Der neue Bayern-Trainer Josep Guardiola © David Ramos/Getty Images

In einer teuren Wohnung am Rand von Barcelona steht eine blonde, vollbusige Schaufensterpuppe. Professor Xavier Sala i Martín, 51, klopft ihr auf die Schulter. "Die habe ich aus einem Kasino in Las Vegas entführt", sagt er. Jetzt steht sie in seinem Arbeitszimmer. Sala i Martín nähert sich den Dingen gern unkonventionell, egal ob es um die Büroeinrichtung geht oder darum, das Phänomen Pep Guardiola zu erklären.

Fußball ist der beliebteste Sport der Welt. Guardiola gilt als der beste Trainer der Welt. Zwei Superlative auf einmal. Sala i Martín war Schatzmeister des FC Barcelona, als Guardiola dort Trainer war, seitdem sind sie befreundet. Er könnte jetzt in Fußballwörtern reden, von Laufwegen, Passquoten und Zweikampfwerten. Aber Sala i Martín ist Wirtschaftswissenschaftler, einer der renommiertesten der Welt. Er hat Theorien entwickelt über die Macht der Globalisierung und über die Armut in Afrika. Er hat auch eine Theorie, die den Erfolg Guardiolas begreiflich macht. Die Hosentheorie.

Pep Guardiola, 42, ist der neue Trainer des FC Bayern München, jener Mannschaft, die gerade alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, und von der nun alle sagen, Guardiola müsse sie lediglich weiterhin so spielen lassen wie bisher. Guardiolas Kumpel Sala i Martín meint das nicht. Er sagt, man solle sich den Verlauf einer Straße vorstellen, einer Fußgängerzone.

Rechts steht die Filiale des Textilunternehmens H&M. Links die des Textilunternehmens Zara. Die beiden gleichen sich, oberflächlich betrachtet: Sie bieten modische Kleidung zu niedrigen Preisen. In Wahrheit ist ihre Strategie sehr unterschiedlich: H&M produziert so günstig wie möglich, in Billiglohnländern, weit entfernt, eine halbe Million gelbe Hosen auf einen Schlag. Zara dagegen produziert in kleinen Mengen, nur 20.000 gelbe Hosen, in Fabriken nahe an den Filialen.

Die Herstellung bei Zara ist also teurer, aber dafür kann Zara in seinen Geschäften jede Woche die Kollektion wechseln. "Wenn Madonna in einem Konzert eine lilafarbene Hose trägt, hängen nächste Woche lilafarbene Hosen in Zaras Läden", sagt Sala i Martín. "Bei H&M sind die Hosen weiterhin gelb." Der durchschnittliche Kunde besuche deshalb einen H&M-Laden in einer Saison nur dreimal, eine Zara-Filiale aber 17-mal. Aus Sorge, eine Hose zu verpassen, die nächste Woche nicht mehr da sein wird.

Der Professor macht eine feierliche Pause, in der seine Sätze ihre Bedeutung entfalten: H&M ist wie der Fußball ehemals großer Clubs – erfolgreich, wuchtig, aber unbeweglich. Pep Guardiola dagegen, sagt Sala i Martín, sei wie Zara. "Jedes Spiel wieder überrascht er den Gegner mit kleinen Änderungen in der Taktik. Aus der Sicht des Ökonomen: Das ist die Einführung der Flexibilität. Pep ist die ständige Innovation!"

Kommende Woche wird Guardiola in München zum ersten Mal das Training leiten. Fernsehen, Radio und Zeitungen werden berichten, als handle es sich um ein Ereignis von nationaler Bedeutung, womöglich wird sogar die Tagesschau einen Beitrag bringen. In den Buchhandlungen, wo Fußballbücher noch vor wenigen Jahren eine Rarität waren, liegen jetzt fünf verschiedene Bücher über Guardiola. Eines hat es schon auf die Bestsellerlisten geschafft.

Der Fußballsport hat im frühen 21. Jahrhundert die übersteigerte gesellschaftliche Bedeutung erreicht, die schon oft irgendeiner Unterhaltungsbranche zufiel. Gladiatoren waren die Stars im alten Rom, die Helden des 16. Jahrhunderts hießen Tizian und Tintoretto und malten in Öl, in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Rockmusikern nachgesagt, ihre Melodien könnten Liebe schaffen und Kriege verhindern.

Heute sind Fußball-Fanmeilen das, was früher Musikfestivals waren. Heute besuchen 1,6 Millionen Menschen im Jahr das Museum des FC Barcelona, deutlich mehr als jedes andere Museum in Katalonien, ob Picasso-Museum, Dalí-Museum oder Miró-Museum. 21 Millionen Deutsche sahen das Champions-League-Finale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund, und man fragt sich, wo die 60 Millionen sind, die das Spiel angeblich nicht gesehen haben. Man trifft nie einen von ihnen.

Nichts ist bedauerlich an der gewachsenen Bedeutung des Fußballs. Allenfalls ist sie ein wenig befremdlich. Haben wir doch als Masse womöglich nicht selbstständig über unser neues Interesse entschieden, sondern bloß das angenommen, was andere uns vorsetzten: Das Privatfernsehen blies Fußball mit kommerzieller Kraft zum Ereignis für die ganze Gesellschaft auf, zur Traumwelt nach Feierabend. Fußball sei sein "Rammbock", um in die Wohnzimmer zu gelangen, sagte der Medienmogul Rupert Murdoch schon vor Jahren. Jetzt hat er die Tür von Leuten durchbrochen, die sich nicht für Fußball interessieren, nun aber trotzdem Fußball schauen, als menschliches Drama des Triumphierens und Leidens.

In diesem Spiel ist Pep Guardiola der Traumerfüller. Mit dem FC Barcelona, den er von 2008 bis 2012 trainierte, ließ er eine besonders fernsehtaugliche Fantasie lebendig werden: Schönheit kann siegen! Viel zu oft hatten Mannschaften mit hässlichem, destruktivem Fußball die Pokale gestohlen. Es gab Jahrzehnte, in denen die Spieler und Trainer so dumpf waren, dass es schwerfiel, sie zu mögen. Es gab Jahre, da war dieser Sport oft so langweilig, dass nur Fans der beteiligten Teams das Spiel ertrugen.

Guardiola hat das geändert: Sein Barça passte den Ball so präzise wie keine Mannschaft zuvor. Der Gegner kam nicht heran, und eine Melodie entstand, jeder Pass ein Ton. El toque tauften sie in Spanien das Perpetuum mobile der Pässe: die Berührung des Balles. In Schönheit gewann Guardiola 14 Titel in vier Jahren, zweimal die Champions League. Die beste Elf, die wir je sahen, raunten die Zuschauer.

Der Professor Sala i Martín trägt gerne pinkfarbene oder bienengelbe, stets knallige Sakkos. Ein Ökonom, findet er, sollte erprobte Wirtschaftstheorien auch an sich selbst anwenden. Mit den Jacketts will er seinen unique selling point, sein Alleinstellungsmerkmal, schärfen. Der unique selling point seines Freundes Pep Guardiola ist die Selbstverknappung in einer nach Aufmerksamkeit dürstenden Branche. Guardiola macht sich rar. Fototermine genehmigt er nur in Ausnahmefällen. Er gibt Pressekonferenzen, aber seit fünf Jahren keine Interviews, auch für die ZEIT ist er nicht zu sprechen.

Als Guardiola vor anderthalb Jahren trotz aller Siege müde war, als seine Gedanken selbst im Schlaf um den Fußball kreisten, rief er Sala i Martín an. Er denke daran, ein Jahr Pause vom Fußball zu machen, sagte Guardiola, er wolle "in der absoluten Isolation" verschwinden.

Sala i Martín entgegnete, es gebe für einen wie Guardiola nur zwei Fluchtpunkte auf der Erde: Amerika und Australien. Der Rest der Welt ist vom Fußball erobert. Überall würden die Menschen Guardiola hundertmal am Tag bedrängen, ihren jeweiligen Lieblingsclub zu trainieren.

Sala i Martín lehrt an der Columbia-Universität in New York. Er erzählte Guardiola und dessen Frau vom Leben in Amerika. Zwei Wochen später, erinnert sich der Professor, sagte Guardiola zu ihm: "Wir ziehen für ein Jahr nach New York." Und fügte hinzu: "Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dann deine Vorlesungen besuche?"

Aus katalanischer Sicht gab es keine logischere Wahl als Bayern München

Der beste Trainer der Welt nimmt ein Sabbatical, er wird Gaststudent und fährt mit dem Fahrrad zur Uni: Der Fußball hat auch das Männerbild verändert, tiefgreifender als die Mode, das Kino oder die Literatur. Männer wurden weicher, sanfter, seit Spieler wie David Beckham ihren Namen an Parfumlinien verleihen. Der fast kahl rasierte Guardiola, der mit Anfang 40 markanter und attraktiver als mit 25 aussieht, erscheint da noch als Steigerung. Schön, mit Hirn.

Was aber ist Wunschbild, was Wirklichkeit? Einmal brachte Sala i Martín seinen Freund Guardiola zu Hause in Barcelona mit dem Koch Ferran Adrià zu einem Abendessen zusammen. Sie mussten doch zueinanderpassen, katalanische Innovatoren unter sich. Adrià gilt als Erfinder der sogenannten Molekularküche, er hat Gerichte wie Spargelschaum oder Seeanemonen mit Kaninchenhirn kreiert. "Du musst ein Buch über deine Arbeitsweise schreiben, viele Leute könnten von dir lernen", sagte Adrià zu Guardiola. "Nimm mich nicht auf den Arm!", entgegnete der. "Alles, was ich mache, ist, ein Video vom Gegner anzuschauen und dann die Taktik meines Teams auf dessen Schwachpunkt auszurichten." Nach seinem eigenen Verständnis ist Guardiola kein Erfinder, kein Innovator. Er ist nur unstillbar neugierig auf Fußball.

Mit 13 kam er in Barças Fußballinternat, der Sohn eines Maurers aus dem katalanischen Hinterland, die Eltern wollten ihn nicht gehen lassen, so weit weg von zu Hause, über 50 Kilometer. Er wurde ein schlaksiger Weltklassespieler. Wenn er einen Volleyballtrainer im Fernsehen sah, der gut darin war, Taktik zu erklären, bat er ihn um ein Treffen.

Fußballspieler taten damals so etwas nicht. Fußballspieler taten, was ihnen der Trainer sagte und der Instinkt ihnen riet. Wenige verschwendeten einen Gedanken an das große Ganze des Spiels.

Als Pep Guardiola 2006 mit 35 Jahren seine Spielerkarriere beendete, fuhr er mit einem Freund nach Argentinien in den Urlaub. Guardiola wollte César Luis Menotti und Marcelo Bielsa besuchen, zwei Trainer, die er bewunderte. Er wollte von ihnen lernen, bevor er selbst Trainer wurde.

Er hatte aber noch ein weiteres Treffen in Buenos Aires vereinbart. Mit seinem Reisegefährten, dem Filmregisseur David Trueba, saß er beim Frühstück im Hotel und sagte: "Übrigens, gleich kommt so ein Kerl, der mir immer lange E-Mails schreibt. Ich kenne ihn nicht. Falls er nervt, geben wir uns ein Zeichen und sagen, wir müssten los."

Es erschien ein schüchterner Student mit langen Haaren, 22 Jahre alt. Matías Manna hatte eine Website namens Paradigma Guardiola gegründet, auf der er seine Begeisterung über el toque, Barças und Guardiolas Spielweise, kundtat. Eine seiner E-Mails begann mit der Frage: "Lieber Guardiola, ist es so weit?" Er flehte ihn an, schleunigst Trainer zu werden, um das schöne Spiel zu retten.

Guardiola merkte, dass Manna kein schmachtender Fan war, sondern einer, der Fußball analysieren konnte. Deshalb traf er sich mit dem Amateurspieler aus einem kleinen argentinischen Dorf, so wie er sich mit seinen Idolen Menotti und Bielsa traf.

Manna und Guardiola unterhielten sich ein ausgiebiges Frühstück lang. Guardiola befragte den Studenten über den argentinischen Fußball, über das Land, die politische Lage. Als Geschenk hatte Manna ein Buch mitgebracht, Lo suficientemente loco ("Genügend verrückt"), die Biografie des Trainers Marcelo Bielsa. Manna sah, wie Guardiola das Buch schon auf dem Weg zum Aufzug zu lesen begann.

Anderthalb Jahre später, als Guardiola seine erste Pressekonferenz als Trainer des FC Barcelona gab, fiel dem Reporter Luis Martín von der Zeitung El País etwas auf: Guardiolas Sätze ähnelten frappierend den Überzeugungen, die Bielsa in seiner Biografie äußerte. Später sprach der Reporter Guardiola darauf an. "Ja, was glaubst denn du?", antwortete Guardiola. "Dass ich schon bei Geburt wusste, wie man lehrt?"

Es ist für Guardiola selbstverständlich, sich Dinge abzuschauen, zu kopieren, alles aufzusaugen. Seine Kunst ist es, aus alldem ein eigenes Konzept zu basteln, das auf dem Spielfeld alle anderen übertrifft.

Der Regisseur David Trueba möchte heute nicht mehr öffentlich über Guardiola reden. Er wolle nicht nur als "der beste Freund Peps" existieren, schreibt er in einer E-Mail. Tatsächlich wird über Truebas Filme heute weniger berichtet als darüber, dass er Guardiola gut kennt. Trueba hat einen Roman veröffentlicht, Die Kunst des Verlierens. Das Buch wurde mit dem prestigeträchtigen Premio de la Crítica ausgezeichnet. Aber bekannt wurde es als das Buch, das Pep Guardiola dem besten Fußballer der Welt schenkte: Lionel Messi.

Schriftsteller waren vor vielen Jahren auch einmal Unterhaltungsstars. Heute finden sie in Deutschland leichter Aufmerksamkeit, wenn sie in einer Autoren-Nationalelf Fußball spielen, als wenn sie Romane schreiben.

Journalisten, die glauben, Personen mit einem Schlagwort einfangen zu müssen, haben Pep Guardiola zum Intellektuellen, zum Philosophen hochgejazzt, weil er Gedichte liest. In seinem Büro beim FC Barcelona stapelten sich die Bücher. Verlage und Autoren hatten sie ihm zugeschickt, in der Hoffnung, er möge das Werk nur ein einziges Mal öffentlich erwähnen. Guardiola hat einmal gesagt, er komme sich bei dem Anblick der Bücher wie ein Hochstapler vor: "Für wen halten mich die Leute?"

Seine Überhöhung zum Popstar produziert hübsche Absurditäten. Weil alles über Guardiola interessiert, sitzt Matías Manna, der schüchterne Amateurfußballer vom Dorf, der Guardiola E-Mails schrieb, jetzt in argentinischen Fernsehstudios, als Taktikanalyst. Unter seinem Gesicht steht: Der Mann, der Guardiola am besten kennt. Profitrainer beauftragen Manna, Gegner zu analysieren, seit sie seine Videoanalysen über Guardiolas Barça auf der Website Paradigma Guardiola entdeckten. Im Moment stellt er für El Salvadors Junioren-Nationalelf Dossiers über deren WM-Gegner zusammen.

Als Pep Guardiola diesen Frühling nach sieben Jahren erneut nach Buenos Aires reiste, besuchte ihn Matías Manna wieder im Hotel. Diesmal sprach er nur eine Minute mit Guardiola. Er musste ihn mit Hunderten Fans teilen.

Die Deutschen wollten es erst nicht glauben, dass dieser umschwärmte Trainer zu ihnen kommt. Zwar gibt es derzeit kein besseres Team als Bayern München. Aber bis der Verein in diesem Frühling die Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Champions League gewann, hatten sich die Deutschen in einem langen Jahrzehnt ohne internationale Siege daran gewöhnt, zum spanischen und englischen Fußball aufzuschauen.

Aus katalanischer Sicht jedoch gab es für Guardiola keine logischere Wahl als Bayern München.

"Bayern ist ein Club mit einer ernsthaften Struktur, der von ernsthaften Leuten ernsthaft geführt wird", sagt Joan Laporta und verwendet das Wort "ernsthaft" noch fünf weitere Male in seiner Lobpreisung des FC Bayern.

Laporta, 50, war zwischen 2003 und 2010 Präsident des FC Barcelona. Er war es, der den unerfahrenen Guardiola zum Trainer machte. Er war "der katalanische J. F. Kennedy", ein Mann mit angeborenem Charme. Seitdem hat er einige Kilo zugelegt, aus seiner glorreichen Amtszeit bei Barça kommen unappetitliche Details ans Tageslicht: Sein Präsidium ließ die eigenen Spieler von Privatdetektiven ausspionieren.

Laporta arbeitet jetzt wieder als Anwalt, als Landtagsabgeordneter tritt er für die Unabhängigkeit Kataloniens ein. Er versucht, aus seiner Popularität aus Barça-Zeiten Kapital zu schlagen.

Gerade ist ein Russe im Hawaiihemd in seiner Kanzlei zu Gast, das Interview verschiebt sich um anderthalb Stunden. Die Russen gehen derzeit vor in Spanien. Sie sind die Letzten, deren Geld noch locker sitzt. Laportas Pressesprecher entschuldigt sich für die Verzögerung, "wir versuchen, pünktlich zu sein", sagt er, das müsse doch das Schlimmste für einen Deutschen sein: Unpünktlichkeit. Mit diesem Deutschlandbild ist Pep Guardiola in Katalonien groß geworden.

Als der Russe weg ist, sagt Laporta: "Die Deutschen sind für uns Katalanen ein Maßstab." Leute, die früh aufstehen, um zu arbeiten: So sehen sich die Katalanen selbst gerne, natürlich geht es dabei auch um die Abgrenzung von Spanien.

Sogar die Presse in Spanien fand ihn unabdingbar großartig

In ihrer Suche nach Eigenständigkeit bilden sich viele Katalanen eine Verwandtschaft mit den Bayern ein. "Die Bayern bewundern wir vielleicht noch ein bisschen mehr als die Deutschen", sagt Laporta. Auch sie pochten auf ihre eigene Identität. Mit ihren krachenden Bierkrügen seien sie geradezu "Latino-Deutsche".

Die Überhöhung des Fußballs: In Guardiolas Heimatverein steht sie nicht am Ende eines langen Prozesses von Professionalisierung und Kommerzialisierung, sondern am Anfang. "Authentizität" hat beim FC Barcelona einen wahren Ursprung. Guardiola wuchs mit der Gewissheit auf, dass sein Verein més que un club ist, mehr als ein Club. Die gelben, roten und blauen Sitzschalen im Stadion Camp Nou sind bis heute so angeordnet, dass sich ihr Farbenpuzzle zu diesem Motto fügt.

Barça war während der Franco-Diktatur ein Hort des katalanischen Widerstands. Im Stadion, in der Masse der hunderttausend, konnte das verbotene Katalanisch gesprochen und Real Madrid als vermeintlicher Vertreter der Staatsgewalt beschimpft und besiegt werden. Barça sei "die katalanische Armee ohne Waffen", schrieb der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán. Den Anspruch, durch viele katalanische Spieler im Team oder auch durch eine besondere Spielweise das Anderssein Kataloniens herauszustellen, erhält Barça bis heute aufrecht.

Auch im streng choreografierten Spiel des 21. Jahrhunderts suchen Millionen Fans solch eine sinnstiftende Identifikation mit ihren Vereinen. Während in Barcelona die gesellschaftliche Bedeutung des Clubs eine echte Basis hat, bemühen sich andernorts Werbeleute, die von "Markenbildung" oder "Branding" reden, eine urige Identität zu schaffen.

Bei Borussia Dortmund wird an Treue, Liebe, Leidenschaft und die angeblichen Werte des Ruhrpotts appelliert. Beim FC Bayern München wird Guardiola sein erstes Testspiel zwangsweise im Bayerischen Wald bestreiten müssen. Das globale Unternehmen FC Bayern will noch immer "mia san mia" sein.

Es gibt einen Unterschied zwischen Barça und Bayern: In Barcelona wusste der Trainer den Präsidenten nicht über, sondern neben sich. Laporta, der ein passabler Amateurkicker war, sah sich einmal mit Guardiola ein Fußballspiel an, "der Ball war im gegnerischen Strafraum", erzählt er, "aber Pep beschwerte sich über den Laufweg des rechten Außenverteidigers irgendwo weit hinten in der eigenen Hälfte. 'Hey, Pep!", dachte ich, 'du verpasst das Spiel!'" Schnell begriff der Präsident, "dass wir Halbexperten niemals so viel von Fußball verstehen werden wie die Profis, wie Pep".

Laporta ließ Guardiola bei allen sportlichen Entscheidungen die Richtung vorgeben. Es wurden die Spieler verpflichtet oder weggeschickt, die der Trainer haben oder loswerden wollte.

In München herrscht ein Präsident, dem wohl selten der Gedanke kam, ein Trainer verstehe mehr vom Fußball als er. Uli Hoeneß war ein Weltklassespieler. Neulich plauderte er auf einer Podiumsveranstaltung aus, Guardiola habe sich für Bayern den brasilianischen Stürmer Neymar gewünscht – aber das habe er ihm ausgeredet.

Mit dieser Anekdote wollte Hoeneß nur einen Saal voller Computerfachleute glücklich machen: die Gesichter von Männern glühen lassen, weil sie Interna aus dem Reich des FC Bayern erfahren. In Barcelona aber fragen sich Guardiolas Freunde irritiert: Warum erzählt dieser Präsident so etwas? Will er Pep zeigen, wer der Chef ist? Will er ihn demütigen?

In Spanien durfte Guardiola davon ausgehen, dass sogar die Presse ihn unabdingbar großartig fand. "Im Laufe seiner Karriere hat er eine Gruppe von devoten Bewunderern unter den Journalisten gefunden. Die haben die anderen mitgerissen und ein günstiges Klima für ihn geschaffen", sagt Santi Nolla mit der trockenen Sachlichkeit eines Mannes, der seit 40 Jahren über Fußball schreibt. Die Aufregung um das Spiel regt ihn nicht mehr auf. Nolla ist 55, hoch aufgeschossen, seit 22 Jahren Chefredakteur der Sportzeitung Mundo Deportivo. In der Mitte der Redaktion stehen drei Automaten für Zuckerdrinks und Schokoriegel, die schlechte Ernährung gehört zum hektischen Beruf.

363-mal im Jahr – von zwei Feiertagen abgesehen jeden Tag – widmet Mundo Deportivo die ersten 15 bis 20 Seiten Barça. An einem normalen Tag verkauft die Zeitung knapp 100.000 Exemplare, wenn Barça siegt, bis zu 300.000. "Auch wenn viele Journalisten es nicht glauben wollen: Gute Nachrichten verkaufen sich besser als schlechte", sagt Nolla. Er würde wetten, dass seit sechs Jahren jeden Tag der Name Guardiola in seinem Blatt auftaucht.

Dabei hat Guardiola ihnen die Arbeit schwer gemacht. Er hat als erster Barça-Trainer in 100 Jahren die Journalisten vom Training ausgeschlossen. "Keiner hat dagegen rebelliert", sagt Nolla. "Er hat verstanden, es nicht als Kriegserklärung an die Presse darzustellen."

Guardiola besuchte die Redaktionen und erklärte seine Maßnahmen: Er fordere nur Ruhe für sich und seine Mannschaft. Er wusste, wenn er einer Zeitung ein Interview gab, waren sieben andere Redaktionen wütend auf ihn. Als Ersatz bot er an, auf jeder Pressekonferenz jede Frage zu beantworten. Seine Pressekonferenzen dauerten bis zu anderthalb Stunden.

Selbst die Nachrichten, dass im Jahr 2001 bei einem Dopingtest zu hohe Spuren von Nandrolon im Urin des Spielers Guardiola gefunden wurden und dass sein Bruder Pere als Fußballagent etliche Spieler des Trainers Guardiola beriet, wurden in Katalonien nie gegen ihn verwandt. Die Leute glauben, ihn besser zu kennen: Pep Guardiola, der Liebe zum Leben und zu seinen Mitmenschen ausstrahlt, der die Dinge gut machen will.

Nun wird er zum ersten Mal nicht als nationale Ikone arbeiten, sondern als Trainer in einem anderen Land.

"Das größte Problem wird die Sprache", sagt Thomas Christiansen. Als 18-Jähriger spielte er mit Guardiola in Barças Reserveteam. Er hat ihn als schüchternen jungen Mann in Erinnerung, dann trennten und kreuzten sich ihre Wege immer wieder: Christiansen – der Vater Däne, die Mutter Spanierin – zog durch die Welt, zehn Vereine, vier Länder in 14 Jahren. Beim VfL Bochum wurde er 2003 Torschützenkönig der Bundesliga. In den Sommerferien trafen Guardiola und er sich oft wieder, als Nachbarn in Llavaneres, gut 30 Kilometer außerhalb von Barcelona am Meer, wo die Mittelschicht und jene, die bescheiden bleiben wollen, ihre Sommerhäuser besitzen.

Als Guardiola im Winter bei Bayern unterschrieb, wählte Christiansen die Nummer von dessen Bruder Pere und bot sich als Bundesliga-Kulturführer an. Guardiola selbst anrufen wollte er nicht. Es kam ihm zu anbiedernd vor.

"Pep versteht es, das Spiel jeden Samstag wieder zu erneuern"

"Einer wie ich hätte ihm als Vermittler gut dienen können", sagt Christiansen, frei von jeder Bitterkeit, beim Morgenkaffee, nachdem er seine Kinder Hugo und Alejandra in die Amerikanische Schule von Barcelona gebracht hat. Sein Leben ist immer noch international, Spanisch spricht er mit dänischem Akzent.

Wie wird Guardiola den Spielern seine Empathie, eine seiner großen Stärken, vermitteln können, fragt sich Christiansen laut. In Barcelona gab es am Anfang Missverständnisse mit ausländischen Spielern. Guardiola packte den französischen Verteidiger Éric Abidal am Arm, um einen Spielzug, eine Bewegung nur, zu korrigieren. Die Katalanen im Team grinsten: Pep in seinem Element. Doch Abidal fauchte: Fass mich nicht so an!

Wer erklärt Guardiola in München, dass der Physiotherapeut ihm nicht feindselig gesinnt ist, sondern Bayern gerne so schroff reden? Wer sagt ihm, dass Sportdirektor Matthias Sammer kein Zuarbeiter ist, sondern er ihn als Machtfigur neben sich auf der Trainerbank ertragen muss? "Bei Barça", sagt Christiansen, "gab es einen Zeitpunkt, da war Pep größer als der Club, das wird bei Bayern anders."

Trotzdem hat es Christiansen nicht überrascht, dass Guardiola nicht zurückrief. Er kennt ihn ja. Guardiola will in München keinen Kulturassistenten an der Seite. Er will es, wie alles, alleine schaffen: Deutsch lernen, mit den Spielern reden, zurechtkommen.

Es gab bereits einen fabelhaften ausländischen Trainer bei Bayern München, der an all den kleinen kulturellen Missverständnissen scheiterte: den Italiener Giovanni Trapattoni. Am Ende saß er mit seiner Frau in einer schicken Wohnung nahe der Oper und fragte sich, warum er und die Deutschen sich nicht verstanden. Das war 1995. Dass Spieler den Trainer nicht respektieren, weil sie seine Übungen nicht kennen und er die Verben durcheinanderwirft, ist heute kaum noch denkbar. Aber auch diese Gewissheit wird durch Pep Guardiola auf die Probe gestellt: Ist der deutsche Fußball, ist das Land heute tatsächlich so weltoffen, wie es scheint?

In seiner Wohnung in Barcelona springt Xavier Sala i Martín von seinem Stuhl auf. Er sei gleich wieder da, sagt er.

Mit einer billigen weißen Pappmappe kehrt Sala i Martín zurück. Er möchte sein neuestes Forschungsmaterial vorzeigen. "Unterrichtsstunde Pep Guardiola" steht in krakeliger Handschrift auf der Mappe. Der Schüler bei dieser Vorlesung war: Professor Sala i Martín.

Er schlägt die Mappe auf. Taktische Formationen, Trainingsübungen, Angriffszüge, gezeichnet von Guardiola.

Schon seit Monaten, sagt Sala i Martín, erkunde sein Freund seine neue Heimat. Wie ein Ethnologe studiert Guardiola die Videos von Bayern München. Er lässt die Spiele von Kameras unter dem Stadiondach aus der Vogelperspektive filmen, um die Bewegungen der Mannschaft, die Löcher in der Abwehr, die Fehler im Angriff zu erkennen. Er hat für seine neue Elf schon wieder Manöver im Kopf, an die noch niemand denkt.

Stolz blättert Sala i Martín, der Wirtschaftsprofessor, in der Mappe: Sein Freund, der Fußballromantiker, ist auch ein Fußballökonom. Denn so, wie in der Wirtschaft um Marktanteile gerungen wird, wird im modernen Fußball um Spielanteile gekämpft. Und während in der Wirtschaft, bei Firmen wie H&M und Zara, Strategiewechsel meist erst mittelfristig sichtbar werden, ist im Fußball jedes Wochenende neue Flexibilität gefragt: Eine Idee trifft auf eine Gegenidee, und diese zerstörerische Gegenidee zwingt den begabten Trainer wieder zu einer neuen Strategie. Zu ständiger und immer schnellerer Innovation. "Konstruktive Destruktion" nenne man es in der Wirtschaft, sagt Sala i Martín. Der Professor gehört in Amerika und Spanien auch deshalb zu den populärsten Ökonomen, weil er komplexe Prozesse spannend und verständlich beschreiben kann.

"Der Tag, an dem Pep Guardiola die Geschichte des Fußballs änderte, war der 1. Mai 2009", sagt Sala i Martín und lässt den Satz in der Luft hängen, damit Zeit ist, zu raten, was an jenem Tag geschah.

1. Mai 2009? Das Champions-League-Finale kann es nicht gewesen sein, das ist immer Ende Mai. Vielleicht irgendein besonders legendärer Sieg über Real Madrid?

Triumphierend schüttelt Sala i Martín den Kopf. Er sagt: "Am 1. Mai 2009 saß Pep wie immer am Tag vor einem Spiel alleine in seinem Büro und arbeitete."

Guardiolas Büro in Barcelona war ein kleiner Kellerraum im Stadion Camp Nou, ohne Fenster, nur ein Stuhl, ein Tisch, ein Computer, wie eine Zelle. Hier studierte er vor jedem Spiel stundenlang Videos der Gegner. Am 1. Mai 2009 ist Guardiola Trainer in seiner ersten Erstligasaison, am nächsten Tag spielt Barça auswärts bei Real Madrid. Und auf einmal sieht er es! Er hält das Video an, spult zurück, lässt es noch mal laufen. Da! Das ist es!

Später wird Guardiola sagen, das seien die besten Momente in einem Trainerleben, jedes Mal wieder, allein in der Zelle, wenn er die eine Schwäche des Gegners entdeckt, die seine Elf ausnutzen wird.

Guardiola ruft Lionel Messi an, seinen kleinen, schnellen Außenstürmer. Komm sofort zu mir ins Stadion, ich muss dir etwas zeigen, sagt er. Messi braucht 20 Minuten. Guardiola spielt wieder das Video ab, und Messi sieht es sofort: Wenn Madrids Spieler den ballführenden Gegner im Mittelfeld angreifen, rücken die Verteidiger nicht auf. Zwischen Abwehr und Mittelfeld entsteht ein Freiraum von 25 Metern.

Fußball-Laien, von denen es immer weniger zu geben scheint, stellen sich da die Frage: Ja und?

Fußball-Experten, von denen es immer mehr zu geben scheint, erkennen das, was für den Ökonomen Sala i Martín eine Marktlücke ist: freier Raum, den noch kein anderer entdeckt hat.

"Wenn Messi, schnell und wendig, aus diesem Freiraum unbedrängt mit dem Ball startet", sagt Sala i Martín, nun der beste Fußballkommentator, "wird er Reals Verteidigern jedes Mal die Hüfte brechen."

Am Morgen des 2. Mai 2009 erzählen Guardiola und Messi niemandem von ihrem Plan. Messi beginnt das Spiel wie gewohnt auf dem Flügel, um den Gegner zu täuschen. Nach zehn Minuten, so hat Guardiola es ihm aufgetragen, wird er die Position tauschen und als im Mittelfeld versteckter Angreifer, als "hängender Mittelstürmer", in den neu entdeckten Freiraum sprinten und so seine Tore schießen.

Messi erzielt zwei Tore, gibt die Vorlage zu einem weiteren Tor. Barça besiegt Real Madrid mit 6:2, ein überragendes, historisches Ergebnis.

Auf seiner neuen Position wird aus dem sehr guten Fußballspieler Messi einer, den die Welt noch nicht gesehen hat. Die 25 Meter Freiraum, die Guardiola sah, haben Messi einen fast uneinholbaren Vorsprung verschafft: Seit dem Sommer 2009 wurde er Jahr für Jahr zum Weltfußballer gewählt, er schoss bis zu 88 Tore pro Saison.

Es war kein Geniestreich von Guardiola. Er hatte nur die beste Strategie für ein Spiel gesucht.

"Pep erfindet nichts", sagt Sala i Martín: "Die Idee des versteckten Mittelstürmers hatte die ungarische Nationalelf 50 Jahre zuvor. Alles ist im Fußball schon erfunden, Fußball wird seit 2300 Jahren gespielt. Aber hier ist ein Mann, der es versteht, nach 2300 Jahren das Spiel jeden Samstag wieder zu erneuern. Pep zog Messi in die Tiefe des leeren Raums zurück und – zack!"

Sala i Martín, dessen Bücher in spanischen Buchläden neben Steve Jobs’ Biografie ausgestellt werden, schreit jetzt fast vor Freude: "Madrids Trainer schob daraufhin im nächsten Spiel seinen Verteidiger Pepe ins Mittelfeld, um Messi zu erledigen. Doch prompt rückte Guardiola seinen Spieler Piqué aus der Abwehr vor – bamm! Eine Schlacht!"

Wenn man Xavier Sala i Martín zuhört, ist es, als sollten wir alle noch viel mehr Fußball schauen.