Bürger, die ihre Würde verteidigen, sind schön. Sie sind schön in Ankara, in Teheran und in Rio, so wie sie in Tunis oder Kairo schön waren. Mal geht es gegen eine Diktatur, dann wieder ist es urbaner Sozialprotest – aber wie sich die Szenen gleichen! Welche Kraft sie ausstrahlen! Starke Momente.

Sie sind stark, weil sie eine Wahrheit zeigen. Diese Wahrheit lautet: Der Mensch muss sich nicht alles gefallen lassen. Er muss nicht immer den Kopf senken. Er kann eine aufrechte Haltung einnehmen, wie der Mann, der tagelang unbeweglich auf dem Taksim-Platz in Istanbul stand; inzwischen haben sich viele an ihm ein Beispiel genommen.

Diese "demokratische Wahrheit" (nennen wir sie einmal so) ist eine historische Macht. Wie im Jahre 73 vor Christus, als ein römischer Sklave namens Spartakus seinen Freiheitsfeldzug begann. Oder wie 1848, als sich europäische Völker erhoben (der "Völkerfrühling"), oder wie Ende des 20. Jahrhunderts in Osteuropa. Das Erscheinen dieser Wahrheit ist jedes Mal ein geschichtliches Ereignis.

Es sind kostbare Momente, in denen die Allmählichkeit abbricht, in denen das Gewohnte durchbrochen wird. "Die Gewohnheit ist die erste Ursache der freiwilligen Knechtschaft", schrieb der Franzose Étienne de la Boétie im 16. Jahrhundert. Momente, in denen der Möglichkeitsraum erweitert wird, in denen sich die Geschichte unversehens öffnet. Das haben die Iraner begriffen, die am Abend nach der Wahl des gemäßigten Politikers Rohani zum Staatspräsidenten in aller Öffentlichkeit Freudentänze aufführten, bis tief in die Nacht.

Auf einmal betreten Völker die Bühne und rütteln an der Kulisse. Aber dann? Die Rebellionen in den Arabisch sprechenden Ländern haben die Geschichte geöffnet – doch welche Möglichkeiten nun zur Wirklichkeit werden, darum wird jetzt gekämpft. Immerhin: Jetzt kann darum gekämpft werden!

Nicht jede Massenbewegung öffnet die Geschichte. Wenn Tayyip Erdoğan seine Anhänger zu Demonstrationen zusammentrommelt, dann um die Öffnung wieder rückgängig zu machen, um die Gegenwart zu verriegeln. Und nicht jede Massenbewegung will notwendigerweise Fortschritt für alle. In Frankreich haben Millionen dagegen demonstriert, dass Lesben und Schwule heiraten und Kinder adoptieren dürfen. Die Bürger haben gegen das protestiert, was sie für die Auflösung der Familie halten. Und gegen die Hauptstadt Paris, die, wie sie finden, ihre neumodischen, wenn nicht verderbten Sitten der Provinz aufzwingen will. Eine Volksbewegung gegen die Rechte anderer, konservativ und doch mit einem rebellischen Zug.

Seit wenigen Jahren erleben wir, dass plötzlich, wie aus dem Nichts, authentische Massenbewegungen entstehen. An unerwarteten Orten zumeist (hinterher ist man immer schlauer). Sie haben unterschiedliche Anlässe und Entstehungsbedingungen, das ist kaum verwunderlich, aber vor allem verblüffende Gemeinsamkeiten: Sie kommen aus der Gesellschaft, nicht aus der Politik; sie beginnen in Großstädten; sie sind bunt; sie folgen keinem hergebrachten Ideologie-Angebot. Die revolutionär gesinnte Linke hat keinen Zugriff auf sie. Der Islamismus nur manchmal, nur zum Teil und nur mit Mühe.

Charakteristisch ist ihr Mangel an charismatischen Führern. Oft haben sie Forderungen, aber kein Programm. Manchmal wirken sie sogar etwas sprachlos, suchen nach dem richtigen Ausdruck. Vielleicht erklärt sich so der Erfolg der inhaltlich eher belanglosen Broschüre Empört Euch! von Stéphane Hessel, die zur Protestbibel wurde: ein bewundernswerter Aufrechter, eine glaubwürdige Sprache und der Aufruf, sich nicht zu ducken. Namentlich in Südeuropa, wo es wahrlich Grund zur Empörung gibt, schlug das Heftchen vor knapp zwei Jahren stärker ein als 1848 das Manifest der Kommunistischen Partei.