Angehörige DemenzkrankerMal ganz bei sich

Demenzkranke stellen ihre Partner auf eine harte Probe. In Bad Ischl können sie Urlaub von den Belastungen der Betreuung machen. Eine Reportage von Sabine Pusch

Felicitas Zehetner organisiert Alzheimerurlaube für ausgelaugte Paare.

Felicitas Zehetner organisiert Alzheimerurlaube für ausgelaugte Paare.  |  © Marco Riebler für DIE ZEIT

Elfriede Pautz ist noch nicht ganz überzeugt von ihrer neu gewonnenen Freiheit. Gerade hat sie sich in der Therme von Bad Ischl massieren lassen, wollte sich entspannen, bewusst etwas für sich selbst tun – und das jetzt schon den dritten Tag in Folge. Für die 79-Jährige ist das eine unbekannte Situation, so unbekannt, dass sie ständig innere Unruhe verspürt. "Normalerweise habe ich zweimal pro Woche Zeit für mich, ungefähr eineinhalb Stunden jeweils", sagt sie. Sie geht dann zum Frauenarzt, zur Fußpflege; immer mit Blick auf die Uhr. In diesen drei Stunden tut sie all das, was sie nur dann tun kann, wenn ihr Mann Johann beim Demenztraining ist. Dort hat sie auch einen Flyer gesehen – "Alzheimerurlaub" stand darauf. Ihre Tochter buchte, Elfriede Pautz packte die Koffer: einen für sich, einen für ihren Mann. "Vor sieben Jahren ging es bei ihm schleichend los", sagt sie. "Viel ist von dem Menschen von früher nicht mehr übrig."

Während Elfriede Pautz versucht, ihre ungewohnte Freizeit zu genießen, sitzt ihr Mann Johann in einem Zimmer im Viersternehotel Goldener Ochse und unterhält seine Tischnachbarn. "Hier muss man die Kugel halten und dann nach vorne stoßen", sagt der pensionierte Oberstudienrat und demonstriert die Kugelstoß-Technik. Viele Jahre ist es her, dass der 89-Jährige in Salzburg Leibeserziehung studierte. Wenn es um seine Leidenschaft, den Sport, geht, leuchten seine Augen. "Wo ist meine Gattin?", fragt er in die Runde – zum fünften Mal bereits. "Ihre Gattin ist bei der Massage, Herr Oberstudienrat. Vielleicht kommt sie ja 20 Jahre jünger zurück", sagt die Trainerin. Er lacht kurz auf, dann hat ihn das Vergessen wieder. Sein Blick geht ins Leere.

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Im Zimmer nebenan sitzt Richard Ulbrecht. Er lehnt sich zurück und lässt den Blick aus dem Fenster zum wolkigen Himmel schweifen. "Herr Ulbrecht, was meinen Sie denn?", fragt Heidi und reißt ihn zurück in die Gegenwart des Hotelzimmers. Heidi ist heute seine Trainerin, MAS-Trainerin. MAS steht für Morbus Alzheimer Syndrom. Rund um den Tisch sitzen noch vier Männer und eine Frau. Sie haben Bilder von Oldtimern vor sich liegen und können sich nicht entscheiden, welcher der schönste ist. Richard Ulbrecht fühlt sich unterfordert. Aber er weiß, dass auch er sich immer weniger entscheiden kann. Er ist seiner Frau Rita zuliebe hier, weil ihm bewusst ist, wie schwer es ihr fällt, seine Symptome zu akzeptieren, wie schlecht sie oft mit der Situation zurechtkommt und wie sehr sie sich wünscht, mit anderen Betroffenen darüber sprechen zu können. Bei Richard Ulbrecht stellte der Arzt vor zwei Jahren die Diagnose Demenz.

Kaum Angebote für pflegende Angehörige

Felicitas Zehetner weiß, was in Rita Ulbrecht vorgeht. Sie organisiert die Alzheimerurlaube in Bad Ischl. Sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr kann. Wenn man sich alleine fühlt, obwohl der Partner im gleichen Raum ist. Wenn man irgendwann einfach nur noch schlafen will und den Menschen, den man ein Leben lang geliebt hat und noch immer liebt, nicht mehr atmen hören will. Sie kann sich noch genau an die Schuldgefühle erinnern, die immer dann auftauchten, wenn sie auch einmal an sich denken wollte. 15 Jahre lang hat Felicitas Zehetner ihren Mann gepflegt, weil er sich irgendwann an nichts und niemanden mehr erinnern konnte.

"Ich habe keine Hilfe bekommen und habe sie so oft herbeigesehnt", sagt sie mit sanftem Linzer Akzent. In ein Pflegeheim wollte sie ihren Mann nie bringen – nur hin und wieder vor dem Alltag zu fliehen, wünschte sie sich. "Ich hätte es nicht übers Herz gebracht." Wenn Felicitas Zehetner spricht, sieht sie ihr Gegenüber direkt an. Manchmal streicht sie beim Reden über das Tischtuch; so als wolle sie einzelne Erfahrungen der Vergangenheit wegwischen wie Kuchenbrösel vom Jausentisch. Die heute 75-Jährige wollte kein Mitleid, sie wollte mehr Verständnis. "Das Thema Demenz war in den neunziger Jahren noch nicht in der Gesellschaft angekommen. Es gab kaum Angebote für pflegende Angehörige", sagt sie.

Anstatt sich nach dem Tod ihres Mannes nur noch um sich zu kümmern, vertiefte sie sich immer stärker in das Thema Demenz. Sie hatte die persönliche Seite der Krankheit erlebt, jetzt wollte sie diese verstehen. Im Jahr 1997 gründete sie einen Verein für Alzheimerhilfe. Drei Jahre später ging Zehetner auf Hotelsuche. Sie hielt nach einem Veranstaltungsort für Alzheimerurlaube Ausschau. "Manche wollten uns nicht haben. Die hatten Angst, als Demenzhotel abgestempelt zu werden", sagt sie. Fünf Jahre in Folge fanden die Urlaube in wechselnden Unterkünften statt. Im Jahr 2007 fand sie endlich den passenden Ort: ein Viersternehotel in Bad Ischl.

Ein Reflex, entstanden in vielen Jahren Ehe

Als Elfriede Pautz mit ihrem Mann, dem Oberstudienrat, beim Mittagessen sitzt, sieht sie tatsächlich entspannter aus als am Morgen. Sie war einkaufen und beim Friseur, hat sich umgezogen, nachgeschminkt, Schmuck und Kleidung farblich aufeinander abgestimmt. Am Nachmittag möchte sie zum Arzt gehen. Daheim in Linz bleibt dafür kaum Zeit. Wenn sie sich mit ihrer Tischnachbarin unterhält und verständnisvoll nickt, wippen ihre blond gefärbten Locken mit. Zum zweiten Mal ist das andere Paar beim Alzheimerurlaub in Bad Ischl dabei. Früher war es viel in den USA unterwegs. "Wir sind nicht oft in den Urlaub gefahren. Stimmt’s?", sagt Elfriede Pautz und sieht ihren Mann an. Es ist ein Reflex, entstanden in vielen Jahren Ehe. Aber der Oberstudienrat reagiert nicht. Teilnahmslos löffelt er seinen Nachtisch.

Felicitas Zehetner war von Anfang an klar: Anders als bisherige Angebote sollte der Alzheimerurlaub sein, den sie organisiert. Es gibt acht vierzehntägige Urlaubspakete pro Jahr. "Die Paare sollen danach entspannter sein und auch etwas mit nach Hause nehmen können", sagt sie, während sie den Hotelflur entlangläuft. An den Holztüren kleben kleine Namensschilder. Das hilft bei der Orientierung.

Leserkommentare
    • rescue
    • 29. Juni 2013 10:43 Uhr

    Eine schöne Sache. Es ist auch realitätsnah beschrieben, dass man nicht sofort ab- bzw. umschalten kann. Möglicherweise hat man erst am Ende des Urlaubs gelernt, kurze Auszeiten zu genießen, dann, wenn es wieder in den Alltag zurückgeht.

    Nachteil: das Modell ist nur etwas für Leute, die auch das Geld dafür haben. Der Großteil der pflegenden Angehörigen kann von so einem Urlaub nur träumen!

    Eine Leserempfehlung
  1. 1940 € pro Person für zwei Wochen plus Pflegekosten. Für Vollpension und Programm. Die Familien mit demenzkranken Angehörigen, die ich kenne, leben finanziell auch ohne Urlaub vollständig am Limit.

    Aber wer's hat - für den ist das sicher eine schöne Sache.

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  2. Das ist gesellschaftspolitischer Sprengstoff! Helmut Schmidt fordert die Tötung von Demenzkranken:http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16318. Es gibt aber auch schon längst eine Gegenbewegung von vielen, die sich nicht so einfach auf den Sterbe-Etat setzen lassen: http://www.ksta.de/koeln/....

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  3. Es scheint die Zahl der Menschen mit Symptomen von Demenz immer schneller größer zu werden. In Altenpflegeeinrichtungen sind, je nach Gründlichkeit der Diagnostik, mehr als die Hälfte der Bewohner von Demenz betroffen.
    Im privaten Bereich gibt es neben den neuen Modellen: Wohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäusern die mehr durch ihren exotischen Status als durch ihre Anzahl imponieren, häufig sehr grazile Lösungen. Da wird auch schon Mutter morgens eingeschlossen - der Strom ist abgesperrt, damit der Herd nicht angemacht und vergessen werden kann - und abends nach der Arbeit wieder aufgesucht. Vielfach leiden Angehörige sehr stark an den verschiedenen Belastungen: psychische Belastungen etwa durch erschreckende Rollenwechsel in der Familie, körperliche Belastungen in der Pflege und dem Stress rund um die Uhr an jedem Tag in der Woche mit unruhigen, sich gefährdenden Menschen umzugehen, die meist im Umgang äußerst schwierig sind.
    Aber es gibt überall kleine Lichtblicke, Versuche zu helfen, Bereitschaft auch, dass sich betroffene Angehörige zusammenschließen, Organisationen von und für Senioren. Oftmals entstehen laienhaft gemachte Angebote, die aber besser sind als keine Angebote und selbst die großen Anbieter von Pflege und Betreuung fangen an auf den großen Bedarf zu reagieren.
    www.nur-eintippen.de

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