DDR-RegimeEgon K. von der Costa Osta

Egon Krenz, der letzte DDR-Machthaber, greift mit einem neuen Buch noch einmal nach der Deutungshoheit. Ein Treffen im Eiscafé. von 

Eiszeit an der Ostsee: Egon Krenz im Eiscafé Palermo in Dierhagen.

Eiszeit an der Ostsee: Egon Krenz im Eiscafé Palermo in Dierhagen.  |  © Martin Machowecz

Vorige Woche war der einstige Staatschef kurzfristig verhindert. Egon Krenz hatte eine Panne. Das Auto sprang nicht an. Ein Marderschaden! Seine Anfahrt zum Interview scheiterte. Aber hatte man das nicht schon immer gewusst – dass im Kapitalismus am Ende doch das Raubtier gewinnt? Und wenn es ein noch so winziges ist.

Egon Krenz, letzter SED-Generalsekretär, am Ende mächtigster Mann der DDR, wird von einem Nager lahmgelegt. Lässt, per Telefon, leise um Nachsicht bitten: "Herr Krenz entschuldigt sich", sagt die Sprecherin seines Verlegers. Ob man sich, statt im fernen Berlin, auch bei ihm an der Küste treffen könne? Im Ostseebad Dierhagen wohnt Krenz. Dort kann er alles fußläufig erreichen. Es gebe da ein Eiscafé, das Palermo. Dort werde er warten. Ja?

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Also dann, auf ins Palermo! Unterwegs schon ein Gespräch, ein Telefonat. Krenz meldet sich nicht mit Namen. Wirklich ins Palermo, Herr Krenz? Ja, sagt er. "Machen Sie sich keine Eile." Auf fünf Minuten mehr oder weniger komme es ihm nicht an.

Egon Krenz

76, war von 1959 bis 1983 FDJ-Funktionär und von 1984 an zweiter Mann hinter Honecker an der DDR-Spitze. 1989 wurde er dessen Nachfolger.

Das muss die Entspanntheit desjenigen sein, dessen Welt schon vor mehr als zwanzig Jahren untergegangen ist. Krenz ist inzwischen 76, er lebt das Leben der Rentner. Im hintersten Winkel der Bundesrepublik. Wohnt mit seiner Frau in einem reetgedeckten Haus ("36 Quadratmeter"), einem Büdchen hinterm Deich. Er hat dort ein kleines Grundstück, aber er ist ein Herr ohne Land.

1989: Für Deutschland war das der Anfang. Für Egon Krenz war dies das Ende. Er war damals 52, auf dem Höhepunkt seiner Macht. Auf einmal floss der Sekt am eben geöffneten Brandenburger Tor. Krenz wurde zum armen Schlucker. In der neuen Welt, die sein einstiges Volk entdeckte, landete Krenz im Bau. Für seine Mitverantwortung für die Todesschüsse an der Mauer verurteilten ihn die Gerichte der Bundesrepublik zu sechs Jahren Haft.

Der Autor dieses Textes ist geboren im Vorwendejahr 1988 – in der DDR. Da hieß der Anführer des SED-Staats noch Genosse Erich Honecker. Den stürzte Krenz am 18. Oktober 1989. Am 3. Dezember 1989 trieb des Volkes Wut Krenz schon wieder aus dem Amt. Nach 50 Tagen. Als junger Mensch möchte man schon gerne wissen: Was ist heute von diesem Mann zu halten, der mit der DDR in den Abgrund ritt? Welches Gefühl soll man ihm entgegenbringen?

Anfahrt auf Dierhagen, es brennt die Sonne, es rauscht das Meer. Hier verdichtet sich die Geschichte des Ostens. Dies ist Angela Merkels Wahlkreis. Um die Ecke hat Joachim Gauck seine ersten Lebensjahre verbracht. Eine einzige Straße führt dorthin. Wer zu den Gaucks wollte, müsste an Krenz vorbei.

Egon Krenz hat ein Wasser bestellt.

Ihn sieht sofort, wer das Palermo betritt, er sitzt dort ganz alleine. Die anderen Gäste hocken draußen, im Garten. Das Palermo: Eiscafé-Trash vom Feinsten, integriert in eine Edeka-Filiale. Tische aus gemustertem Marmor, man sitzt beinahe auf dem Supermarkt-Parkplatz. Italien an der Costa Osta, der Boden ist gefliest. Warum empfängt er hier einen Journalisten?

Der Eindruck ist: Krenz hat eine Mission gestartet. Er will die historische Verdammnis verlassen. Man hat das Gefühl, dass Egon Krenz noch einmal nach der Deutungshoheit greift. Er, das Fossil des Sozialismus, unternimmt einen Versuch, den Menschen der Jetztzeit die Augen zu öffnen. Ein Mann zwischen den Welten.

Das Buch

70 Zeitzeugen lässt Egon Krenz in seinem Buch über Walter Ulbricht in eigenen Texten zu Wort kommen – vom Leibarzt bis zum sowjetischen Botschafter, von Hans Modrow bis Margot Honecker. Wir dokumentieren einige der Kapitel-Überschriften aus dem Buch:

Im Juni 1961 hatte niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten

Mit der FDJ auf glattem Eis (von Hans Modrow)

Was ich an ihm bewunderte? Wie liebevoll er mit Lotte umging

Ich schwamm mit Ulbricht vor Warnemünde um die Wette

"Westpakete" von Walter Ulbrichts Schwester Hildegard

1949, 1953, 1963 etc. – Ulbricht war stets für Überraschungen gut

Ein moderner Mensch: ein sozialistischer Unternehmer

Ein Dämonbild kippt

Gepäckarbeiter auf dem Bahnhof, dann Außenhandelsminister

Und stets stellte er die berechtigte Frage: "Und, was ist das Neue?"

Er wollte Praktiker im Politbüro. Ich war jung, qualifiziert, Frau und leitete eine Genossenschaft

Wir lutschten seine Pralinen

Künstler lieben nun mal die Kuh, die aus der Reihe tanzt

Es ging immer um die Sache, nicht um Personen (von Margot Honecker)

"Herzlich willkommen, liebe Genossin Walter Ulbricht"

"Niemand hat die Absicht, in ihr Schaffen hineinzupfuschen"

Ulbricht wusste, ein Leben auf Kredit kommt teuer zu stehen

Ohne die beiden Ulbrichts gäbe es das Hotel "Neptun" nicht

Er war ein disziplinierter Patient und zu keinem Moment senil

Krenz gibt dieser Tage ein Buch heraus, das zeigen soll, wie es alles gemeint war – damals, unter seinem Vorvorgänger, Walter Ulbricht, dem Gründungsvater der DDR. Zwischen diesem und Krenz regierte nur Honecker. Walter Ulbricht. Zeitzeugen und Zeugnisse heißt das Werk. Zu Wort kommen 70 Weggefährten des alten Genossen Ulbricht – vom Leibwächter bis zu Honeckers Margot, jeder darf etwas sagen. Krenz hat dazu eingeladen, oft stellte er selbst die Fragen. Er verwaltet nun das Erbe seines Staats.

Auf Krenz’ Tisch liegt ein iPhone, verhüllt im Lederetui. Der Wi-Fi-Sozialist? Darüber müssen wir reden. Aber erst: Ein Blick in die Karte. Was bestellen? "Eisbecher Pinocchio", das wäre wohl eine Provokation, ein Lügner will Krenz nicht sein, auch wenn es immer hieß, er habe Wahlen gefälscht. Den "Freundschaftsbecher"? Zu sehr DDR-Tümelei. Also eine Cola. Krenz: "Für mich nichts weiter, Danke." Sein Wasser ist mit Sprudel.

Herr Krenz, was macht Ihr Auto? "Mmmh".

Es ist der Mittwoch voriger Woche. Krenz sagt, gleich zu Beginn: "Ich habe mir im Fernsehen gerade den Empfang Barack Obamas in Berlin angeschaut. Man gewinnt manchmal ja den Eindruck, die alte Bundesrepublik Deutschland hat gar keine eigene Geschichte."

Wie kommen Sie darauf? Wissen Sie, sagt Krenz: Immer spreche man nur vom 13. August, vom 9.November, vom 17. Juni. Er meint: vom Mauerbau, vom Mauerfall, vom Volksaufstand in der DDR.

Fünf Minuten! So lange braucht er zu den großen Themen seines Lebens.

Zu denken, einer wie Krenz zeige Reue, das wäre natürlich naiv.

Krenz sagt, mitten im Palermo: "Ich würde mich schämen, würde ich heute das Gegenteil von dem behaupten, was ich zu DDR-Zeiten vertreten habe. Ich kann ja nicht sagen: Leute, alles war nur Spaß! Ich habe mich geirrt! Nein, so einfach mache ich mir das nicht."

Er sagt auch, so mitten im Palermo: "Vielleicht ist es heute nicht mehr in Mode, dass man Ideale hat. Dadurch, dass die DDR verloren hat, sind doch meine Ideale nicht verloren."

Krenz sagt zuletzt, so mitten im Palermo: "Ich möchte bei jenen DDR-Bürgern, die sich für ihr Land eingesetzt haben, das Gefühl stärken, dass ihr Leben nicht umsonst war." Dazu solle sein Ulbricht-Buch beitragen. "Ich möchte das Leben in der DDR nicht missen."

Im Palermo läuft das Radio, der Musiker Tim Bendzko singt: Nur noch kurz die Welt retten. Krenz sagt, er verüble dem Reporter nicht dessen einseitige Ausbildung. Der Reporter hatte ja keine Chance, die DDR kennenzulernen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Unterstellungen. Danke, die Redaktion/sam

    2 Leserempfehlungen
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    • scg
    • 27. Juni 2013 17:29 Uhr

    weil man weiß dass der kommunismus noch nie irgendwo dauerhaft funktioniert hat

  2. Wen interessiert es was Krenz für Klamotten und Schuhe an hat und dass er bei der EDEKA einkauft? Sorry - aber das ist für mich unterallerste Grotte und peinlich ohnehin.

    Man mag Egon Krenz gegenüber sehr kritisch eingestellt sein - aber man hat es zweifellos mit einer Persönlichkeit der Zeitgeschichte, einem wichtigen Zeitzeugen zu tun, der mit Sicherheit einiges zu sagen hat. Diese Chance wurde vergeigt.

    52 Leserempfehlungen
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    ich stimme Ihnen hier zu. Auch wenn man E. Krenz zu recht kritisch gegenüber stehen kann erwarte ich kein Intervier auf Bunte-Niveau!

    Vergeigt trifft es ganz gut.

    Beste Grüße
    FSonntag

    wie solche Persönlichkeiten einer sozialistischen Diktatur heute es für ganz normal erachten, die ach so bösen Errungenschaften der Klassenfeindes zu konsumieren ....

    • hairy
    • 28. Juni 2013 9:22 Uhr

    Schwacher Artikel. Fast alles wird ins Lächerliche gedreht, zur Unterhaltung, nicht zur Einsicht. Vor lauter "im Palermo" und all den Nebensächlichkeiten ist dann kaum Raum mehr für seriösere Fragen. "So ein Sozialist und sein Smartphone, ist das eigentlich dekadent? Ein Kommunist mit Touchscreen?" Das ist doch echt nicht nötig. Und es zeugt auch von peinlichem Wissensmangel. Wer in der DDR "Devisen" hatte, konnte all den Westkram eh kaufen: Autos, Klamotten, Lebensmittel. Da ZK hatte eine Vorliebe für Volvo. Usw.

    • fx66
    • 28. Juni 2013 12:21 Uhr

    Das fängt schon beim Begriff "Regime" an. Der wird heute für alles gebraucht, was nicht in die eigene Ideologie passt. "Terror", "Regime"....Hauptsache dem Leser wird suggeriert, wir lebten heute im besten System aller Zeiten..

    • Robo T
    • 28. Juni 2013 16:15 Uhr

    - kein nennenswerter Inhalt
    - gepflastert mit Vorurteilen
    - ...

    • Yasuno
    • 27. Juni 2013 17:08 Uhr

    Wie jeder andere Karrierist im heutigen Bundestag auch.

    Vae victis. Macht Dir keine Kopf, Junge. Und es ist ein schönes Leben in einem Ostseebad bei einem lecker Eis.

    12 Leserempfehlungen
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    ...und Herr Krenz ist nicht wieder straffällig in Erscheinung getreten. Damit ist die Angelegenheit erledigt

    Und Siegerjustiz war es auch nicht, da die Bundesrepublik im Rahmen des Einigungsvertrages anerkennen musste, dass die DDR ein souveräner Staat war, in dem das Recht des alten Westdeutschlands nicht galt. Egon Krenz hatte sich nach DDR-Recht strafbar gemacht.

    Und trotzdem: ich finde es beschämend, dass man die Chance, mit einem ehemaligen Staatschef ein Interview zu führen, nicht nutzt. [...]

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/sam

  3. 4. Hat ZO

    solche Beiträge nötig?

    13 Leserempfehlungen
  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen und argumentativen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    3 Leserempfehlungen
  5. ... ein "Was wäre wenn ich Egon Krenz begnegne"- Phantasieaufsatz oder fand das Interview wirklich statt?

    26 Leserempfehlungen
    • scg
    • 27. Juni 2013 17:29 Uhr

    aus dem nichts gemacht wurde

    25 Leserempfehlungen
    • scg
    • 27. Juni 2013 17:29 Uhr

    weil man weiß dass der kommunismus noch nie irgendwo dauerhaft funktioniert hat

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kommunismus, Kapitalismus....
    Warum werden alle politischen und historischen Diskurse immer nur vor einem idelogischen Hintergrund geführt (so wie dieses "Interview"). Ist es denn wirklich so schwer einfach mal die Kommunismus- bzw. Kapitalismusbrille abzunehmen und einfach die Fakten wie sie vor einem liegen zu betrachten. In der BRD ist die Kollektivmeinung ausgegeben dass die DDR von Kopf bis Fuß böse war (in einigen Kreisen sogar schlimmer als das 3. Reich mit seinen Abermillionen an Toten durch Krieg und Völkermord).
    Überwachung (Vorratsdatenspeicherung, Prism...) und Korruption (Mollath, Steuerhinterziehung, usw...) existieren auch in dieser Scheindemokratie (siehe Lobbyismus) in ihrer vollen Pracht.
    Aber hey solange sich die BRD als "demokratisch" labelt, wir alle schön weiter konsumieren und ab und an mal ganz politisch "Das Unrechtsregime" kritisieren aber gleichzeitig nicht wählen gehen is doch alles in Ordnung.

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