Ein Nichts und Niemand aus dem Waisenhaus, ein kleiner Soldat und Funker wird zum Helden, bloß weil die Nation ganz rasch welche braucht, er darf sogar mit dem amerikanischen Todfeind Steaks grillen, verschwindet danach aber im Lager – und taucht doch wieder auf, schummelt sich bis an die Spitze des Staates und raubt dem "Geliebten Führer" auch noch ein Mädchen. Das ist eine ziemlich irre Geschichte. Und wer weiß, ob sie sich nicht doch irgendwo zwischen dem 38. Breitengrad und der chinesischen Grenze zutragen könnte, zwischen Pjöngjang und dem Gulag Yodok, absurd und ganz im Stillen.

Jetzt kann man sie lesen. Sie ist nicht unbedingt wahr, aber auf nordkoreanische Weise wahrscheinlich. Anders als der Iran ist Nordkorea den Amerikanern ein geradezu herzwärmender Feind. Zu schwach, um den USA gefährlich zu werden, hemmungslos in der Missachtung der Menschenrechte, der Welt aufgekratzte totalitäre Folklore vorspielend, kommt das Land dem Bedürfnis nach eindeutiger Beurteilung entgegen. Ohne das Gefühl moralischer Überlegenheit können die USA keine dauerhafte Feindschaft pflegen. Bisher konzentrierte sich das Interesse auf dokumentarische Nachrichten, im Zentrum die Geschichten der Davongekommenen wie Kang Chul-Huan oder An Hyuk. Jetzt gibt es einen amerikanischen Roman über Nordkorea, und dass er gleich den Pulitzerpreis erhalten hat, spricht dafür, dass – neben dem Ernst des Konfliktes, neben Raketenversuchen und Plutoniummeilern – den Amerikanern ihr Kriegsgegner in Wirklichkeit immer ferner rückt, mythisch wird, sich langsam in ein böses Märchen aus uralten Zeiten verwandelt.

Adam Johnsons Buch ist politische Science-Fiction, keine Propaganda, aus genuin amerikanischer Perspektive erzählt. Literarisch ist es eigentlich nicht bemerkenswert. Es verbleibt im Romanschema, wie es an amerikanischen Universitäten gelehrt wird, übrigens auch von Adam Johnson. Es gibt eine klare Geschichte, das Leben des Jun Do, kontrastierende Erzählstränge wie die Bekenntnisse eines anonymen, am Job verzweifelnden Folterknechtes oder die aus den Lautsprechern über Pjöngjang quakenden Lern- und Propagandageschichten für das Volk. Das letzte Drittel wird von einem leicht verständlichen ethischen Konflikt dominiert: Lohnen sich Verrat und Selbstopfer?

Das ist simpel, verworren hingegen das Leben des Jun Do. Er stammt aus einem Waisenhaus, was in Nordkorea ein Leben ohne Rechte und ohne persönliche Identität bedeutet. Jun Do wird als Tunnelkämpfer ausgebildet, danach verschlägt es ihn als Funker auf ein Boot. Er verschleppt des Nachts japanische Zivilisten. Als das Boot von den Amerikanern aufgebracht wird, muss eine Legende her, sonst wird an Land die gesamte Besatzung eliminiert, um den Vorfall ungeschehen zu machen. Also hat Jun Do mit einem Hai gerungen, um seinen von den GIs ins Meer gestoßenen Kameraden zu retten. Mit dieser Legende macht der Held sogar vom Straflager aus Karriere. Auf einmal fliegt er mit einer Delegation nach Texas. Die nordkoreanischen Politiker lassen sich von Figuren wie Jun Do doubeln. Nichts ist echt. Erwartungsgemäß scheitert das Treffen, und alle wandern wieder in den Gulag.

Diesmal jedoch passiert etwas Ungewöhnliches. Im Lager sitzt außerdem der berüchtigte und mächtige Kommandant Ga ein. Ga ist der Verantwortliche für die Zwangsarbeit im Lande und wuchs sogar zu einem Konkurrenten des Geliebten Führers Kim Jong Il heran. Bis man ihn kaltstellte. Ganz genau wird es nicht erklärt, aber Jun Do gelingt es, Ga auszuschalten und dessen Identität – was ist das schon in diesem Land – zu übernehmen. Die Scharade wird geduldet, denn der Geliebte Führer spielt gern und hat durchaus Sinn für Ironie. Jun Do rückt also an Gas Stelle, zieht in dessen luxuriöses Heim ein und trifft seine Frau, die Schauspielerin Sun Moon. Die ist der Star im Land, ein nationaler Schatz, den auch der Diktator nur mit Samthandschuhen anfassen kann.

Am Schluss ist Jun Do mit Sun Moon in keuscher Liebe verbandelt. Er verhilft ihr zur Flucht – und bleibt selbst im Land, mit allen Folgen. Johnsons Held ist ein sehr später Picaro, eine arme literarische Seele, die durch eine verworrene Welt taumelt. Aber diese Welt ist nicht barock, sondern die Hölle selbst. Das Leben in Nordkorea ist ein Phantasma, das durch Fiktion eigentlich nicht mehr überboten werden kann. Wenn man Johnson Glauben schenken mag, ist die Ausmerzung des Ichs, jeder Form von persönlichem Bewusstsein das Ziel dieser Diktatur. Doch scheint es für dieses Programm keine oberste Regie mehr zu geben, paranoid und routiniert frisst sich die Mordmaschine durch die eigene Bevölkerung. Sie verschlingt bei Gelegenheit ebenso Regierungsmitglieder wie Geheimdienstler. Unter Stalin existierte ein Klima der Angst und des Verdachts. Im Hyper-Stalinismus gibt es keine Subjekte mehr, die zwischen wahr und falsch unterscheiden. Irgendwie leben die Menschen dahin. Bis sie platt gedrückt werden wie Fliegen an der Wand.

Und dies ist das wahre Thema des Buchs: An Jun Do, dem Geringsten im Geiste, scheitert die wütende Erziehungsdiktatur. Mehrfach ist die Rede davon, dass Jun Do ein Meister im Schmerztraining war, dass er auch die irrwitzigsten Qualen ertragen konnte, weil es ihm gelang, die Pein "zu bündeln" und "an einen fernen Ort in seinem Hirn" zu senden. Dieser Ort ist eine Art unzerstörbarer Ich-Kern. Er befähigt Johnsons Held am Schluss zu einer moralischen Entscheidung. Es ist der Sieg über den kollektiven Irrsinn, die Rettung vor der lebenslangen Gehirnwäsche. Das Ich ist der Fluchtpunkt des Schreckens.

Leider unterzieht der Autor auch seine Leser einem Schmerztraining. Lesbar ist das Buch, solange es satirisch bleibt und beispielsweise das nicht minder skurrile Texas aus nordkoreanischer Perspektive beschreibt. Auch das Porträt Kim Jong Ils gelingt. Johnson macht aus ihm einen sardonischen Schöngeist, er ähnelt dem Joker aus Batman, wäre da nicht die Vorliebe für die beigen Vinalon-Anzüge. Ganz unerträglich wird der Roman allerdings, wenn er akribisch Foltermethoden und Demütigungspraktiken schildert. Der Hunger, die Aussichtslosigkeit, die hygienischen Verhältnisse, die grauenerregende Ausbeutung der Körper und Seelen – all das beeindruckt. Doch erhöht die Frequenz solcher Beschreibungen nicht die literarische Qualität. Am Ende sinkt der erschöpfte Leser ins Kissen zurück: "Toll, dass der Waise Jun Do eine unsterbliche Seele hatte. Noch besser, dass das Buch nun aus ist."