Aserbaidschan : Angriff auf Gasprom

Europa will weniger abhängig von russischem Gas sein. In Aserbaidschan schlummern riesige Vorräte.

Es geht um alles oder nichts. So sieht es Elshad Nassirov, Vizepräsident der staatlichen aserbaidschanischen Gas- und Ölgesellschaft Socar. Zusammen mit seinen Kollegen von einigen anderen Energiekonzernen wird er über ein Milliardenprojekt entscheiden: Europa braucht GasAserbaidschan will es liefern. Aus seinem Eckzimmer blickt Nassirov auf die leuchtend blaue Bucht von Baku. Dort, tief im Grund des Kaspischen Meeres, schlummern die Gas- und Ölvorräte, die eine ganze Region zu neuem Leben erwecken. Das Gasfeld Shah Deniz 2 könnte bald schon Gas nach Europa liefern – wenn die neue Pipeline denn gebaut wird.

Schon heute wird Öl und Gas durch Pipelines von Baku durch Aserbaidschan und Georgien bis in die Türkei geleitet. Wie zwei feine Fäden durchqueren sie die Region. Das Öl geht dann vom türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan aus in alle Welt. Das Gas aber bleibt bislang in der Türkei. Längst haben die Petrodollar den einst armen Rand des alten Sowjetreiches verändert. In der Boomtown Baku, Aserbeidschans protziger Hauptstadt, wird gerade das höchste Haus der Welt gebaut, 1.050 Meter hoch soll es werden.

Noch mehr Geld könnte fließen, wenn Shah Deniz 2 erschlossen ist und das Gas von dort zu seinen europäischen Kunden kommt. Ursprünglich wollten die Europäer dafür eine eigene Pipeline bauen, 3.900 Kilometer lang, über sechs Ländergrenzen hinweg. "Nabucco" sollte Europas Zugang zu den Reichtümern im Kaspischen Meer sein. Doch von diesem Projekt ist nach vielen internen Querelen nicht viel geblieben. Durch die Türkei werden Türken und Aserbaidschaner nun die Trans Anatolian Pipeline bauen. Erst an der EU-Grenze übernehmen dann die Europäer wieder. Wer den europäischen Teil baut und betreibt, soll Ende Juni entschieden werden.

Zwei Konsortien streiten darüber, wer den lukrativen Auftrag bekommt: einmal Nabucco West, das von dem österreichischen Energiekonzern OMV angeführt wird und das kaspische Gas durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn in die Mitte Europas bringen will. "Ich bin zuversichtlich, dass unser Projekt ausgewählt wird", meint Nabucco-Chef Reinhard Mitschek. Oder TAP, zu dem E.on und die norwegische Statoil gehören. Die Trans Adriatic Pipeline will den flüssigen Rohstoff über Griechenland und Albanien durch die Adria nach Italien transportieren. "Wir haben den kürzesten Weg", sagt TAP-Geschäftsführer Kjetil Tungsland, "in diesem Geschäft bedeutet das geringere Kosten. Wir hoffen, dass man sich für uns entscheidet."

Entscheiden wird Nassirov gemeinsam mit den Vertretern von BP und Statoil, die je 25,5 Prozent der Anteile am Shah-Deniz-Konsortium halten. Es geht um gewaltige Summen, um große Risiken und um Prognosen für Jahrzehnte. Wie viel Gas benötigt Europa, jetzt, wo die Energiewende die Erneuerbaren immer billiger macht? Wie wird sich der Gaspreis entwickeln, was ist mit der Konkurrenz durch Flüssiggas? Kann über die kaspisch-türkischen Pipelines irgendwann auch Gas aus dem Irak oder dem Iran auf den europäischen Kontinent transportiert werden? Und: Welche Pläne haben die Russen?

Russisches Gas gibt es in Europa schon jetzt reichlich; die Ostseepipeline bringt es im Norden direkt nach Deutschland, mit der neu geplanten South-Stream-Röhre soll es in einigen Jahren auch im Süden durch das Schwarze Meer nach Europa strömen. Allerdings ist manchen Europäern nicht wohl bei dem Gedanken, bei der Gasversorgung immer mehr auf Russland angewiesen zu sein. Deutschland bezieht rund 40 Prozent des flüssigen Rohstoffs aus russischen Quellen, einige Länder des früheren Ostblocks sind fast völlig von Lieferungen des Staatskonzerns Gasprom abhängig. Aserbaidschan wäre ein neuer Lieferant.

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