Jan UllrichDas graue Schaf

Sein Dopinggeständnis hat Jan Ullrich wieder in die Schlagzeilen gebracht. Unser Autor war mit dem reuigen Sünder unterwegs. Eindrücke von einer ganz besonderen Radtour von 

Als zu Hause in Deutschland noch einmal der Dopingtrubel losbricht, ist Jan Ullrich "Away From It All", weit weg von allem. So heißt der Reiseveranstalter, für den der frühere Tour-de-France-Sieger eine Luxusradtour durch die USA begleitet. Das Interview im Focus, in dem er so offen wie nie zuvor von den illegalen Methoden zur Leistungssteigerung während seiner Profizeit erzählt, hat er Tage vor dem Abflug gegeben. Als er nun, spät in der Nacht, auf der Cresto Ranch hoch oben in den Bergen Colorados ankommt, ist er zwar erschöpft, aber nur vom langen Flug. Schon am nächsten Morgen, als wir in der knallklaren Morgensonne auf fast 3000 Meter Höhe gemeinsam frühstücken, wirkt er entspannt, voller Vorfreude auf die spektakuläre Reise from mountain to desert, zu der auch die ZEIT eingeladen worden ist: von der hochalpinen Landschaft der Lizard Head Wilderness hinüber nach Utah, in die Moab-Wüste. Dort warten die aus Western und Werbung bekannten roten Felsspektakel am Colorado River auf uns.

Jan Ullrich ist gut in Form. Zwar wiegt er 15 Kilogramm mehr als in seiner aktiven Zeit; das immer noch jungenhafte Sommersprossengesicht des fast 40-Jährigen ist längst nicht mehr so hohlwangig wie zu seinen Erfolgszeiten. Aber er zeigt wieder die klassische Radlerbräune: Gesicht, Arme und Beine so rotbraun gebrannt wie die Felsen von Moab, der Rest milchbleich. Seit Längerem schon trainiert er wieder regelmäßig, auf 10.000 Kilometer im Jahr will er kommen, ein knappes Drittel dessen, was er als Profi strampeln musste. Nach seinem abrupten, unrühmlichen Karriereende ist er jahrelang überhaupt nicht gefahren. "Das hat mir nicht gutgetan, vor allem dem Rücken nicht", sagt er. Jetzt aber hat er wieder ein Ziel: Am 21. August 2013 endet die Dopingsperre, die er nach quälendem juristischen Tauziehen schließlich akzeptierte; vier Tage später will er den Ötztaler Radmarathon fahren, 5500 Höhenmeter auf 240 Kilometern. "Das fährt selbst einer wie ich nicht aus der kalten Hose."

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Die Tour mit uns sechs Hobbyradlern vergangene Woche kommt ihm da gerade recht: knapp 100 Kilometer täglich in dünner Höhenluft und großer Hitze. Spurlos gehen die auch an ihm nicht vorbei, und beileibe ist er nicht immer der Erste auf der Passhöhe. Aber während wir Amateure mit weit aufgerissenen Mündern am Anschlag fahren, tritt er mühelos und locker, ohne je eine Sauerstoffschuld einzugehen, wie das Fachwort für jenen Zustand heißt, in dem unsereiner am liebsten kotzen möchte.

Jan Ullrich will sich nicht mehr quälen. "Das habe ich in meinem vorigen Leben wirklich genug gemacht." Er fährt nur noch so schnell, wie es ohne Leiden geht. Das ist sein neues Leben: endlich genießen, sich nicht mehr schinden im Training, nie mehr den Druck aushalten müssen, auf den Punkt fit zu sein für die Qual einer Tour de France. "Ich bin stolz auf meine Karriere", sagt er abends am Lagerfeuer, nach der ein oder anderen Flasche Colorado-Native-Bier, aber jetzt will er nur noch nach vorne schauen. Das gelbe Trikot vom Tour-Sieg hat er nicht wie sein ewiger Rivale Lance Armstrong angeberisch im Wohnzimmer aufgehängt, sondern weggepackt. Seine Hauptaufgabe sieht er jetzt in seiner Familie. Er, der als Vierjähriger vom Vater verlassen wurde, will für seine vier Kinder so viel wie möglich da sein. Voller Stolz zeigt er ihre Fotos und Videos auf seinem Handy herum. Diese Idylle soll fürderhin nicht mehr getrübt werden durch Störmeldungen aus der dunklen Vergangenheit. So ist wohl auch die späte Dopingbeichte zu erklären – als erneuter Versuch eines Schlussstrichs.

Er war schon einmal viel weiter, Jahre ist es her. 2007 wollte Jan Ullrich mit der ZEIT reden – über das gnadenlose System des Profiradsports, in dem alle verbotene Substanzen nehmen, in dem alle einander betrügen und deshalb keiner sich als Betrüger sieht, sondern nur als Wahrer seiner Chancengleichheit. Den Blick auf den Radsport wollte er verändern; es ging ihm nicht um Geld für das Gespräch – dabei hätte er ein Dopinggeständnis damals gewiss meistbietend verkaufen können.

Leserkommentare
    • TDU
    • 27. Juni 2013 14:19 Uhr
    1. Genau

    Zit.: "Diese Chance hat er verdient." Genau.

    2 Leserempfehlungen
  1. gebracht...

    Daß genau das der Sinn der ganzen Aktion ist kommt dem Autor offensichtlich nicht in den Sinn!

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    Sie müssen irgendwie von einem anderen Jan Ulrich sprechen. Der Radfahrer Jan Ulrich war nach meinem Eindruck jedenfalls immer sehr froh, wenn er von den Medien in Ruhe gelassen wurde. An anderer Stelle war zu lesen, dass er anlässlich der bevorstehenden Tour mal wieder mit Medienanfragen überhäuft wurde. Sie erwecken dagegen eher den Eindruck, als hätte umgekehrt Ulrich die Redaktionen abgeklappert

  2. Hm, irgendwann scheint es auch mal gut, es bei J.Ullrich und anderen "Sündern" auf sich beruhen zu lassen.

    Ohne Doping hätte er und kein anderer Spitzenfahrer irgend etwas von Bedeutung gewonnen. Das sind schon ganz gewaltige Zwänge und Zwickmühlen, in denen ein junger Sportler, der ehrgeizig und erfolgreich sein will steckt. Man muss sich nur vorstellen, was und wer da alles auf einen noch sehr jungen Menschen einwirkt. Der Tainer (oft fast Vaterersatz), die Teamkollegen, Sponsoren, die Ärzte und natürlich Medien usw...). Und Medien sind und waren die größten Kritiker, wenn Ullrich Schwächen zeigte und nur Dritter wurde. Da war er dann im Wintertraining zu faul, nicht aggresiv genug- eben fast ein Looser.

    Man muss sich klar machen, dass Ullrich, trotz seiner Erfolge, letztlich nur ein relativ kleines Mosaik im ganzen System war. Um gegen Doping anzugehen müsste man den Profisport von obern herab gründlich reformieren. Wer will und wer kann das? So geht der Kommerz fröhlich weiter und Sportveranstaltungen werden zu globalen Megaevents, die von korrupten Funktionären auch an Potentaten verkauft und und bis zum Limit vermarket werden. Dies hat nicht erst angefangen, als Coca Cola die Olympischen Spiele nach Atlanta kaufte. Es gehzt immer weiter. Nicht umsonst gibt es nun in Brasilien Proteste.

    Eventuell wäre eine "Gegenbewegung" sinnvoll. Eine Art Gegenspiele oder eine aLternative Tour de F. mit dem Ziel: Zurück zum Amateurgedanken. Dann können es sich Zuschauer und Medien aussuchen, was sie sehen wollen...na ja, träumen wird ja noch dürfen....

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  3. Sie müssen irgendwie von einem anderen Jan Ulrich sprechen. Der Radfahrer Jan Ulrich war nach meinem Eindruck jedenfalls immer sehr froh, wenn er von den Medien in Ruhe gelassen wurde. An anderer Stelle war zu lesen, dass er anlässlich der bevorstehenden Tour mal wieder mit Medienanfragen überhäuft wurde. Sie erwecken dagegen eher den Eindruck, als hätte umgekehrt Ulrich die Redaktionen abgeklappert

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  4. sondern eine Gesellschaft, die Doping verurteilt und in der jeder selbst so seine Mittelchen nimmt.

    Wo es auffällt, dass die Moralapostel der Medien und selbsternannte Dopingjäger oft aussehen wie Schwerstalkoholiker und Kettenraucher.

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    • Hokan
    • 27. Juni 2013 15:21 Uhr

    Sorry, Herr Siemens, wenn Sie eine vergnügliche Radtour machen, wird keiner Ihrer Leser etwas dagegen haben - ganz gleich, wer Sie dabei begleitet oder wen Sie begleiten.Und wenn Sie darüber einen ebenso vergnüglichen Fahrtbericht verfassen, hat sicher niemand Ihrer Leser etwas dagegen.

    Wenn allerdings mit, über und für Jan Ullrich geschrieben wird, dann hätten Sie es besser bleiben lassen sollen. Warum? Weil Sie sich und den Leser damit in den Dienst einer sich über Jahre hinziehenden Unsäglichkeit stellen. Man kann es gar nicht anders sagen. Einfach unsäglich. Jedes Wort von und über diesen Radfahrer ist schlicht zuviel. Und es dann auch noch zu lesen. Meine wohl schlechteste Idee heute. Mea cupla.

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    sind leute die denken das im sport hoechstleistungen ohne foerdermittelchen erbracht werden.

  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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    Es geht um eine "Luxus-Radtour", "zu der auch die ZEIT eingeladen worden ist". Das kann man nicht anders interpretieren als: die "Zeit" hat dafür nichts bezahlt. Aushängeschild dieser Luxusreise ist die Teilnahme von Jan Ulrich. Und am Ende kommt die "Zeit", was Ulrich betrifft, zum wohlwollenden Fazit: "Diese Chance hat er verdient."

    Meinen Sie nicht, werte "Zeit", dass so etwas ein G´schmäckle haben könnte?

  6. ...und andere dopen und werden als Superstar verehrt.
    (=> siehe München im "Pep-Fieber")

    "Ulle" hat sich einfach die falsche Sportart ausgesucht.
    Als Fussballer hätte er im Durchschnitt nur alle vier Jahre
    einmal eine Dopingprobe abgeben müssen...

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