Die Zukunft des dänischen Serienwunders kommt daher als ein hochgeschossener Schlacks von 37 Jahren mit säuberlich gestutztem rotem Backenbart und Harry-Potter-Brille. Jeppe Gjervig Gram, Absolvent der dänischen Filmschule, ist an diesem Maiabend im schwarzen Anzug mit Einstecktüchlein im Luxusrestaurant Geist erschienen. Auf seiner Stirn schimmern Schweißperlen. Das hat wenig mit den eher kühlen Temperaturen im Restaurant am niedlichen Kopenhagener Nyhavn zu tun, nein, der Mann ist nervös. Jetzt schon. Denn 2015 wird im Dänischen Fernsehen (DR) die erste Serie ausgestrahlt werden, für die er allein verantwortlich ist. Jeppe Gram ist Chefautor von Follow the Money. Es wird um die Finanzkrise gehen und um die Frage, was Gier mit Menschen macht.

Bei allen Serien der öffentlich-rechtlichen Senderfamilie DR ist das Prinzip immer dasselbe. Es muss ein Thema von großer Relevanz gegeben sein, das mit einem Unterthema von gesellschaftlicher Brisanz verbunden wird. "Doublestory" nennen sie das hier. Die Folgen 1 und 2 der ersten Staffel hat Gram schon zusammen mit zwei anderen Drehbuchautoren geschrieben. Aber es ist Gram, der das letzte Wort hat, was die Schauspieler, die Drehorte, den Schnitt betrifft. Es gibt auch einen Regisseur, aber der muss sich Gram unterordnen. So machen sie es im dänischen Fernsehen, ein Paradigmenwechsel. Der Erfolg von Serien wie Borgen oder The Killing, das im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Kommissarin Lund lief, geben den Dänen recht. Borgen wurde bislang in über 70 Länder verkauft, unter anderem an die BBC und an den amerikanischen Sender HBO. Jeppe Gram hat an "Borgen" mitgeschrieben, und dies hat er offenbar so gut gemacht, dass er nun bereits zu den Stars des dänischen Fernsehens gehört.

Die Dänen erzählen Geschichten, die ins Herz des modernen Lebens zielen

Jeppe Gram ist an diesem Abend ins Geist gekommen, weil ihn die Schweizer Fernsehmacher darum gebeten haben. Denn sie haben ein Problem, das sie immerhin erkannt haben. Das Schweizer Fernsehen erzählt uns zu wenig über uns selbst. Was hat die an sich gut gemachte Mini-Serie Der Bestatter mit Mike Müller in der Hauptrolle, dessen erste, vierteilige Staffel mit durchschnittlich 700.000 Zuschauern und über 40 Prozent Marktanteil pro Episode ein Großerfolg war, mit den Fragen zu tun, die uns wirklich beschäftigen? Mit der allmählichen Auflösung einer Schweiz, wie wir sie kannten? Mit dem Einfluss der digitalen Welt auf die Familien? Mit der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie? Mit Tendenzen von Wohlstandsverwahrlosung? Leider zu wenig.

Ganz anders die Dänen. Es ist Konsens, dass die Nordländer zurzeit die besten Fernsehserien der Welt machen. Weil sie Geschichten erzählen, die uns alle etwas angehen, die ins Herz des modernen Lebens zielen. Bei Borgen, jener Serie, die das Leben der ersten dänischen Premierministerin zum Thema hat, war es etwa die Frage, was Macht aus Menschen macht und wie eine Frau so eine Karriere und Familie vereinbaren kann (die Antwort lautete übrigens: schlecht). Im Übrigen haben die Dänen auch die Zeichen der Zeit erkannt: Ihre erfolgreichsten Serien haben allesamt Frauen als Heldinnen. Moderne Frauen.

Und weil das alles so beeindruckend ist, sitzt heute Abend zum Beispiel Urs Fitze am Esstisch, freut sich an den mitreißenden Erzählungen von Jeppe Gram und an Hummercarpaccio. Fitze leitet die Abteilung Fiktion des Deutschschweizer Fernsehens (SRF). Seine Berufskolleginnen aus der Westschweiz und dem Tessin sind ebenfalls auf die Studienreise mitgekommen. Fitze kommt ins Grübeln, wenn er an seine Arbeit denkt: "Es liegt beim Schweizer Fernsehen nicht nur am Geld, es fehlen uns oft auch die starken Geschichten. Wir bekommen von außen zu wenig wirklich relevante Ideen. Das hat aber auch mit uns zu tun, weil wir in den vergangenen Jahren zu wenig deutlich gemacht haben, dass wir das wollen. Das muss sich ändern. Wir haben zu lange eine romantisierende Sicht unseres Landes gezeigt, es ist Zeit für einen Blick auf die moderne Schweiz."