ZEITmagazin: Herr Saab, seit Halle Berry 2002 den Oscar in einem Ihrer Kleider entgegennahm, sind diese bei Prominenten begehrt. Was macht Ihre Kleider so sexy?

Elie Saab: Den Begriff "sexy" mag ich nicht, ich bevorzuge elegant und feminin. Das erreichen Sie nicht einfach mit einem hohen Beinschlitz oder tiefen Ausschnitt. Ich erschaffe sozusagen "Bilderrahmen" für die weibliche Silhouette.

ZEITmagazin: In Ihren transparenten Spitzenkleidern wirkt eine Frau fast nackt.

Saab: Nackt? Ihre Fantasie gefällt mir. Selbstverständlich ist sie nicht nackt, unter der Spitze trägt sie noch ein nudefarbenes Unterkleid. Das liegt wie eine zweite Haut an. Zusammen mit dem durchscheinenden Oberkleid entsteht so ein changierender Effekt. Dieses Spiel mit Licht und Schatten, mit Details und Verzierungen ist natürlich auch von meiner Heimat inspiriert: ein bisschen wie aus einem Märchen aus 1001 Nacht.

ZEITmagazin: Wie wurde man im Libanon Ihrer Jugend Modedesigner?

Saab: Wir kannten den Beruf Modedesigner gar nicht, meine Eltern wollten, dass ich Anwalt oder Arzt werde. Aber durch den verheerenden Bürgerkrieg, der 1975 begann, kam alles anders. 1976 wurde unsere Heimatstadt Damur komplett zerstört. Auch unser Haus wurde zerbombt, wir konnten gerade noch rechtzeitig fliehen, hatten aber alles verloren. Um das Leid und die Trauer meiner Familie zu lindern, wollte ich durch meine Arbeit helfen, unseren alten Lebensstandard wiederzuerlangen.

ZEITmagazin: Sie waren damals erst elf Jahre alt.

Saab: Als erstgeborener Sohn von fünf Kindern musste ich diese Verantwortung annehmen. Ich begann, eigene Entwürfe anzufertigen, organisierte eine Nähmaschine und stellte eine arbeitslose Nachbarin als Näherin ein. Nach der Schule empfing ich die Kundinnen, beriet sie und verhandelte die Preise. Erst kamen meine Cousinen, dann die Nachbarinnen. Es sprach sich schnell herum, dass ich außergewöhnliche Kleider herstelle, nichts Alltägliches. Und da die libanesische Frau wahrscheinlich den erlesensten Geschmack weltweit hat, hatte ich von Anfang an Erfolg. Ich musste sehr schnell weitere Näherinnen anstellen.

ZEITmagazin: Woher kam diese Kraft, so jung schon ein Geschäft zu leiten?

Saab: Ich war ein ungewöhnliches Kind, eher ein Außenseiter. Äußerlich war ich wie alle anderen, aber ich dachte und fühlte wie ein Erwachsener. Ich erinnere mich, dass ich durchs Fenster anderen Kindern beim Spielen zugesehen habe und dachte, warum tun die das? Dieses Gefühl von Anderssein verspüre ich auch heute noch oft. Ich bin ein geborener Unternehmer. Hätte ich nicht Mode gemacht, dann eben Architektur, ich wäre auf jeden Fall erfolgreich gewesen. Mode war unter den damaligen Umständen am einfachsten umzusetzen. Mit 18 Jahren hatte ich dann meine erste eigene Fabrik. Es ging rasend schnell aufwärts.