In mehreren Büchern, zuletzt 2011 in ihrer viel diskutierten Studie Warum Liebe weh tut, hat die israelische Soziologin Eva Illouz das gestörte Verhältnis der Geschlechter im Kapitalismus analysiert und gleichzeitig neue Formen leidenschaftlicher Liebe gefordert. Wie diese aussehen könnten, glaubt sie nun ausgerechnet in E. L. James’ dreibändigem Megabestseller Shades of Grey entdeckt zu haben, der seit 2011 weltweit über 70 Millionen Käufer fand. Die feministische Revolution, so argumentiert sie in ihrem Essay Die neue Liebesordnung, sei unvollendet geblieben, weil die Gleichheit von Mann und Frau der Intimität von Paarbeziehungen großen Schaden zufüge. Während die vormoderne Abhängigkeit der Frau vom Mann ein "Beschützerverhältnis" konstituiert habe und so wechselseitig "einen starken emotionalen ›Klebstoff‹ erzeugte", seien sexuelle Kontakte heute, selbst "wenn sie nicht ausdrücklich als flüchtig und hedonistisch definiert werden", "voller Ungewißheit, wobei sich Frauen oft auf den (untergeordneten) Status derjenigen reduziert sehen, die versuchen müssen, die Absichten der Männer zu entschlüsseln und letztere mittels raffinierter emotionaler Strategien auf den Pfad der Intimität zu locken".

Illouz sieht die Frauen als Verliererinnen moderner Paarungskultur, weil im Laufe des 20. Jahrhunderts besonders der Mann dahingehend umgeformt worden sei, "möglichst viele sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Die Folge war, daß die Sexualität vor allem der Männer von Liebe und anderen Gefühlen abgekoppelt wurde. In diesem zweistufigen Prozeß wurde der Sex mithin zunächst aus der Einbettung in die Ehe befreit, um im nächsten Schritt von romantischen Gefühlen abgetrennt zu werden."

Den großen Erfolg von Shades of Grey bei weiblichen Lesern sieht Illouz nun als Beleg dafür, dass vor allem Frauen unter emotionalem Entzug litten: handele es sich bei diesem Roman doch um die Geschichte einer romantischen, geradezu symbiotischen Liebe, deren Realisierung nach Auffassung der Soziologin allerdings von der Einwilligung in gewisse Rollenspiele bedingt werde. Starke Gefühle und wechselseitiges Vertrauen scheinen demnach nur unter der Voraussetzung einer klaren Paarhierarchie möglich zu sein. In einer Zeit hingegen, in der jeder Aspekt einer Beziehung verhandelt werden müsse, tendierten selbst heterosexuelle Paare zur sexuellen Androgynität. In dieser Situation liefere der Roman seinen Leserinnen Selbsthilfe-Elemente aus dem "BDSM"-Bereich, die zu einer spielerischen Restitution klarer Abhängigkeitsverhältnisse und damit zum Wiedergewinn von Intimität führen könnten. BDSM ist ein Kürzel, das einen ganzen Komplex sexueller "Bondage"-Praktiken – Disziplinierung, Dominanz und Unterwerfung sowie Sadomasochismus – in einem Begriff zusammenschweißt. "Indem die BDSM-Sexualität klare, von Identitäten abgekoppelte Rollen festlegt, bietet sie die Sicherheit, die mit vorgezeichneten Rollen einhergeht, ohne zur traditionellen Geschlechterungleichheit zurückzukehren."

Bevor man allerdings darüber diskutieren kann, ob sadomasochistische Konsensvereinbarungen die Lösung für die Probleme des zeitgenössischen Liebeslebens sind, müsste man klären, warum die hinter dem Pseudonym E. L. James steckende Erika Leonard für die Protagonisten ihres Romans gerade diese Lösung nicht gewählt hat. Zwar ist der männliche Held, Christian Grey, tatsächlich ein von einer Domina angelernter Sadist, der frühkindliche Traumata ausagiert, indem er Frauen misshandelt, die sich vertraglich mit ihm auf die Rolle der "Sub", der devoten Partnerin in seinen Straffantasien, geeinigt haben. Dabei handelt es sich um in S/M-Spielen erfahrene Frauen, die die masochistische Position bevorzugen und, aufgrund eigener Prägungen, den ihnen zugefügten Schmerz als Lust empfinden. Doch Christians Beziehung zu Ana, der Romanheldin, ist anderer Natur. Den ihr vorgelegten "S/M-Vertrag" unterschreibt sie nicht, und auch liebespraktisch bestimmt sie, was ihrem Vergnügen zusagt.

Von den 15 Frauen, die sich nacheinander vertraglich an Christian gebunden haben, lernt Ana zwei kennen. Nun weckt schon die Tatsache, dass es eine so große Zahl von Partnerinnen im Leben des 27-Jährigen gegeben hat, den Verdacht, dass eine S/M-Beziehung keine Bindungsgarantie darstellt. Als Leila, eine von Greys Exgespielinnen, Ana zu verfolgen beginnt, wird zudem klar, dass sich dieses sexuelle Lebensmodell höchst destruktiv auswirkt. Bleich, abgemagert und dem Wahnsinn nahe, dringt sie in Christians Apartment ein, geistert nachts durch Anas Schlafzimmer und lauert ihr mit einem Revolver auf. Nur finanzielle Erpressung verbannt sie schließlich aus dem Leben ihres "Doms", ihres dominanten Ex – was sie nicht daran hindert, gemeinsam mit einer anderen ausgemusterten Sub einen Christian-Grey-Fanclub zu gründen.

Eine weibliche Orpheus-Fantasie

Dafür gibt es in der Tat viele Gründe. Grey ist der Hauptgewinn für eine Frau. Gebildet, sportlich, geschmackssicher, mächtig, großzügig, klug, sexuell potent und schön wie ein junger Gott, ist er dank seiner philanthropisch ausgerichteten Unternehmen auch noch mit einem Durchschnittseinkommen von 100.000 Dollar pro Stunde gesegnet. Ein Heer ergebener Angestellter steht ihm ebenso zur ständigen Verfügung wie ein Limousinenfuhrpark nebst Helikopter, Jet und Jacht. Das sind Anreize genug für die Heldin, sich ein Stück weit in Greys Welt zu wagen. Und obwohl Ana als sexuell gänzlich unerfahrene, durchschnittlich attraktive Collegestudentin kaum in sein Beuteschema passt, ist Grey derart von ihr angezogen, dass er ihr zuliebe von Anfang an mit seinen Gewohnheiten bricht. Mit einer für einen überzeugten Sadisten schockierenden Hingabe und Empathie führt er sie ins Reich der Sinne ein. Die Fesselspiele und Objekte, die dabei zum Einsatz kommen, sind anstachelnde Reize und dienen eindeutig Anas Luststeigerung. Aus dem Wunsch heraus, Grey stärker an sich zu binden, kommt sie selbst auf die im Vertrag aufgelisteten Sadomaso-Praktiken zurück und stellt sich probeweise zur Verfügung. Als Grey dann Ernst macht und sie schmerzhaft schlägt, reagiert Ana empört und verlässt ihn.

Für Illouz ist dieser "hegelianische Moment" entscheidend: Ganz im Sinne der Herr-und-Knecht-Dialektik werde Grey gezwungen, Ana anzuerkennen, "das heißt, sich in sie zu verlieben, weil sie ihre Autonomie unter Beweis gestellt hat". Grey hätte sich also endgültig an Ana verloren, als sie jede Hoffnung auf ein Unterwürfigkeitsverhältnis zerstreut? Wie passt das zu der Theorie, nur sadomasochistische Beziehungen könnten verlässliche Gefühle generieren? Was Shades of Grey für so viele Frauen attraktiv machte, ist kaum der Traum von fürsorglicher Selbstversklavung, eher schon eine weibliche Orpheus-Fantasie. Denn Ana wird zu Greys Therapeutin, die ihn Schritt für Schritt aus der kalten Unterwelt seiner Psychose ins helle Licht des Familienlebens zurückholt. Dass der Weg über Rollenspiele und in ihrer Anwendung stark gezähmte Spielzeuge führt, ist ausdrücklich von ihr so gewollt, nicht weil sie ihre Integrität dem guten Zweck opfern würde, sondern weil luststeigernden Reize in geringer Dosis sie geradezu süchtig machen. Wer aber von Sadomasochismus spricht, sobald in eine Brustwarze gekniffen wird, muss auch den Akt der Penetration unter S/M rubrizieren. Der Roman liefert Ideen für interessanteren Sex, der, was für den Bucherfolg nicht ganz unwichtig scheint, vor allem mit langem Vorspiel und Greys nicht endender Faszination für und Hingabe an Anas Körper zu tun hat. Abgesehen davon, dass sie den Liebesakt oft dominiert, wird Christians Empfindlichkeit gegenüber Berührungen nicht auf die emotionale Kälte eines Doms, sondern auf sein Kindheitstrauma zurückgeführt. Sein Leib ist das zu erobernde Terrain und er insofern in der traditionell weiblichen Position. Und hier hat Eva Illouz wieder recht: Die vielen Leserinnen, die sich Sexspielzeuge besorgten, haben den Roman direkt als Anleitung verstanden. Doch wer bei ihrem Eroberungsfeldzug Dom und wer Sub ist, steht in den Sternen. Nicht jeder Mann teilt Christians Lust, zum unermüdlichen Orgasmushandwerker seiner Partnerin zu werden.

Illouz meint, dass traditionelle Rollenspiele von sich aus Begehren erzeugen. Shades of Grey hingegen setzt an den Anfang die absolute Liebe, die nach möglichst vielen Varianten sucht, sich zu materialisieren. Dass Christian, der griechische Gott, dem jede Frau zur Verfügung stünde, beharrlich jede andere auf oft grobe Weise ignoriert, grenzt ans häretische Phantasma einer sexuellen Gnadenwahl. Eva Illouz deutet die allgegenwärtige visuelle Pornografie als Instrument des Kapitals, das Männer phantasmagorisch mit sexuellen Partnerinnen überhäuft und sie befähigt, durch den Entzug ausschließlicher Zuneigung als Gefühlskapitalisten zu regieren. Shades of Grey ist nicht weniger kapitalistisch. Die Verkaufszahlen verdanken sich der illustrierten Fabel, die sich in Ana spiegelnde Leserin könne alle Facetten männlicher Attraktivität für sich monopolisieren. S/M als Utopie? Wäre Grey ein armer Schlucker mit Knollennase, hätte sich niemand um seinen Spieltrieb gerissen.