Der neue Bayern-Trainer Josep Guardiola © David Ramos/Getty Images

In einer teuren Wohnung am Rand von Barcelona steht eine blonde, vollbusige Schaufensterpuppe. Professor Xavier Sala i Martín, 51, klopft ihr auf die Schulter. "Die habe ich aus einem Kasino in Las Vegas entführt", sagt er. Jetzt steht sie in seinem Arbeitszimmer. Sala i Martín nähert sich den Dingen gern unkonventionell, egal ob es um die Büroeinrichtung geht oder darum, das Phänomen Pep Guardiola zu erklären.

Fußball ist der beliebteste Sport der Welt. Guardiola gilt als der beste Trainer der Welt. Zwei Superlative auf einmal. Sala i Martín war Schatzmeister des FC Barcelona, als Guardiola dort Trainer war, seitdem sind sie befreundet. Er könnte jetzt in Fußballwörtern reden, von Laufwegen, Passquoten und Zweikampfwerten. Aber Sala i Martín ist Wirtschaftswissenschaftler, einer der renommiertesten der Welt. Er hat Theorien entwickelt über die Macht der Globalisierung und über die Armut in Afrika. Er hat auch eine Theorie, die den Erfolg Guardiolas begreiflich macht. Die Hosentheorie.

Pep Guardiola, 42, ist der neue Trainer des FC Bayern München, jener Mannschaft, die gerade alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, und von der nun alle sagen, Guardiola müsse sie lediglich weiterhin so spielen lassen wie bisher. Guardiolas Kumpel Sala i Martín meint das nicht. Er sagt, man solle sich den Verlauf einer Straße vorstellen, einer Fußgängerzone.

Rechts steht die Filiale des Textilunternehmens H&M. Links die des Textilunternehmens Zara. Die beiden gleichen sich, oberflächlich betrachtet: Sie bieten modische Kleidung zu niedrigen Preisen. In Wahrheit ist ihre Strategie sehr unterschiedlich: H&M produziert so günstig wie möglich, in Billiglohnländern, weit entfernt, eine halbe Million gelbe Hosen auf einen Schlag. Zara dagegen produziert in kleinen Mengen, nur 20.000 gelbe Hosen, in Fabriken nahe an den Filialen.

Die Herstellung bei Zara ist also teurer, aber dafür kann Zara in seinen Geschäften jede Woche die Kollektion wechseln. "Wenn Madonna in einem Konzert eine lilafarbene Hose trägt, hängen nächste Woche lilafarbene Hosen in Zaras Läden", sagt Sala i Martín. "Bei H&M sind die Hosen weiterhin gelb." Der durchschnittliche Kunde besuche deshalb einen H&M-Laden in einer Saison nur dreimal, eine Zara-Filiale aber 17-mal. Aus Sorge, eine Hose zu verpassen, die nächste Woche nicht mehr da sein wird.

Der Professor macht eine feierliche Pause, in der seine Sätze ihre Bedeutung entfalten: H&M ist wie der Fußball ehemals großer Clubs – erfolgreich, wuchtig, aber unbeweglich. Pep Guardiola dagegen, sagt Sala i Martín, sei wie Zara. "Jedes Spiel wieder überrascht er den Gegner mit kleinen Änderungen in der Taktik. Aus der Sicht des Ökonomen: Das ist die Einführung der Flexibilität. Pep ist die ständige Innovation!"

Kommende Woche wird Guardiola in München zum ersten Mal das Training leiten. Fernsehen, Radio und Zeitungen werden berichten, als handle es sich um ein Ereignis von nationaler Bedeutung, womöglich wird sogar die Tagesschau einen Beitrag bringen. In den Buchhandlungen, wo Fußballbücher noch vor wenigen Jahren eine Rarität waren, liegen jetzt fünf verschiedene Bücher über Guardiola. Eines hat es schon auf die Bestsellerlisten geschafft.

Der Fußballsport hat im frühen 21. Jahrhundert die übersteigerte gesellschaftliche Bedeutung erreicht, die schon oft irgendeiner Unterhaltungsbranche zufiel. Gladiatoren waren die Stars im alten Rom, die Helden des 16. Jahrhunderts hießen Tizian und Tintoretto und malten in Öl, in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Rockmusikern nachgesagt, ihre Melodien könnten Liebe schaffen und Kriege verhindern.

Heute sind Fußball-Fanmeilen das, was früher Musikfestivals waren. Heute besuchen 1,6 Millionen Menschen im Jahr das Museum des FC Barcelona, deutlich mehr als jedes andere Museum in Katalonien, ob Picasso-Museum, Dalí-Museum oder Miró-Museum. 21 Millionen Deutsche sahen das Champions-League-Finale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund, und man fragt sich, wo die 60 Millionen sind, die das Spiel angeblich nicht gesehen haben. Man trifft nie einen von ihnen.

Nichts ist bedauerlich an der gewachsenen Bedeutung des Fußballs. Allenfalls ist sie ein wenig befremdlich. Haben wir doch als Masse womöglich nicht selbstständig über unser neues Interesse entschieden, sondern bloß das angenommen, was andere uns vorsetzten: Das Privatfernsehen blies Fußball mit kommerzieller Kraft zum Ereignis für die ganze Gesellschaft auf, zur Traumwelt nach Feierabend. Fußball sei sein "Rammbock", um in die Wohnzimmer zu gelangen, sagte der Medienmogul Rupert Murdoch schon vor Jahren. Jetzt hat er die Tür von Leuten durchbrochen, die sich nicht für Fußball interessieren, nun aber trotzdem Fußball schauen, als menschliches Drama des Triumphierens und Leidens.

In diesem Spiel ist Pep Guardiola der Traumerfüller. Mit dem FC Barcelona, den er von 2008 bis 2012 trainierte, ließ er eine besonders fernsehtaugliche Fantasie lebendig werden: Schönheit kann siegen! Viel zu oft hatten Mannschaften mit hässlichem, destruktivem Fußball die Pokale gestohlen. Es gab Jahrzehnte, in denen die Spieler und Trainer so dumpf waren, dass es schwerfiel, sie zu mögen. Es gab Jahre, da war dieser Sport oft so langweilig, dass nur Fans der beteiligten Teams das Spiel ertrugen.

Guardiola hat das geändert: Sein Barça passte den Ball so präzise wie keine Mannschaft zuvor. Der Gegner kam nicht heran, und eine Melodie entstand, jeder Pass ein Ton. El toque tauften sie in Spanien das Perpetuum mobile der Pässe: die Berührung des Balles. In Schönheit gewann Guardiola 14 Titel in vier Jahren, zweimal die Champions League. Die beste Elf, die wir je sahen, raunten die Zuschauer.

Der Professor Sala i Martín trägt gerne pinkfarbene oder bienengelbe, stets knallige Sakkos. Ein Ökonom, findet er, sollte erprobte Wirtschaftstheorien auch an sich selbst anwenden. Mit den Jacketts will er seinen unique selling point, sein Alleinstellungsmerkmal, schärfen. Der unique selling point seines Freundes Pep Guardiola ist die Selbstverknappung in einer nach Aufmerksamkeit dürstenden Branche. Guardiola macht sich rar. Fototermine genehmigt er nur in Ausnahmefällen. Er gibt Pressekonferenzen, aber seit fünf Jahren keine Interviews, auch für die ZEIT ist er nicht zu sprechen.

Als Guardiola vor anderthalb Jahren trotz aller Siege müde war, als seine Gedanken selbst im Schlaf um den Fußball kreisten, rief er Sala i Martín an. Er denke daran, ein Jahr Pause vom Fußball zu machen, sagte Guardiola, er wolle "in der absoluten Isolation" verschwinden.

Sala i Martín entgegnete, es gebe für einen wie Guardiola nur zwei Fluchtpunkte auf der Erde: Amerika und Australien. Der Rest der Welt ist vom Fußball erobert. Überall würden die Menschen Guardiola hundertmal am Tag bedrängen, ihren jeweiligen Lieblingsclub zu trainieren.

Sala i Martín lehrt an der Columbia-Universität in New York. Er erzählte Guardiola und dessen Frau vom Leben in Amerika. Zwei Wochen später, erinnert sich der Professor, sagte Guardiola zu ihm: "Wir ziehen für ein Jahr nach New York." Und fügte hinzu: "Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dann deine Vorlesungen besuche?"