BushidoBrüder im Geiste

Bushido und die Abou-Chakers: Wie abhängig ist der Rapper wirklich von dem berüchtigten Clan? von 

Es ist am 8. Mai 2013 um 10.41 Uhr, als im Landgericht Berlin die Unbescholtenheit des Arafat Abou-Chaker wiederhergestellt wird. Kurz darauf sitzt der 37-Jährige im Café California, dem Gericht gegenüber. Arafat Abou-Chaker, Geschäftspartner und Freund des prominenten Gangsta-Rappers Bushido, kann zufrieden sein. Sogar der Staatsanwalt hatte Freispruch beantragt. Seine erstinstanzliche Verurteilung wegen "psychischer Beihilfe zu einer Bedrohung": erledigt. Das Gericht kommt zu dem Schluss, dass er bei einem Streit mit zwei Afghanen Ende 2009 seinen Bruder Yasser nicht zum Ziehen einer Waffe aufgefordert habe, sondern ihn nur warnen wollte. Arafats polizeiliches Führungszeugnis bleibt so weiß wie der Schaum auf seinem Cappuccino.

Der Ausgang des Berufungsverfahrens ist kennzeichnend dafür, wie schwer Arafat Abou-Chaker zu deuten ist: "Banden-Boss" und "Pate" nennt ihn Bild. Der Rotkreuz-Jugendtreff Wedding hingegen bedankte sich 2012 bei ihm für "ehrenamtliches Engagement". Womit hat er das verdient? "Ich hab den Kids erzählt, dass sie gut in der Schule sein und keine Scheiße bauen sollen." Stimmt, sagen die Betreiber, so war’s. Partner des Gangsta-Rappers Bushido wurde er, weil er bekannt dafür war, Dinge regeln zu können. Arafat war schon jemand, bevor er in Bushidos Schlepptau über die roten Teppiche schritt.

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Bushido, ein Deutschtunesier, der bürgerlich Anis Ferchichi heißt, hat ebenfalls eine illustre Vorgeschichte: Mit 17 hörte er mit dem Dealen auf, mit Mitte 20 veröffentlichte er 2003 das Album Vom Bordstein bis zur Skyline, das es in die Charts und wegen frauenfeindlicher Texte auch auf den Index schaffte.

Arafat und Bushido lernten sich kennen, als der Musiker mit einem Problem in Abou-Chakers "Salon", das Café al-Bustan, kam: Er wollte aus seinem Plattenvertrag aussteigen, und Arafat machte das eigentlich Unmögliche möglich – laut Bushido, indem er mit einem Gerichtsverfahren drohte.

Seither sind sie unzertrennlich, menschlich und als Geschäftspartner: Wenn Bushido verdient, verdient Arafat mit und umgekehrt. Wenn Bushido Preise erhält (2011 zum Beispiel den Bambi), sitzt Arafat ganz vorn. Sie gründeten Firmen und lösten sie auf. Sie handelten mit Immobilien und betrieben zeitweise Bushidos Vermarktungsfirma ersguterjunge. Daneben hatte jeder eigene Firmen. Derzeit kaufen sie gemeinsam Immobilien.

Die Abou-Chakers sind Palästinenser, die in einem Flüchtlingslager im Libanon lebten. In den Siebzigern flohen Arafats Eltern mit den ersten vier Kindern vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Wie viele Abou-Chakers es heute in Berlin gibt, weiß niemand genau. Ein Zentrum sind Arafat und seine Brüder in Neukölln, in Charlottenburg leben noch einmal vier Abou-Chaker-Brüder, polizeibekannt und wenn, dann entfernte Verwandte. Dazu: Cousins verschiedenster Grade. Weil immer wieder ein Abou-Chaker mit der Polizei zu tun hat, kursiert in Berlin das Wort vom "ABC-Alarm".

Wer nicht zurückzahlen könne, für den werde es schmerzhaft

Es hat sich einiges angesammelt, bei den Neuköllnern sieht es etwa so aus: Arafats Bruder Mohammed wurde 2011 wegen Beteiligung an einem Überfall verurteilt. Vier Jahre zuvor hatte ein Gericht festgestellt, dass er im Café al-Bustan einen Schuldner geschlagen hatte. Der Älteste, Nasser, ist wegen Beihilfe zur Zuhälterei vorbestraft. Bei Ali sind es Gewalttaten, auch die Brüder Yasser und Rommel sind polizeibekannt.

"Etwa ein halbes Dutzend männliche Mitglieder dieser Familie sind in der Vergangenheit häufig kriminalpolizeilich auffällig geworden", sagt Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra, es gebe Hinweise auf Organisierte Kriminalität. Carsten Wendt, Dezernatsleiter für Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt, meint: "Bei der Familie Abou-Chaker ist der Begriff ›mafiös‹ gerechtfertigt." Stefan Conen, renommierter Verteidiger und langjähriger Anwalt der Abou-Chakers, widerspricht vehement: "Es stimmt nicht, dass mafiöse Strukturen je gerichtlich festgestellt wurden." Er halte es für unlauter, jede Tat eines Abou-Chakers auf ein virtuelles Clankonto zu buchen und dann den Clan insgesamt für mafiös zu erklären: "Die Neuköllner Abou-Chakers sind nie als Intensivtäter geführt worden, sie wurden nur intensiv verfolgt."

Hört man sich auf den Straßen von Neukölln um, erscheinen die Abou-Chakers als eine Mischung aus Ordnungsmacht, Rollkommando und Familienunternehmen. Sie kämen mitunter im BMW an, heißt es, um Streit zu schlichten, als seien sie Sheriffs. Von Schutzgeld wird geraunt. Und dass man bei ihnen Geld leihen könne, zu horrenden Konditionen. Wer nicht zurückzahlen könne, für den werde es schmerzhaft. Staatsanwalt Kamstra sagt: "Einige Clanmitglieder haben versucht, Zeugenaussagen umzudrehen oder abzukaufen."

"Das stimmt alles nicht", widerspricht Arafat Abou-Chaker. Der ältere Bruder Nasser sagt: "Wir nehmen niemandem sein Recht. Aber wenn uns einer zu Unrecht an den Kragen will, lassen wir uns das nicht gefallen. Jeder weiß das." So ein Ruf kann sich verselbstständigen. Die Großfamilie wird von den Behörden zu einem guten Dutzend problematischer Clans gerechnet, die zumeist als abgeschottet und schlecht integriert gelten. In dieses Muster passen die Abou-Chakers nicht so recht.

Leserkommentare
  1. verdeckt die dunkle Brühe, die sich darunter befindet.

    19 Leserempfehlungen
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    Also, wenn der Schaum auf einem (eigentlich müsste es eher "in einem" heißen) Cappuccino weiß ist, ist es ein sehr schlechter Cappuccino...

  2. 2. [...]

    Doppelposting. Die Redaktion/au

    • shtok
    • 27. Juni 2013 9:05 Uhr

    http://www.youtube.com/wa...

    mehr braucht es nicht.

    6 Leserempfehlungen
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    Das Verhalten dieses Clans im Gerichtsgebäude ist erschütternd! Da kann man sehen, dass ein Rechtstaat allein nicht genügt: Es bedarf auch des mutigen Willens, Ethik zu erhalten und zu verteidigen! Wenn die Menschen in wahrer Ethik keinen Wert an sich erkennen, für den man mit seinem Willen einstehen und den man notfalls auch verteidigen muss, dann ist der Tyrannei des Faustrechts die Pforte geöffnet. Die Abou-Chaker Familie scheint für dieses Faustrecht zu stehen. Sie steht für die Dekadenz eines gewissen Männerbildes. König Artus und wohl auch Harun Ar-Raschid hätten so etwas bei ihren Rittern niemals geduldet!
    Und in Bushido zeigt sich der Niedergang der mitteleuropäischen (Musik-)Kultur: Vor mehr als zweihundert Jahren hat Mozart mit wunderschönen Melodien zwei Opern komponiert, die zeigen, was liebende Männer bereit sind, für die Dame ihres Herzens zu tun: Die Entführung aus dem Serail und die Zauberflöte. Was würde Mozart davon halten, wenn er erführe, dass ein eintönig-aggressives Sprech-Stakkato ohne jede Melodie mit obszönen Sprachfetzen in hämisch-spottender Weise beschreibt, wie einem schwachen Mädchenkörper Gewalt angetan wird? Und dass die Deutschen dem Urheber dieser Obszönitäten dann auch noch einen Preis geben? Und die „ZEIT“ gibt diesen Leuten ein Forum, während sie die wirklich Mutigen, die für die europäischen Werte kämpfen, kaum erwähnt!

    • dubie
    • 27. Juni 2013 9:16 Uhr
    4. ?????

    "Ein Zentrum sind Arafat und seine Brüder in Neukölln, in Charlottenburg leben noch einmal vier Abou-Chaker-Brüder, polizeibekannt und wenn, dann entfernte Verwandte."
    Geht es nur mir so, oder stimmt mit dem Satz etwas nicht?

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    Allenfalls könnte man darüber streiten ob man bei einem deratigen Kontrukt anfangs nicht eher "bilden" anstatt "sein" verwenden sollte.

  3. 5. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die zu Gewalt aufrufen. Danke, die Redaktion/jp

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/au

    Entfernt. Fragen zur Moderation richten Sie bitte direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

  4. Was im Beitrag steht sind doch hauptsächlich Mutmaßungen und Spekulationen.
    Was konkret wird ihnen nun vorgehalten? Zwielichtigkeit?

    2 Leserempfehlungen
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    • Mavel
    • 27. Juni 2013 10:01 Uhr

    ...z.B. "Pokerraub"? Einfach mal danach googeln. Es gibt auch ein hoch amüsantes Video über diesen dilettantisch durchgeführten Raub :-)

    Das dürfte aber nur die Spitze des Eisbergs sein. Es ist ja gerade das Problem bei organisierter Kriminalität, dass die Strippenzieher schwer zu fassen sind.

    • J-M
    • 27. Juni 2013 9:43 Uhr

    ...hat Giovanni di Lorenzo in einem Interview nach der Stern-Reportage gesagt, auch die Zeit habe sich mit dem Thema beschäftigt. Allerdings hätten nacheinander alle Reporter wegen massiver Bedrohungen abgezogen werden müssen. Die Polizei habe auch nichts getan. Wie passt das denn bitte zu oben stehenden Aussagen, liebe Redaktion?

    Mag schon sein, dass die Abou-Chakers nicht sind, wie andere Clans. Ich habe aber eher den Eindruck, sie seien gerissener und gefährlicher.

    Wäre auch schön gewesen, wenn der Pokerdiebstahl erwähnt und beleuchtet worden wäre. Wie passt der denn in das obige Bild?

    13 Leserempfehlungen
  5. 8. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/au

    Antwort auf "[…]"

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  • Schlagworte Bushido | Immobilienkauf | Berlin | Neukölln
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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