Modedesigner Elie Saab"Meine Mutter lehrte mich, jedes kleine Detail zu schätzen"

Als seine Familie im Krieg alles verlor, war Elie Saab elf Jahre alt. Er begann, Kleider zu nähen, um Geld zu verdienen von Herlinde Koelbl

ZEITmagazin: Herr Saab, seit Halle Berry 2002 den Oscar in einem Ihrer Kleider entgegennahm, sind diese bei Prominenten begehrt. Was macht Ihre Kleider so sexy?

Elie Saab: Den Begriff "sexy" mag ich nicht, ich bevorzuge elegant und feminin. Das erreichen Sie nicht einfach mit einem hohen Beinschlitz oder tiefen Ausschnitt. Ich erschaffe sozusagen "Bilderrahmen" für die weibliche Silhouette.

Anzeige

ZEITmagazin: In Ihren transparenten Spitzenkleidern wirkt eine Frau fast nackt.

ELIE SAAB

48, wurde als erster Ausländer in die italienische Camera Nazionale della Moda aufgenommen. 1999 trug Rania von Jordanien ein Kleid von ihm zu ihrer Krönung, 2003 zeigte er seine erste Haute-Couture-Kollektion in Paris. Im Mai liefen in Cannes Dutzende Schauspielerinnen in seinen Roben über den roten Teppich

Saab: Nackt? Ihre Fantasie gefällt mir. Selbstverständlich ist sie nicht nackt, unter der Spitze trägt sie noch ein nudefarbenes Unterkleid. Das liegt wie eine zweite Haut an. Zusammen mit dem durchscheinenden Oberkleid entsteht so ein changierender Effekt. Dieses Spiel mit Licht und Schatten, mit Details und Verzierungen ist natürlich auch von meiner Heimat inspiriert: ein bisschen wie aus einem Märchen aus 1001 Nacht.

ZEITmagazin: Wie wurde man im Libanon Ihrer Jugend Modedesigner?

Saab: Wir kannten den Beruf Modedesigner gar nicht, meine Eltern wollten, dass ich Anwalt oder Arzt werde. Aber durch den verheerenden Bürgerkrieg, der 1975 begann, kam alles anders. 1976 wurde unsere Heimatstadt Damur komplett zerstört. Auch unser Haus wurde zerbombt, wir konnten gerade noch rechtzeitig fliehen, hatten aber alles verloren. Um das Leid und die Trauer meiner Familie zu lindern, wollte ich durch meine Arbeit helfen, unseren alten Lebensstandard wiederzuerlangen.

ZEITmagazin: Sie waren damals erst elf Jahre alt.

Saab: Als erstgeborener Sohn von fünf Kindern musste ich diese Verantwortung annehmen. Ich begann, eigene Entwürfe anzufertigen, organisierte eine Nähmaschine und stellte eine arbeitslose Nachbarin als Näherin ein. Nach der Schule empfing ich die Kundinnen, beriet sie und verhandelte die Preise. Erst kamen meine Cousinen, dann die Nachbarinnen. Es sprach sich schnell herum, dass ich außergewöhnliche Kleider herstelle, nichts Alltägliches. Und da die libanesische Frau wahrscheinlich den erlesensten Geschmack weltweit hat, hatte ich von Anfang an Erfolg. Ich musste sehr schnell weitere Näherinnen anstellen.

ZEITmagazin: Woher kam diese Kraft, so jung schon ein Geschäft zu leiten?

Saab: Ich war ein ungewöhnliches Kind, eher ein Außenseiter. Äußerlich war ich wie alle anderen, aber ich dachte und fühlte wie ein Erwachsener. Ich erinnere mich, dass ich durchs Fenster anderen Kindern beim Spielen zugesehen habe und dachte, warum tun die das? Dieses Gefühl von Anderssein verspüre ich auch heute noch oft. Ich bin ein geborener Unternehmer. Hätte ich nicht Mode gemacht, dann eben Architektur, ich wäre auf jeden Fall erfolgreich gewesen. Mode war unter den damaligen Umständen am einfachsten umzusetzen. Mit 18 Jahren hatte ich dann meine erste eigene Fabrik. Es ging rasend schnell aufwärts.

Leserkommentare
    • TDU
    • 26. Juni 2013 11:40 Uhr

    Zit: "Als erstgeborener Sohn von fünf Kindern musste ich diese Verantwortung annehmen."

    Das gilt sicher nicht nur für Kriegskinder aus der gesamten Region. Und wenn auch nicht jeder ein Unternehmer ist, sollte man schon drüber nachden wie man hier für solche Mentalitäten Schule organisert und zur Schule motiviert.

    Detailbewusst für Schönheit. Aber sicher auch für akribisches Handwerk, welche Voraussetzung ist, um die Schönheit her zu stellen. Einem Designer lässt mans durch gehen. Ein Handwerker oder akribischer Kopfarbeiter dagegen ist eher untauglich für Presse und Mainstream. Porfitorientiert, spiessig und nicht locker ( stimmt natrülich auch manchmal) sind da wohl die höchsten Komplimente.

    Und wenn er lobenswerter Weise die Mitarbeiter um Rat fragt. Eine Freifahrtschein für schlampige Arbeit sein wird es wohl nicht sein.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service