Guillermo Pastur greift ein winziges Gläschen aus dem Regal und hält es ins Licht. Ein schwarzer, mit bloßem Auge kaum erkennbarer Punkt klebt an der Glasinnenwand. "Wir wissen nur, dass es sich um eine Wespenart handelt, die im Inneren von Moosen lebt", sagt der Forstwissenschaftler, der am argentinischen Forschungszentrum Cadic in Ushuaia, Feuerland, eine Arbeitsgruppe im Bereich Waldwirtschaft und Ökologie leitet. "Wenn es so weitergeht, wird diese Art aussterben, noch bevor sie von einem Spezialisten beschrieben werden kann."

Dem winzigen Insekt macht das weltweit zweitgrößte Nagetier zu schaffen, das sich mit seinen kräftigen Schneidezähnen durch die Südbuchenwälder Feuerlands nagt. Der Biber, genauer gesagt der kanadische Biber (castor canadensis), staut mit Eifer Bäche und Flussläufe auf und setzt die Baumstämme unter Wasser. Durch die massive Umgestaltung der Landschaft geraten tierische und pflanzliche Bewohner dieser einzigartigen Biotope unter Druck. Ihr Lebensraum verwandelt sich Hektar um Hektar in morastiges Sumpfland, und das in rasantem Tempo. "Neben Insekten sind auch einzigartige Moose und Flechten bedroht, die hier in großer Vielfalt vorkommen", sagt Pastur. Manche dieser Arten leben ausschließlich in den ufernahen Südbuchenwäldern. Bald schon könnten sie für immer verschwinden.

Darum ist am "Ende der Welt" der Krieg ausgerufen worden. "The Beaver must die" der Biber muss sterben, titelte das sonst eher seriöse Fachmagazin Nature, als die Pläne öffentlich wurden. Wissenschaftler und Politiker haben dem Biber den Kampf angesagt. Es wird der größte Feldzug sein, der je gegen einen biologischen Eindringling unternommen wurde. Auf ganz Feuerland soll der Biber systematisch ausgerottet werden.

Die Inselgruppe Feuerland ist eine weitgehend unberührte eiszeitliche Urlandschaft, ein letztes Stück Wildnis an der Südspitze Südamerikas. In rund 11.000 Jahren hat sich hier ein einzigartiges, langsam gewachsenes und hochsensibles Ökosystem herausgebildet. Bis die argentinische Regierung vor rund 70 Jahren beschloss, die an Landsäugetieren armen Wälder zu "verbessern", und dazu europäische Wildtiere einführte. 1946 setzte sie 25 Biberpaare in Feuerland aus. Sie sollten sich als Jagdbeute verbreiten, eine lokale Pelzindustrie sollte sich etablieren.

Der Erfolg war durchschlagend. Für den Biber stellte sich die neue Heimat geradezu als Paradies heraus: Er fand dort unberührte Wälder mit teils immergrünen Buchenarten, durchzogen von unzähligen Wasserläufen und Seen, dazwischen Sümpfe und Hochmoore. Nahrung und Lebensraum im Überfluss. Vor Fressfeinden muss sich der Nager nicht fürchten. Er breitete sich in rasendem Tempo aus. Geschätzte 1.000.000 Exemplare leben heute auf den südlichen Inseln – fast ein Biber kommt auf jeden Einwohner der dünn besiedelten Inselgruppe. Insgesamt gibt es auf Feuerland durch die Ansiedelung inzwischen mehr exotische als native Landsäuger.

Hase, Rothirsch, Wildschwein – die Liste der Tiere, die auf diesem Weg in neue Regionen gelangten oder auch unabsichtlich eingeschleppt wurden und heute Einfluss auf die ursprünglichen Ökosysteme ausüben, ist lang. Dabei ist der Biber nur ein besonders krasses Beispiel für die Probleme, die in der Folge entstehen können.

Invasorische Arten

Biologen sprechen in solch einem Fall von invasorischen Arten oder auch Neozoen. Das können Pflanzen, Pilze oder Tiere sein. Oft gelangen sie zwar durch Menschen, aber eher unabsichtlich von einem Kontinent zum anderen, etwa im Laderaum eines Flugzeugs oder im Ballastwasser eines Schiffes. In Deutschland gibt es vom Bundesamt für Naturschutz eine schwarze Liste "invasiver Fischarten", auf der man zum Beispiel die Regenforelle oder den Schwarzen Wels findet. Manche "eingeschleppten" Vogelarten pflanzen sich mit einheimischen Arten fort und bescheren den ansässigen Arten "genetische Verluste".

Der Biber steht in Deutschland allerdings auf einer ganz anderen Liste – auf der Roten, Prädikat "gefährdet". Als das Nagetier Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland vom Aussterben bedroht war, schlugen Naturschützer Alarm. Mit viel Mühe konnten die Bestände wieder stabilisiert werden. Heute gilt der Biber vielen als Symboltier für Natur- und Umweltschutz. In den Ökosystemen seines angestammten Lebensraums, in europäischen oder nordamerikanischen Wäldern, hat sein Nagen auch sehr positive Auswirkungen. Hier wird der Biber zu seinem eigenen Gärtner, denn die gefällten und unter Wasser gesetzten Bäume treiben wieder aus und versorgen ihn nachhaltig mit seinem Lieblingsfutter, Knospen und jungen Trieben. Die so entstehenden Feuchtwiesen sind Biotope für zahlreiche seltene Pflanzen- und Tierarten.

Die Wälder der südlichen Hemisphäre haben hingegen keine passende Antwort auf die Eingriffe des tierischen Landschaftsarchitekten parat. Einmal unter Wasser gesetzt, sterben die Südbuchen Feuerlands unwiderruflich ab. Wer durch die bewaldeten Täler um Ushuaia fährt, sieht schnell, wie eifrig die Nager zu Werke gehen: kaum ein Landstrich, in dem keine Biberschäden sichtbar wären. Wo einst dichter Wald die Flussufer säumte, bleiben über viele Hundert Meter nur noch blanke, ausgebleichte Baumstümpfe zurück, die zwischen Sumpfgräsern in den Himmel ragen. So entstehen artenarme Landschaftsformen, wie es sie ohnehin schon im Überfluss gibt. Die Veränderungen von Vegetation, Nährstoffkreislauf und Bodenbeschaffenheit verhindern über lange Zeit eine erneute Besiedlung durch den ursprünglichen Wald.

Dem Biber folgten weitere Invasoren, so der auch in Deutschland unwillkommene amerikanische Mink, der hier wie dort wegen seines weichen Pelzes ausgesetzt wurde. Verdrängt er hierzulande den vom Aussterben bedrohten europäischen Nerz, dezimiert er in Feuerland als Nesträuber den meist bodenbrütenden Vogelbestand. Und die nicht heimische Lachsforelle kann Biberdämme überwinden, was ihr gegenüber den heimischen Raubfischarten, die das nicht können, einen Vorteil verschafft.

Rund fünf Prozent des Waldes sind bereits betroffen. Bis zu zehn Prozent könne der Nager dauerhaft schädigen, schätzt Guillermo Pastur. "Der Biber bringt inzwischen mehr Bäume zu Fall als alle feuerländischen Forstunternehmen zusammen." Dabei tritt er kaum in Konkurrenz mit den Forstunternehmen er kümmert sich um den Schutzstreifen entlang der Gewässer, in dem kommerzieller Holzeinschlag verboten ist.

Und das Biber-Problem droht sich weiter zu verschärfen: Einige Exemplare haben bereits die Magellanstraße Richtung Festland überwunden und sich auf der chilenischen Brunswick-Halbinsel etabliert. Die zuvor lokal begrenzte Bedrohung nimmt grenzenlose Züge an: Der Biber ist dabei, sich durch die Wälder entlang der patagonischen Anden Richtung Norden zu nagen. Knapp zweitausend Kilometer bestens geeigneter Lebensraum liegen vor ihm.

Der Biologe John Parkes mahnt deshalb zur Eile: "Die Population auf dem Festland zu eliminieren ist von höchster Priorität und Dringlichkeit", warnt der neuseeländische Spezialist für Wildtiermanagement und Seuchenkontrolle. Parkes kam 2007 mit einem internationalen Expertenteam für invasive Arten nach Feuerland. Vertreter aus Argentinien und Chile hatten ihn einbestellt, nachdem sie beschlossen hatten, dem Biber gemeinsam den Garaus zu machen. Vorherige Versuche, ihn über eine Art ausgelobtes Kopfgeld zu dezimieren und den Markt für Biberfell und Fleisch anzukurbeln, hatten nicht gefruchtet. Parkes und seine Kollegen sollten in einer Machbarkeitsstudie prüfen, ob und wie sich der Nager endgültig beseitigen ließe.

Das Team kam zu dem Schluss, dass eine vollständige Ausrottung des Bibers schwierig, aber möglich sei. Parkes’ Empfehlung: Auf einer "vorrückenden Front" sollten sich die Jäger von der Quelle bis zur Mündung die Flussläufe der Insel entlang vorarbeiten. Mit Hubschraubern sollten sie in die entlegenen Teile der Insel gelangen und dort mit Spürhunden, Jagdgewehren, Totfallen und sogar den in der EU verbotenen Tellereisen gegen das Nagetier ins Feld ziehen. Geschätzte Kosten des Vernichtungsfeldzugs: rund 35 Millionen Dollar.

Viele Forscher vor Ort sind von der Machbarkeit des Megaprojekts überzeugt. Die Zuversicht schöpft sich aus den in der Vergangenheit gesammelten Erfahrungen. Bereits vor über 150 Jahren wurde im ersten erfolgreichen Neozoen-Ausrottungsversuch eine australische Insel von eingeschleppten Ziegen befreit. Seither wurden weltweit auf etwa tausend Inseln invasive Arten bekämpft, in den meisten Fällen mit sehr guten Ergebnissen. Sogar beim Kampf gegen invasive Ameisenkolonien verzeichnen Ökologen inzwischen erste Erfolge.

Bisher handelte es sich allerdings meist um Projekte auf kleinen, leicht überschaubaren Inseln. Das umfangreichste war die Ausrottung verwilderter Hausziegen auf den Galapagosinseln. In Feuerland geht es um andere Dimensionen: Der Archipel ist wesentlich größer als alle Inseln, auf denen bisher invasive Arten bekämpft wurden. Die Inselwelt an der Südspitze Südamerikas besteht aus zahlreichen größeren und zahllosen kleinen Inseln, die insgesamt etwa die Fläche Bayerns umfassen. Neben wenigen asphaltierten Straßen ist die weitläufige, bergige Landschaft nur von einigen löchrigen Schotterpisten durchschnitten – die meisten Inseln sind völlig unbewohnt.

"Wir brauchen ambitionierte, groß angelegte Programme, um das Potenzial der Ausrottung nachzuweisen und der Öffentlichkeit und den Entscheidungsträgern zu zeigen, welche Ergebnisse man damit erlangen kann", erklärt Piero Genovesi, Vorsitzender der Expertengruppe für invasive Arten bei der internationalen Naturschutzorganisation IUCN. Er hält die "Eradikation" für eines der wichtigsten Werkzeuge zum Schutz der Artenvielfalt.

Auf der Speisekarte

Wegen des unwegsamen und schwer überschaubaren Geländes gibt es allerdings zahlreiche Skeptiker, die eine Ausrottung von vornherein für unmöglich halten. Der argentinische Forstwissenschaftler Guillermo Pastur gehört zu ihnen. "Bleibt nur ein einziges Biberpaar übrig, sind wir in wenigen Jahren wieder dort, wo wir begonnen haben", argumentiert er.

Nicht nur geografische Hindernisse stehen dem geplanten Feldzug im Weg. Chile hat zwar schon begonnen, die Eindämmung des Bibers auf dem Festland voranzutreiben und insgesamt 1,2 Millionen Dollar für diese Aktion zur Verfügung gestellt. Eine Ausrottung in dem immer noch stark militärisch kontrollierten Grenzgebiet ist jedoch nur möglich, wenn sich Chile und Argentinien abstimmen und auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Die Klärung von Details in der Umsetzung und Finanzierung des Projekts dauert nun schon mehrere Jahre. In der derzeitigen wirtschaftlichen Situation Argentiniens dürfte es schwierig sein, Ausgaben in Höhe von vielen Millionen Dollar für den Kampf gegen ein Nagetier zu rechtfertigen.

Der deutsche Umweltethiker Kurt Jax vom Umweltforschungszentrum in Leipzig beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Akzeptanz und den sozialen und ethischen Dimensionen von Naturschutzprojekten. Er stellt gleich das ganze Projekt grundsätzlich in Frage: "Sind denn exotische invasive Arten zwangsläufig ein Problem?" Das Team um Kurt Jax hat auf der Feuerland-Insel Navarino die Bewohner nach ihrer Einstellung zu invasorischen Arten befragt. "Ich mag den Biber, er ist wie wir", war eine der charakteristischen Antworten, die genannt wurden. Manche Einwohner schätzen das zugewanderte Tier, weil es "friedlich" und "fleißig" wirke. Der Biber, hat Jax festgestellt, stoße in der Bevölkerung auf weit mehr Sympathie als der ebenfalls eingeschleppte, räuberisch lebende amerikanische Mink. Man hat sich offenbar mit dem Biber arrangiert – in Feuerland befördert er mittlerweile den Tourismus und steht auf der Speisekarte mancher Restaurants.

Welche exotischen Arten unter welchen Bedingungen als erwünscht oder unerwünscht angesehen würden, sei immer eine Frage der Einstellung, sagt Jax. Die Tatsache, dass der Biber ökologische Systeme wie in Feuerland verändert, stelle für sich genommen gar kein Problem dar. Problematisch würde es erst, wenn ein bestimmtes Ideal wie "unberührte Natur" oder "einheimische Arten" zum erstrebenswerten Ziel erklärt werde. "Ist die Forderung nach der Ausrottung des Bibers in erster Linie das Interesse einiger in einem nationalen oder globalen Kontext argumentierender Naturschützer, geleitet von deren Naturvorstellungen einer "unberührten" oder "echten" Natur?", fragt der Forscher provozierend. Letztlich gehe es um die Frage, welche Natur wir wollen und von welchem Naturbegriff wir uns leiten lassen.

Auf eine solche theoretische Diskussion lässt sich der Forstwissenschaftler Guillermo Pastur nicht ein. Für ihn ist klar, dass der Biber in Feuerland aufgehalten werden muss – auch wenn er sich vermutlich nie vollständig eliminieren lässt. Pastur plädiert für eine dauerhafte Biberkontrolle. Die einzig realistische Lösung sei es, die Population konstant zu dezimieren und so möglichst klein zu halten. "Dabei könnte man ein besonderes Augenmerk auf die Waldgebiete legen, die noch nicht oder kaum von Biberschäden betroffen sind", sagt Pastur. "So ließe sich wenigstens ein Teil der ufernahen Wälder Feuerlands in ihrem ursprünglichen Zustand bewahren."

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