ZEIT ONLINE plus App

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    Leider kamen irgendwo im Interview die Worte Hartz IV und Agenda vor. An dem Punkt scheinen 3/4 der Kommentatoren abgeschaltet zu haben.

  4. << SCHOLZ: (...) Ich war der Verkäufer der Botschaft. Ich musste eine gewisse Unerbittlichkeit an den Tag legen. Es gab keinen Spielraum.
    ZEIT: Sie haben dafür einen Preis bezahlt.
    SCHOLZ: Ich habe dafür einen Preis bezahlt, über den ich mir aber zu jeder Zeit völlig klar war. Ich konnte nicht sicher sein, ob die ganze Sache am Ende auch für mich gut ausgehen würde. <<

    Und ich dachte schon, die gelackmeierten am unteren Ende der Gesellschaft die von den Schröder-Reformen negativ betroffen waren, hätten den Preis der Agenda bezahlt.
    Dass Scholz selbst, der eigentlich leidtragende der ganzen Geschichte war, war mir bis dato noch überhaupt nicht in den Sinn gekommen.

    << ZEIT: Wir wollen mit Ihnen über Medien reden, Herr Scholz, und darüber, was sie mit der Politik machen. Sie wurden niedergeschrieben, und Sie wurden wieder hochgeschrieben...<<

    ...und zwischendrin lag die Teilnahme an einer Diskussionsrunde mit ganz vielen global agierenden Alphamännchen aus Wirtschaft, Medien und Politik:
    http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Weltordnung/bilderberg.html
    Kann aber natürlich auch nur ein dummer Zufall sein...

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    • Gerd R
    • 29. Juni 2013 12:51 Uhr

    ich wünschte wir hätten mehr dieser unaufgeregt handelnden (und denkenden) Politiker wie Olaf Scholz und Thomas de Maizière. Bewundernswert, hoffentlich bleibt auch etwas Nachdenklichkeit bei den Journalisten zurück.

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  5. Scholz und Opperman sind 2 VErtretter des klassischen "Soz"...
    Beliebtheit sieht anders aus.
    Kompetenz auch

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    Antwort auf "Imagekampagne ?"
    • Dr.No
    • 29. Juni 2013 13:39 Uhr

    Als Linker stehe ich Olaf Scholz eher reserviert gegenüber. Aber das Interview war sehr, sehr gut. Im Gegensatz zu Peer Steinbrück ist Olaf Scholz jemand, den man respektiert, jemand, den man auch als Linker zum Kanzler wählen kann. Er könnte die Parteirechten bei der Stange halten, würde für meine Partei genug Luft nach links lassen. Unter seiner Führung wäre ROT/ROT/GRÜN eine echte Option - würde die Linke Steinbrück zum Kanzler wählen, würde ich am nächsten Tag austreten. Und als Kleinunternehmer erinnere ich mich sehr gut, als ein in schwerer Zeit ein Brief von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz im Briefkasten lag in dem das Kurzarbeiterbeld verlängert wurde. Das vergisst man nicht. Es macht die Agenda Politik nicht ungeschehen, aber Steinbrück hat in den letzten 10 Jahren keine Entscheidung getroffen, die ich gut gefunden hätte. Nicht eine
    einzige. Ich habe nie begriffen, warum die SPD nicht Olaf Scholz aufgestellt hat.

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    << Unter seiner Führung wäre ROT/ROT/GRÜN eine echte Option - würde die Linke Steinbrück zum Kanzler wählen, würde ich am nächsten Tag austreten. Und als Kleinunternehmer erinnere ich mich sehr gut, als ein in schwerer Zeit ein Brief von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz im Briefkasten lag in dem das Kurzarbeiterbeld verlängert wurde. Das vergisst man nicht. <<

    Herr Scholz hat zusammen mit seinen Schrödergenossen hunderte Milliarden € innerhalb der Gesellschaft von unten nach oben umverteilt. Eine historische Leistung.
    Einige Zeit später, nachdem die Auswirkungen dieser Umverteilerei die Finanzkrise verschärfte, und infolge der Finanzkrise durch diverse Bankenbailouts nochmal hundert Milliarden von unten nach oben umverteilt wurden, war der gute Herr Scholz dann so nett und hat Ihr Kurzarbeitergeld verlängert. Finanziert nicht mit dem Geld von Herrn Scholz selbst oder dem von Herrn Ackermann, oder Herrn Blessing oder Frau Springer. Nein. Das Geld holt der sich später bei Ihnen zurück. Bei dem Kleinunternehmer der eben nicht systemrelevant ist und der auch nicht die Handynummer der Kanzlerin hat.
    Und dafür sind Sie Herrn Scholz dankbar und empfehlen ihn zum künftigen Kanzler?
    Das war ja einfach...

    Naja, vielleicht klappts ja 2017; bis dahin ist auch die Linke so reformistisch weichgespühlt und marktkonform, dass Rot-Rot-Grün ein würdiger Regierungsnachfolger von Rot-Grün von 1998 sein wird und den verbliebenen Sozialstaat im Namen des Sachzwangs noch einstampfen können.

  6. Leider kamen irgendwo im Interview die Worte Hartz IV und Agenda vor. An dem Punkt scheinen 3/4 der Kommentatoren abgeschaltet zu haben.

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    Antwort auf "sympathischer Mann"

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