Hochschulfinanzierung"Studiengebühren sind gerecht"

Die Hochschulen brauchen mehr Geld. Wer soll das bezahlen? Ein Gespräch mit dem OECD-Bildungsexperten Andreas Schleicher von 

DIE ZEIT: Herr Schleicher, wie passt das zusammen: Als internationaler Koordinator der Pisa-Studie kritisieren Sie regelmäßig das deutsche Schulsystem als sozial ungerecht. Andererseits plädieren Sie für Studiengebühren.

Andreas Schleicher: Das sind doch zwei Seiten einer Medaille: Ein gerechtes Schulsystem ist Voraussetzung, um die Talente aus allen sozialen Schichten zu nutzen und zu entwickeln, und damit die Basis eines erfolgreichen Hochschulsystems. Eine nachhaltige Finanzierung ist wiederum Voraussetzung, um vielen jungen Menschen ein hochwertiges Studium anzubieten. Dabei ist es nur gerecht, die Nutznießer eines Studiums in angemessener Weise an der Finanzierung zu beteiligen: den Staat, der mehr Steuern einnimmt, die Wirtschaft, die produktiver arbeitet, und die Studierenden, die später höhere Gehälter bekommen.

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ZEIT: Aber braucht man dazu Studiengebühren?

Schleicher: Nicht unbedingt, aber die Alternative wären höhere Steuern. Sie haben doch nur zwei Möglichkeiten: Sie können das Studium über öffentliche Investitionen finanzieren. Das funktioniert in den Staaten Nordeuropas, weil die Kosten dort über eine sehr starke Steuerprogression wieder eingefangen werden. Die Leistungsträger mit gutem Bildungsabschluss bezahlen dort das Studium der nächsten Generation. Die andere Möglichkeit ist, das Studium über Studiengebühren zu finanzieren, dann bezahlt der Einzelne für sein eigenes Studium. Das funktioniert dort gut, wo der Staat gute Stipendiensysteme anbietet, wie etwa in Australien oder England. Für Staaten wie Deutschland, wo der Staat selber nicht ausreichend investiert, gleichzeitig aber Studiengebühren verhindert, bedeutet das letztlich, weniger jungen Menschen ein schlechteres Studium anzubieten. Am Ende zahlen dann die Facharbeiter für das Studium der Kinder reicher Eltern.

ZEIT: Hierzulande gilt kostenlose Bildung aber als Bringpflicht des Staates.

Andreas Schleicher

ist bei der OECD stellvertretender Direktor für Bildung.

Schleicher: Die Diskussion steht doch auf dem Kopf. Für den Kindergarten, in dem die Weichen gestellt werden, wird ja Geld bezahlt. Aber ausgerechnet die Hochschulbildung, von der der Einzelne besonders stark profitiert, soll umsonst sein.

ZEIT: Nun ist gerade der Versuch gescheitert, Studiengebühren zu erheben. Bayern und Niedersachsen, die letzten Gebührenländer, schaffen sie wieder ab. Ihr Vorschlag ist doch politisch unrealistisch.

Schleicher: Dass es Nachbarländern wie Großbritannien in den letzten Jahren gelungen ist, durch ein effizientes und gerechtes System von Studiengebühren Raum für enorm gesteigerte Bildungsinvestitionen zu schaffen, zeigt, dass der Ansatz durchaus realistisch ist.

ZEIT: Warum ist er in Deutschland gescheitert?

Schleicher: Das lag an der dilettantischen Umsetzung. Die geringen Gebühren haben den Universitäten wenig gebracht und nicht die entscheidenden Qualitätsverbesserungen erzielt, um Studierende und Bildungsanbieter zu überzeugen. Sie haben die Studierenden auch deswegen gegen sich aufgebracht, weil der Gebührenansatz nicht ausreichend sozial abgefedert war. Am Ende gab es keine Gewinner, nur Verlierer.

Leserkommentare
    • kdbinf
    • 29. Juni 2013 13:33 Uhr

    "Für den deutschen Steuerzahler wiederum gilt, dass er von jedem Hochschulabsolventen 156.000 Euro mehr an Steuern bekommt, als er an Steuergeldern in dessen Studium investiert."

    Na also, es ist eben nicht so, dass der Student auf Kosten der Allgemeinheit sein Studium finanziert bekommt.

    Ansonsten gebe ich Schleicher insofern recht: Entweder höhere Steuern auf Gutverdiener, oder eben Studiengebühren. Letzteres würde ich nur mittragen, wenn diese erst NACH dem Studium und erst nach Erwerb eines Arbeitsplatzes mit ausreichendem Einkommen gezahlt werden müssten.
    Inwiefern aber 300€ im Semester zu wenig sein sollen, erschließt sich mir nicht ganz. Meines Wissens hatten viele Unis mit Studiengebühren das Problem, dass sie gar nicht wussten wohin mit dem Geld. Ich habe von vielen Studenden an Unis mit Gebühren gehört, dass nach Einführung der Gebühren das Geld nur so aus dem Fenster geworfen wurde.

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    nur gehört. Sprechen Sie bitte mit den Fakultäten, Instituten oder Präsidien... Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die wesentlich durch den politischen Dilettantismus hervorgerufen wurden, haben die Hochschulen die Gelder sehrwohl vernümftig verwendet. Nebenbei bemerkt, die Gelder sind trotz steigender Studierendenzahl, nach Abschaffung der SG, von den Ländern eingefroren worden. D.h. die Uni bekommen jetzt weniger als vorher ...

    ... lange Zeit gegen Studiengebühren. Aber schauen wir mal, wo uns die studiengebührenfreie Welt hingebracht hat:

    Ja, es studieren viele, auch aus niedrigen Schichten, und das ist sehr gut, dennin einer gerechten Welt sollte Bildung meiner ansicht nach kaum vom Stand abhängig sein.

    Denken wir aber weiter: Es werden viele Orchideenfächer studiert. Und danach finden die Menschen in der Wirtschaftswelt keine Anstellung und in der akademischen Welt in ihren Fächern keinen Respekt. Was bringen uns etliche Absoilventen der Geisteswissenschaften, die am Ende eh nur als gutausgebildete Museumsaufseher taugen?

    Nein, Studiengebühren würden das lösen: Sie werfen Kosten auf, egal ob der Staat oder eine Bank sie auslegt. Jeder Student ist sich bewusst, dass er später eine Arbeit ergreifen muss, die es ihm ermöglicht, die Schulden zurückzuzahlen. Ergo: Die Studienanfänger würden sich mehr für Fächer entscheiden, die am Ende tatsächlcih Einkommen generieren (also auch Werte schaffen, die den Menschen unserer Gesellschaft "etwas wert" sind - das heißt dann Gehalt).

    Wo uns die Pseudowissenschaften, die als Fakultäten an Wissenschaften existieren, hingebracht haben, wissen wir, wenn wir nur unsere Politiker ansehen.

    @ try_to_understand:

    Ich glaube das ist ein Trugschluss, dass bei Studiengebühren weniger "Orchideenfächer" studiert werden würden. Man studiert nicht Maschinenbau, weil man sich Gedanken über das zukünftige Einkommen macht, anstatt Germanistik, wo die eigenen Neigungen und Fähigkeiten liegen.
    In meinem Umfeld (Selbst Student) erkenne ich immer mehr den Trend zu Anwendungsorientierten Studienfächern. "Was kann man damit machen?" ist eine häufig gestellte Frage. Ich glaube demnach, dass die anwendungsbezogene Orientierung ohnehin Trend unserer jungen Generation ist.

    Dass Studierte ein höheres Gehalt bekommen, ist ebenso stark pauschalisiert.
    http://www.focus.de/finan...

    • Kauri
    • 30. Juni 2013 12:13 Uhr

    ....um die Kosten des Studiums zu refinanzieren? Und was ist mit den Gutverdienern, die nicht studiert haben?
    Herrn Schleicher ist in vielen Dingen Recht zu geben. Ein Darlehn wäre das Beste. Aber wir befinden uns auf einem falschen Weg, was die Zahl der Studenten anbetrifft. Das heutige Abitur erhält man auf dem Vollkasko-Weg. Mir kann keiner erzählen, dass bei 45% Abiturquote die qualitativen Ergebnisse eines Abiturs die gleichen sind, wie beispielsweise bei 20%! Das Gymnasium ist doch zu einer besseren Hauptschule geworden.
    Mit dem Abitur , dass ich man jedem gönne, hat man ein Ticket für das Studium. Wenn 35 bis 40% eines Altersjahrganges ein Studium abschließen, dann ist mit Sicherheit zu erwarten, dass die Anzahl der " adäquaten" Arbeitsplätze dafür nicht vorhanden sein wird.
    Die Konkurrenz der "Akademiker" um entsprechende Arbeitsplätze ist schon heute sehr hoch. Ein mit Studiengebühren verbundenes Studium, dass mit einem Darlehn finanziert wird, wird manchen zu der Überlegung bringen, ob sich dass angesichts der unsicheren Erwartungen überhaupt lohnt. Außerdem ist nicht einzusehen, dass die nicht akademisch ausgebildeten Leute, den Akademikern das Studium bezahlen. Wenn die Gesellschaft händeringend ganz bestimmte Qualifikationen benötigt , wird sie einen Weg finden die zu generieren. Aus eigener Anschauung weiß ich, dass der Output von Hochschulen im Augenblick qualitativ zu wünschen übrig lässt. Das ist das Ergebnis von überforderten Massenuniversitäten.

  1. nächste Runde ... und dann wieder und dann wieder,
    dann wieder erheben, dann wieder erlassen ... ect.pp.
    Solange die Einkommensverhältnisse so unverhältnismäßig ungleich verteilt sind und sich die Ungleichverteilung (ebenfalls nach OECD-Statistiken, IWF und wie sie alle heißen) weiter zunehmen, sind Studiengebühren nicht ok. Punkt.
    So; Herr Schleicher und jetzt kümmern Sie sich erstmal um den OECD-Bericht über die Bildungsvererbung im ungleichen Deutschland. Als ersten Schritt-wenn Sie dieses Problem erfolgreich gelöst haben, können Sie auf Grundlage der sich dann entfaltenen Einkommensgegebenheiten in Dtl. nochmal über Studiengebühren nachdenken.

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  2. Ich finde es ein wenig traurig, daß ein Hochschulstudium hier ausschließlich unter dem Aspekt des späteren, höheren Gehalts betrachtet wird. Für bestimmte Fächer ist das sicherlich angemessen, aber speziell im sozialen und kulturellen Bereich winkt auch nach Abschluß des Studiums nicht der große Geldregen, im Gegenteil. Es gibt Lebenswege, die nicht auf hohe Gehälter ausgerichtet sind, bei denen ein Studium keine Investitionsstrategie darstellt, worin Bildung auch über einen bloßen Wissenserwerb zur späteren finanziellen Nutzung hinausgeht. Und das ist gut so. Ich will nicht in einem Land leben, dessen Hochschulsystem nur noch karrierefixierte Leistungsroboter in teuren Anzügen züchtet. Das wäre kein sehr interessantes Land.

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    ...dessen Hochschulsystem nur noch karrierefixierte Leistungsroboter in teuren Anzügen züchtet. Das wäre kein sehr interessantes Land."

    Zumal ja viele dieser "Leisungsroboter" nur "Nieten in Nadelstreifen" (G. Ogger) sind...

  3. Vorweg ein wirklich anspruchsvolles Studium bedeuted immer auch eine klare Leistungsselektion.

    Anspruchsvolle Studiengänge haben entsprechend in der Regel um die 50 Prozent Studienabbrecher.
    Das ist für jeden Studienanfänger ein Risiko, auch ein Kostenrisiko und mit Studiengebühren ein noch größeres Kostenrisiko. Das schreckt ab, wer darauf angewiesen ist Risiken zu minimieren und in eine Beruf zu kommen um Geld zu verdienen muss seine Risiken (auch Kostenrisiken) verkleinern.

    Wer die Gerechtigkeitslücke beim Studium schließen möchte streicht besser die Möglichkeiten zusammen was (reiche) Eltern alles als Sonderausgaben für das Studium Ihres Nachwuckses steuerlich absetzten können und sorgt im Gegenzug dafür das die Bafög-Rückzahlungen steuerlich absetzbar werden (für alle jene den die Eltern nicht das Studium finanzieren konten).

    Die Studiengebühren jedenfalls über die hier wieder gesprochen wird werden wenig oder gar nicht zu mehr Gerechtigkeit beitragen sondern nur bestehende Probleme (auch Gerechtigkeitsprobleme) vergrößern,
    und ich unterstelle den Leuten welche die Studiengebühren fordern auch das dies so gewollt ist.

    9 Leserempfehlungen
  4. ... die Unis doch bitte schön ihre Verträge mit der Wirtschaft offenlegen, damit man sich einen Überblick verschaffen kann, ob die Forschung hier tatsächlich "frei" ist, oder ob sich ein kleiner Kreis einer schönen Geldquelle bedient.

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    Verträge werden und brauchen nicht offen gelegt werden, das es sich um bi- oder multilterale Auftragsforschung handelt. Diese ist per se nicht frei. Es gelten die Regeln der so genannten EUFuEI-Trennungsrechnung.

  5. nur gehört. Sprechen Sie bitte mit den Fakultäten, Instituten oder Präsidien... Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die wesentlich durch den politischen Dilettantismus hervorgerufen wurden, haben die Hochschulen die Gelder sehrwohl vernümftig verwendet. Nebenbei bemerkt, die Gelder sind trotz steigender Studierendenzahl, nach Abschaffung der SG, von den Ländern eingefroren worden. D.h. die Uni bekommen jetzt weniger als vorher ...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Nicht ganz unrecht"
  6. Hochschulgebühren oder nicht? Die Frage geht am Kernproblem vorbei...
    Wenn man das Schuldgeldsystem abschaffen würde und eine sinnvolle Alternative dafür einsetzen würde, dann stellte sich diese Frage nicht.

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  7. Verträge werden und brauchen nicht offen gelegt werden, das es sich um bi- oder multilterale Auftragsforschung handelt. Diese ist per se nicht frei. Es gelten die Regeln der so genannten EUFuEI-Trennungsrechnung.

    Antwort auf "Zunächst könnten..."

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