Eiszeit an der Ostsee: Egon Krenz im Eiscafé Palermo in Dierhagen. © Martin Machowecz

Vorige Woche war der einstige Staatschef kurzfristig verhindert. Egon Krenz hatte eine Panne. Das Auto sprang nicht an. Ein Marderschaden! Seine Anfahrt zum Interview scheiterte. Aber hatte man das nicht schon immer gewusst – dass im Kapitalismus am Ende doch das Raubtier gewinnt? Und wenn es ein noch so winziges ist.

Egon Krenz, letzter SED-Generalsekretär, am Ende mächtigster Mann der DDR, wird von einem Nager lahmgelegt. Lässt, per Telefon, leise um Nachsicht bitten: "Herr Krenz entschuldigt sich", sagt die Sprecherin seines Verlegers. Ob man sich, statt im fernen Berlin, auch bei ihm an der Küste treffen könne? Im Ostseebad Dierhagen wohnt Krenz. Dort kann er alles fußläufig erreichen. Es gebe da ein Eiscafé, das Palermo. Dort werde er warten. Ja?

Also dann, auf ins Palermo! Unterwegs schon ein Gespräch, ein Telefonat. Krenz meldet sich nicht mit Namen. Wirklich ins Palermo, Herr Krenz? Ja, sagt er. "Machen Sie sich keine Eile." Auf fünf Minuten mehr oder weniger komme es ihm nicht an.

Das muss die Entspanntheit desjenigen sein, dessen Welt schon vor mehr als zwanzig Jahren untergegangen ist. Krenz ist inzwischen 76, er lebt das Leben der Rentner. Im hintersten Winkel der Bundesrepublik. Wohnt mit seiner Frau in einem reetgedeckten Haus ("36 Quadratmeter"), einem Büdchen hinterm Deich. Er hat dort ein kleines Grundstück, aber er ist ein Herr ohne Land.

1989: Für Deutschland war das der Anfang. Für Egon Krenz war dies das Ende. Er war damals 52, auf dem Höhepunkt seiner Macht. Auf einmal floss der Sekt am eben geöffneten Brandenburger Tor. Krenz wurde zum armen Schlucker. In der neuen Welt, die sein einstiges Volk entdeckte, landete Krenz im Bau. Für seine Mitverantwortung für die Todesschüsse an der Mauer verurteilten ihn die Gerichte der Bundesrepublik zu sechs Jahren Haft.

Der Autor dieses Textes ist geboren im Vorwendejahr 1988 – in der DDR. Da hieß der Anführer des SED-Staats noch Genosse Erich Honecker. Den stürzte Krenz am 18. Oktober 1989. Am 3. Dezember 1989 trieb des Volkes Wut Krenz schon wieder aus dem Amt. Nach 50 Tagen. Als junger Mensch möchte man schon gerne wissen: Was ist heute von diesem Mann zu halten, der mit der DDR in den Abgrund ritt? Welches Gefühl soll man ihm entgegenbringen?

Anfahrt auf Dierhagen, es brennt die Sonne, es rauscht das Meer. Hier verdichtet sich die Geschichte des Ostens. Dies ist Angela Merkels Wahlkreis. Um die Ecke hat Joachim Gauck seine ersten Lebensjahre verbracht. Eine einzige Straße führt dorthin. Wer zu den Gaucks wollte, müsste an Krenz vorbei.

Egon Krenz hat ein Wasser bestellt.

Ihn sieht sofort, wer das Palermo betritt, er sitzt dort ganz alleine. Die anderen Gäste hocken draußen, im Garten. Das Palermo: Eiscafé-Trash vom Feinsten, integriert in eine Edeka-Filiale. Tische aus gemustertem Marmor, man sitzt beinahe auf dem Supermarkt-Parkplatz. Italien an der Costa Osta, der Boden ist gefliest. Warum empfängt er hier einen Journalisten?

Der Eindruck ist: Krenz hat eine Mission gestartet. Er will die historische Verdammnis verlassen. Man hat das Gefühl, dass Egon Krenz noch einmal nach der Deutungshoheit greift. Er, das Fossil des Sozialismus, unternimmt einen Versuch, den Menschen der Jetztzeit die Augen zu öffnen. Ein Mann zwischen den Welten.

Krenz gibt dieser Tage ein Buch heraus, das zeigen soll, wie es alles gemeint war – damals, unter seinem Vorvorgänger, Walter Ulbricht, dem Gründungsvater der DDR. Zwischen diesem und Krenz regierte nur Honecker. Walter Ulbricht. Zeitzeugen und Zeugnisse heißt das Werk. Zu Wort kommen 70 Weggefährten des alten Genossen Ulbricht – vom Leibwächter bis zu Honeckers Margot, jeder darf etwas sagen. Krenz hat dazu eingeladen, oft stellte er selbst die Fragen. Er verwaltet nun das Erbe seines Staats.

Auf Krenz’ Tisch liegt ein iPhone, verhüllt im Lederetui. Der Wi-Fi-Sozialist? Darüber müssen wir reden. Aber erst: Ein Blick in die Karte. Was bestellen? "Eisbecher Pinocchio", das wäre wohl eine Provokation, ein Lügner will Krenz nicht sein, auch wenn es immer hieß, er habe Wahlen gefälscht. Den "Freundschaftsbecher"? Zu sehr DDR-Tümelei. Also eine Cola. Krenz: "Für mich nichts weiter, Danke." Sein Wasser ist mit Sprudel.

Herr Krenz, was macht Ihr Auto? "Mmmh".

Es ist der Mittwoch voriger Woche. Krenz sagt, gleich zu Beginn: "Ich habe mir im Fernsehen gerade den Empfang Barack Obamas in Berlin angeschaut. Man gewinnt manchmal ja den Eindruck, die alte Bundesrepublik Deutschland hat gar keine eigene Geschichte."

Wie kommen Sie darauf? Wissen Sie, sagt Krenz: Immer spreche man nur vom 13. August, vom 9.November, vom 17. Juni. Er meint: vom Mauerbau, vom Mauerfall, vom Volksaufstand in der DDR.

Fünf Minuten! So lange braucht er zu den großen Themen seines Lebens.

Zu denken, einer wie Krenz zeige Reue, das wäre natürlich naiv.

Krenz sagt, mitten im Palermo: "Ich würde mich schämen, würde ich heute das Gegenteil von dem behaupten, was ich zu DDR-Zeiten vertreten habe. Ich kann ja nicht sagen: Leute, alles war nur Spaß! Ich habe mich geirrt! Nein, so einfach mache ich mir das nicht."

Er sagt auch, so mitten im Palermo: "Vielleicht ist es heute nicht mehr in Mode, dass man Ideale hat. Dadurch, dass die DDR verloren hat, sind doch meine Ideale nicht verloren."

Krenz sagt zuletzt, so mitten im Palermo: "Ich möchte bei jenen DDR-Bürgern, die sich für ihr Land eingesetzt haben, das Gefühl stärken, dass ihr Leben nicht umsonst war." Dazu solle sein Ulbricht-Buch beitragen. "Ich möchte das Leben in der DDR nicht missen."

Im Palermo läuft das Radio, der Musiker Tim Bendzko singt: Nur noch kurz die Welt retten. Krenz sagt, er verüble dem Reporter nicht dessen einseitige Ausbildung. Der Reporter hatte ja keine Chance, die DDR kennenzulernen.