Der Verdacht wiegt schwer: Offenbar haben syrische Truppen in den vergangenen Monaten mehrfach geringe Mengen des chemischen Kampfstoffes Sarin eingesetzt. Proben von Körperflüssigkeiten, die Opfern entnommen und von Spezialinstituten in Frankreich und Großbritannien analysiert wurden, deuten darauf hin. Damit könnte der Bürgerkrieg in Syrien eine neue Entwicklung nehmen, nachdem US-Präsident Barack Obama vor Monaten klargemacht hat, dass bei einem Einsatz von chemischen Kampfstoffen eine "rote Linie" überschritten sei.

Die Situation weckt allerdings auch böse Erinnerungen an die angeblichen Beweise für chemische und biologische Waffen des irakischen Diktators Saddam Hussein, die Obamas Amtsvorgänger George W. Bush als Vorwand für den Irakkrieg von 2003 dienten. Es waren falsche Beweise, die Waffen existierten nur in den Köpfen amerikanischer Politiker und Militärs, die den Krieg unbedingt wollten. Genau auf dieses Debakel bezog sich jetzt die Assad-freundliche russische Regierung, indem sie die französischen und britischen Belege zum Einsatz von Sarin als "fabriziert" bezeichnete.

Frankreich und Großbritannien haben ihre Erkenntnisse inzwischen einer seit Monaten tätigen UN-Kommission zur Verfügung gestellt. Diese Kommission unter Leitung des schwedischen Chemiewaffenexperten Åke Sellström rät zur Besonnenheit: Es gebe bisher noch keine hundertprozentige Sicherheit. Auf der G-8-Konferenz in Nordirland haben jetzt alle Staaten einen möglichen Chemiewaffeneinsatz in Syrien verurteilt und den UN den offiziellen Auftrag zur Untersuchung der Vorfälle erteilt.

Diese Vorfälle sind: ein Angriff bei Homs im Dezember, Attacken in Aleppo und in Adra bei Damaskus im März, ein Angriff in Daraja bei Damaskus im April, ein Helikopterangriff in Saraqib südlich von Homs Ende April – nach dem sich französische Journalisten Blutproben der Opfer verschafften – und schließlich ein Angriff bei Dschobar nahe Damaskus zwischen dem 12. und 14. Mai, nach dem Journalisten der Pariser Tageszeitung Le Monde Urinproben von Verletzten mitnahmen. Diese Proben waren es, die außer Landes geschmuggelt und untersucht wurden.

Was aber ist überhaupt Sarin?

Fluor-Methylphosphonsäure-Isopropylester: eine farb- und geruchlose Flüssigkeit, die zu Erblindung und Atemlähmung führen kann. Die Substanz ist nicht sehr stabil, sie zersetzt sich rasch. Dabei kann sich unter Abspaltung von Fluorwasserstoffsäure der Stoff Isopropyl-Methylphosphonsäure (IMPA) bilden; zusammen mit Wasser reagiert IMPA weiter zu Methylphosphonsäure (MPA) und Isopropanol. IMPA und MPA wurden in den Proben nachgewiesen; von den zahlreichen Nervenkampfstoffen zerfällt einzig und allein Sarin zu IMPA, das sich in Körperflüssigkeiten etwa vier Tage hält, danach aber noch weitere nachweisbare Spuren hinterlässt.

Das sind in der Tat harte Fakten, doch über die näheren Umstände der Einsätze ist nichts bekannt. Keine Angaben darüber, ob und wie viele Tote es gab, keine Angaben über die Verletzten. Man weiß wenig über die Angreifer, immerhin könnten auch Rebellen Kampfstoffe in einem Depot vorgefunden und verwendet haben.

Die Technologie stammt aus Russland. Die "Heimat" des Sarins allerdings ist Deutschland. Der Stoff gehört zu den Nervenkampfmitteln, die erstmals Ende 1936 im Nazi-Reich synthetisiert wurden. Damals forschte der IG-Farben-Chemiker Gerhard Schrader in Leverkusen an Insektiziden. Systematisch experimentierte er mit den Estern der Phosphorsäure.

Er stieß zunächst auf einen anderen hochgiftigen Stoff, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Schrader klagte über eine dramatische Verengung der Pupillen und über Atemnot, wochenlang musste er das Bett hüten. Der Stoff gehörte zu den giftigsten Substanzen, die damals bekannt waren, als Pflanzenschutzmittel kam er nicht infrage. Stattdessen interessierte sich die Wehrmacht für die Substanz, in der sie die chemische Waffe einer neuen Generation erkannte, einen Nervenkampfstoff. Sie nannte ihn "Tabun", abgeleitet von Tabu, dem Berührungsverbot.