Wie unehrlich der Streit um den Atommüll gewöhnlich geführt wird, zeigt sich daran, dass es manchmal bloß eines Mutigen bedarf, der eine triviale Wahrheit ausspricht, um die ganze Debatte auf den Kopf zu stellen. "Irgendwo muss das Zeug doch hin" – mit dieser unbestreitbaren Feststellung beendete der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann im vergangenen Jahr die jahrzehntelange Blockade der Länder und läutete den Beginn einer neuen bundesweiten Suche nach einem geeigneten Standort für ein sicheres Lager für Atommüll ein.

Bis es gebaut ist, sammelt sich der Abfall der Atomstromproduktion weiter in provisorischen Zwischenlagern an den Standorten der Kraftwerke. In der vergangenen Woche hat das Oberverwaltungsgericht in Schleswig einem von ihnen, dem Zwischenlager in Brunsbüttel, die Betriebsgenehmigung entzogen. Und nun? Nun bleibt der Müll, wo er ist. "Wir können ihn doch nicht auf die Straße stellen", sagt Kretschmanns norddeutscher Kollege Torsten Albig. Auch dem kann man nicht widersprechen. Wohin sonst sollte man den Abfall denn schaffen?

Wie gefährlich diese notdürftig gesicherten Lagerhallen sind, darauf wies das Gericht nun hin. Theoretisch sollen sie Schutz vor terroristischen Anschlägen bieten. In der Praxis sind sie ausgelegt für die Waffentechnik der frühen neunziger Jahre. Sollten Attentäter in den Besitz moderner schultergestützter Raketen oder Panzerabwehrwaffen gelangen, dann gute Nacht.

Das Urteil lässt sich auf die meisten der rund zwanzig Zwischenlager in Deutschland übertragen. Und das ist nicht einmal das Schlimmste. Offiziell soll ab 2040 ein Endlager für Atommüll zu Verfügung stehen. In Wirklichkeit dürften schon die Suche nach einem Standort und der Bau des Lagers länger dauern. Dann folgt eine jahrzehntelange Phase, in der die Behälter mit den abgebrannten Brennelementen allmählich unter Tage geschafft werden. Selbst wenn es möglich sein sollte, die provisorischen Lager von heute erheblich zu verbessern – kann man im Ernst hoffen, sie bis zum Ende dieses Jahrhunderts ständig neu modernisieren zu können, sodass ihre Sicherheit mit dem Fortschritt der Waffentechnik Schritt hält?

Die Frage ist, warum das in der Debatte um den Atommüll nie eine Rolle gespielt hat. Und die Antwort ist, dass Sicherheit in diesem Streit bislang allenfalls ein zweitrangiger Gesichtspunkt war. Es ging darum, den Betrieb der Atomkraftwerke zu sichern oder der Atomindustrie zu schaden. Es ging darum, politische Handlungsfähigkeit zu demonstrieren oder eine Regierung bloßzustellen. Es ging um den Wert von Grundstücken, den Vertrieb der örtlichen Bioprodukte und das Wachstum der Ökostrombranche. Nur um Sicherheit ging es fast nie.

Warum doch gleich darf der Atommüll um keinen Preis nach Gorleben? Die gesamte deutsche Umweltbewegung ist sich darin einig. Den Grund aber kennen nach so langer Zeit nur noch wenige. Es ist nämlich so, dass die norddeutsche Tiefebene, in der Gorleben liegt, im Laufe der letzten Million Jahre mehrfach von Gletschern überdeckt worden ist. Solche Gletscher graben Furchen in die Landschaft, die sich später wieder füllen. Und eine solche Furche befindet sich über dem Salzstock im Wendland und bewirkt angeblich, dass in vielen Tausend Jahren, während der nächsten oder wahrscheinlich eher der übernächsten Eiszeit, ein Gletscher über dem Ort, der heute Gorleben heißt, eine neue Furche möglicherweise etwas schneller und etwas tiefer in die Landschaft schneiden könnte, als es an einem anderen Ort und über einem anderen Salzstock der Fall wäre.

Klingt verrückt? Nun, man kann auch die Idee verrückt finden, die Sicherheit eines Atommülllagers für eine Million Jahre zu garantieren. Wer das im Ernst unternimmt, der muss sich nach Eiszeiten und ihren Folgen fragen lassen.

Wirklich verrückt aber ist die Weigerung, diese Gefahr abzuwägen gegen die viel dringlichere Gefahr, die von den provisorischen Zwischenlagern ausgeht. Längst hat das Bundesumweltministerium der Industrie auferlegt, dafür zu sorgen, dass ihr Abfall nach seiner Einlagerung – wo auch immer – noch jahrhundertelang sicher geborgen werden kann. In Gorleben wäre der Müll für Jahrhunderte sicher. Warum es besser ist, von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch zu machen – das sollten die Gorleben-Gegner endlich einmal erklären. Nun, da das erste Zwischenlager ohne Genehmigung dasteht, gibt es in Ahaus, Brokdorf, Brunsbüttel und an vielen weiteren Orten Bürger, die das sicher gerne verstehen würden.